Knülle

Von Johannes Morschl.

Ein Sonntagabend Anfang Dezember in Berlin. Nach dem Rauchen seines obligaten Abendjoints wandert der allein lebende alte Dichter Hans Walter Knülle in seinem Wohnzimmer auf und ab und führt Selbstgespräche. „War der Urknall, aus dem das Weltall entstanden ist, wirklich der Anfang? Muss nicht schon vor ihm etwas dagewesen sein, das ihn verursacht hat? Das ist wie bei einem Furz, der kommt auch nicht aus dem Nichts. War der Urknall etwa gar ein gewaltiger Urfurz? Doch wer soll ihn gelassen haben? Bei mir könnte man zwar sagen, sein Name ist Hans Walter, wenn er furzt, so knallt er, aber wenn ein Furz von mir auch noch so laut knallt, kommt er nie und nimmer gegen den Urknall an.“ Knülle kratzt sich am Kopf. „Was fällt mir da wieder für ein Schwachsinn ein! Ist meiner Größe als vermutlich größter lebender deutscher Dichter nicht würdig.“ Dann reimt er aus dem Stegreif: „In einsam rauchiger Abendstunde bricht es bitter aus des Dichters Munde: Oh Welt, ich geh an dir verzweifelnd zugrunde.“ Er stockt und sagt dann: „Hat es überhaupt noch einen Sinn, zu dichten? Ist nicht sowieso alles sinnlos angesichts des todsicher kommenden Todes? Der Tod hat aber auch sein Gutes, zumindest für mich. Dann habe ich meine ewige Ruhe von der Qual des mühseligen Dichtens, das so gut wie gar nichts einbringt. Es heißt, die Deutschen seien ein Volk der Dichter und Denker, aber dieses Volk interessiert sich nicht die Bohne für Gedichte. Es ist geradezu selbstmörderisch, hauptberuflich deutscher Dichter zu sein, noch dazu, wenn man so mittellos ist wie ich und auf Almosen vom Staat angewiesen ist. Da befindet man sich immer am Rande der Obdachlosigkeit, des Flaschensammelns und Bettelns. Ich sage mir aber, wer im Wohlstand lebt, lebt zu angenehm, um so bissig über die Welt dichten zu können wie ein armer Hund. Da fehlt das Magenknurren, das Infragestellen der Welt aus dem knurrenden Magen heraus.“

Knülle kratzt sich wieder am Kopf. „Wenn dereinst ich sterbe, dann veranstalte man bloß keine Trauerfeier. Ich hasse Trauerfeiern und erst recht diese heuchlerischen Trauerreden, in denen die verstorbene Person schöngeredet wird, von der man, als sie noch lebte, vielleicht gedacht hat, was für ein Ekelpaket sie sei. Man sehe es bei mir so: Er ist endlich dieser Welt entkommen, an der er immer gelitten hat und die ihn immer verkannt hat, ja die ihn mit voller Absicht verkannt hat, weil er sie grundsätzlich infrage stellte und nicht bloß über irgendwelche Missstände und Ungerechtigkeiten lamentierte. Aber wer soll schon wegen mir eine Trauerfeier machen? Ich habe mich von allen Freunden und Bekannten zurückgezogen, da mir ihr Geschwätz zunehmend auf die Nerven ging und mich ihre guten Ratschläge in Rage brachten. Ich konnte die Welt von Anfang an nicht ertragen. Bin auch nur deshalb Dichter geworden, weil ich die Welt von Anfang an nicht ertragen konnte. Da blieb mir fast gar nichts anderes übrig, als Dichter zu werden, obwohl mir das Talent zum Dichten wahrlich nicht in die Wiege gelegt wurde. Ich wuchs in einer Familie auf, in der man höchstens jene verkürzte Version von Schillers Glocke aufsagen konnte: ‚Loch in Erde, Bronze rin, Glocke fertig, bim bim bim.‘ Schon als pubertierender Gymnasiast erkannte ich, das Zeug zu einem großen Dichter zu haben. Allerdings gibt es bei mir die absonderliche Besonderheit, ein großer Dichter zu sein, dem eigentlich das Talent zum Dichten fehlt, der aber gerade deshalb ein großer Dichter ist, weil er mit jedem seiner Gedichte gegen sein fehlendes Talent zum Dichten ankämpft. Aus diesem Krampf – Quatsch, ich meine natürlich Kampf – entsteht oft Ungeheuerliches, das ich selbst nicht immer verstehe. Früher beging ich den Fehler, meine Gedichte bei Leseabenden offener Lesebühnen vorzutragen. Da glotzte man mich immer an, als verstünde man nur Bahnhof, und wenn ich mit dem Lesen fertig war, herrschte betretenes Schweigen.

Einmal und danach nie wieder sandte ich meine Gedichte an einen renommierten Verlag, der auch Gegenwartslyrik herausgab. Man sandte sie mir postwendend zurück und schrieb: ‚Damit können wir leider nichts anfangen.‘ Vermutlich dachte man, meinen Gedichten nach zu schließen müsse es sich bei mir um einen Irren handeln. Aber sind nicht so einige große Dichter an der Welt irre geworden? Kann man überhaupt ein großer Dichter werden, ohne an der Welt irre geworden zu sein? Man denke zum Beispiel an Friedrich Hölderlin, der ein paar Monate in einer Heilanstalt für Geisteskranke zwangsinterniert war, als ‚unheilbar geisteskrank‘ entlassen wurde und in einem Turm in Tübingen in geistiger Umnachtung endete. Oder man denke an Georg Trakl, der Zuflucht zu Opium, Morphium und Kokain nahm und sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach der Schlacht von Grodek, an der er als Sanitätsleutnant in der österreichisch-ungarischen Armee teilnahm, mittels Injizierens einer Überdosis Kokain aus dem Leben beförderte. Er war da erst 27 Jahre alt. ‚Alle Straßen münden in schwarze Verwesung‘, heißt es in seinem letzten Gedicht Grodek. Auswegloser geht es nicht mehr.

Gegen die Fälle Hölderlin und Trakl scheine ich ein harmloser Fall zu sein. Aber der Schein trügt, ich bin durchaus kein harmloser Fall, nur ein unauffälliger Fall, da ich mich so weit als möglich von den Menschen zurückgezogen habe. Ich bin inzwischen fast der Einzige, der noch Kenntnis von meiner Existenz hat, und auch da bin ich mir nicht immer sicher, ob es einen so großen Dichter wie mich in dieser der Dichtung so abholden Zeit überhaupt geben könne.“

Plötzlich erscheint Knülle ein Zwerg mit roter Zipfelmütze, der die Hose herunterlässt und in gebückter Haltung auf den Fußboden kackt. Knülle ist entsetzt, schließt die Augen und sagt sich: „Ist es mit mir schon so weit, dass ich halluziniere? Bin ich jetzt reif für die Psychiatrie?“ Er atmet ein paar Mal tief durch, in der Hoffnung, dadurch wieder in die ganz normale und banale Realität zurückzukommen. Als er die Augen wieder öffnet, ist der kackende Zwerg aber noch immer da. Knülle denkt sich: „Da muss ich jetzt durch.“ Er fragt den Zwerg: „Wer bist du?“ Der Zwerg: „Ich bin Godot.“ Knülle: „Ich wusste gar nicht, dass Godot, auf den die beiden Obdachlosen Estragon und Wladimir in Becketts Stück Warten auf Godot von Anfang bis Ende des Stücks sinnlos warten, ein kleiner Scheißer mit Zipfelmütze ist. Das wird bei Beckett nirgendwo erwähnt.“ Der Zwerg: „Was interessiert mich Beckett, dieser irische Alkoholiker und Schopenhauer-Fan mit dem zerfurchten Raubvogelgesicht? Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, dann lass das Dichten sein, es kommt bei dir nur Wirrwarr raus.“ Knülle: „Was heißt hier Wirrwarr? Ich habe meine künstlerischen Prinzipien. Meine Devise lautet: ‚Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen‘, wie Adorno in Minima Moralia schrieb.“ Der Zwerg: „Da hast du dir ja den passenden Spruch ausgesucht. Chaos passt zu dir, du warst schon immer ein Chaot. Geh lieber an die frische Luft, geh unter die Leute, anstatt dauernd in deiner Bude zu hocken, sie voll zu qualmen und nur unsinniges Zeug zu dichten.“ Knülle empört: „Nicht nur, dass er mir ins Zimmer scheißt, wird er auch noch frech!“

Aber so plötzlich, wie der Zwerg erschienen ist, ist er auch wieder verschwunden. Auch sein Kackhaufen ist verschwunden. Knülle atmet erleichtert auf und sagt sich: „Kein Wunder, dass ich schon halluziniere. Das kommt nicht nur vom Kiffen, sondern vor allem auch, weil ich zu wenig esse.“ Er gibt sich den Befehl: „Essen Sie, Knülle, essen Sie doch!“ Gehorsamst schmiert er sich ein Butterbrot und belegt es mit Gurkenscheiben. Beim Essen des Brotes beschleichen ihn düstere Gedanken. „Vielleicht bilde ich mir nur ein, ein großer Dichter zu sein, bin aber in Wirklichkeit als Dichter eine Katastrophe.“ Zutiefst deprimiert sagt er sich: „Das Einzige, was man nach meinem Tod mit Sicherheit über mich sagen wird können, ist: Auch er stammte von den Affen ab.“

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