Ereignis nahe der Möckernbrücke

Von Michael Wiedorn.

Auf der anderen Seite der Möckernbrücke ist etwas geschehen. Ein Auto steht mitten auf der Fahrbahn quer. Niemand sitzt im Wagen. Ein kleiner Lieferwagen rast über die Brücke aus der Richtung des Zwischenfalles auf mich zu, kurz bevor er mich erreicht hat, biegt er rechts ab und fährt ein kurzes Stück weiter. Plötzlich hält das Auto. Wird der Fahrer nachdenklich oder fällt ihm etwas Vergessenes ein? Dann fährt der Wagen in die eingeschlagene Richtung weiter. Ich wundere mich. Mein Weg hätte mich eigentlich in die Grünanlagen gegenüber des Technikmuseums führen sollen. Ich entschließe mich die Möckernbrücke zu überqueren. Beim Näherkommen sehe ich außer dem querstehenden Auto noch einen reglosen Körper auf dem Straßenpflaster liegen. Die Härte des Straßenbelages kontrastiert zur Weichheit und Verwundbarkeit des Körpers. Eine heftige Erschütterung zertrümmert ein kompliziertes Ineinander von Blutgefäßen, Knochen, zarten Häutchen, hinter denen sich lebenssichernde Flüssigkeiten stauen und fließen. Eine alte Frau mit gelber Bluse.

Ich ging nachts auf einer verregneten, von Herbstlaub rutschigen Straße lange vor der Morgendämmerung im Dunkeln. Mein Fuß stieß unerwartet gegen etwas Hartes. Gleichzeitig schlug ein steinharter Stoß gegen meine Schläfe und ich lag auf allen Vieren auf dem Straßenpflaster. Mein Gesicht blutete und ich war hilflos. Wäre jemand vorbeigekommen, hätte man mich als besoffenen Idioten eingeschätzt. Blut befeuchtete meine Augenbrauen. Plötzlich!

Leute stehen am Straßenrand. Zwei Frauen unterhalten sich angeregt und aufgeregt. Zwischen heftigem Kopfnicken blicken sie unternehmungslustig auf den leblosen Kadaver auf dem Boden, der von den ankommenden Autos umfahren wird. Jugendliche lachen gelegentlich und ganz abgehackt, als verleugneten sie mit Häme ihr Schuldgefühl. An diesem langweiligen, ereignislosen Nachmittag schlägt das Schicksal zu. Leben und Tod. Beim Anblick des schlaffen Fleisches, das von seiner Umwelt ausgesperrt ist und nicht das Geringste tun kann, spüren wir unser Blut kraftvoll in den Adern kreisen. Für das Opfer ist heute der Tag, der alles zerstört hat. Wir können unsere Glieder bewegen, wie wir wollen. Wir können gehen und laufen, wohin wir wollen. Wir sind Täter und keine Opfer. Zwei nicht wie Sanitäter angezogene Männer betätigen sich an der verunglückten Frau. Sie ist unförmig. Sie ist stumm. Sie ist ein unbeseelter Gegenstand. Diese alte Frau ist weder Mann noch Frau. Darf man ein Unfallopfer einfach so berühren und bewegen? Vielleicht hat das Opfer Verletzungen an der Wirbelsäule? Sollte ich mich aufraffen und die mit dem Körper beschäftigten Leute fragen, wer sie sind und ob schon der Notarzt gerufen worden ist? Trägheit und Schüchternheit lähmen meine Handlungsfreiheit. Ich stehe gaffend da. Hier wird ein Verbrechen gedeckt. Unter unseren Augen wird ein Mensch umgebracht und wir wollen nichts wahrnehmen. Man wird mich zu Recht verurteilen. Der Lieferwagen, der vorhin über die Möckernbrücke gefahren ist, plötzlich anhielt und dann weiterfuhr. Fahrerflucht! Der Lieferwagen tötete die Alte und ließ sie verbluten. Ein alter Mann sieht mit großen, leuchtenden Augen auf den blutigen Kleider- und Fleischhaufen und genießt den milden Frühlingsnachmittag. Aufregend wie ein Fernsehkrimi! Wir stehen aufrecht auf unseren Beinen.

© 2020 Michael Wiedorn
Alle Rechte vorbehalten