Im Bann der Spinne

Von Michael Wiedorn.

Ich betrete das Badezimmer in dem Internat, in dem man mich als Schüler untergebracht hat. Es ist später Nachmittag. Alle Wasserhähne sind besetzt. Der Raum dampft vom Schweiß nackter Männer. Ich kenne keinen. Eine alles aufweichende, feuchte Wärme. Ein Fettsack mit kräftigem, kohlrabenschwarzem Haar und eben so schwarzem Schnauzer, der seinen Mund wie ein gefräßiger Dschungel überwuchert, drückt gierig Waschcreme aus einer Flasche in seine aufgeregt zitternde Hand und schmiert sich dann über seinen schwabbelnden, käseweißen und behaarten Körper. Mich ekelt es und ich fühle mich beengt. Ein Alb legt sich mir auf die Brust.

Die schwüle Feuchtigkeit würgt mir den Atem ab. Ich werde später wieder kommen. Am Abend stehen wir Schüler an einer Mauer und starren auf eine Spinne, die ein Spinnennetz vom oberen Rand einer Steinstufe bis zur Decke hinauf gewebt hat. Hinter dem Netz kauert eingesperrt ein Junge, der mit strahlend bewundernden Augen das sich verdichtende Netz anstarrt. Ein Häftling begeistert sich für die Härte seiner ihn bei lebendigem Leib begrabenden Gitterstäbe. Würde der Gefangene aus seiner Verzauberung erwachen, hätte er nicht die geringste Chance zu entweichen. Der Ausweg ist versperrt.

Ein älterer Schüler kommt auf uns zu. Er blickt erbleichend auf die Spinne und das eingesperrte Opfer und beginnt uns alle anzubrüllen, ob wir völlig irre seien. Er nennt uns einen exotischen Namen, der die Spinne bezeichnet. Uns wird mit voller Deutlichkeit klar, daß wir alle und vor allem der eingesponnene Junge in höchster Todesgefahr schweben. Auch uns hat die Spinne verzaubert und wir glauben jetzt zu erwachen. Unser neu dazugekommene Erlöser ruft am Handy die Feuerwehr an. Der Junge hinter dem Netz ist geschrumpft. Er ist totenstill und reglos. Jetzt verschwindet sein Gesicht. Wir können ihn nicht mehr sehen. Wo ist die Spinne?

Auf dem Spinnennetz zeichnen sich die schwachen Umrisse eines Fisches ab, dessen Augen und das sich auf- und zuschnappende Maul sich immer öfter und öfter mir zuwenden. Die Fläche der Umrisse des Fisches blinken immer stärker in immer kräftigerem Gold und Azurblau auf. Ich stehe unmittelbar vor dem Fisch. Ich habe grauenhafte Angst und beobachte, wie mein Körper zu dem älteren Schüler mit dem Handy in der Hand hinübergeht. Unser Erretter macht uns klar, wie dumm und verantwortungslos wir unseren Kollegen seinem Schicksal überlassen haben. Wir haben Schuld auf uns geladen. Die Farben auf der Haut des Fisches verwandeln sich durch übermäßige Blutzufuhr in ein wildes Strömen. Der Fisch blickt gelassen auf mich. Trotz des vorherigen Weggehens meines Körpers stehe ich direkt am Spinnennetz mit dem Tier. Aus seinem autschnappenden Maul kommen leise und immer deutlicher vernehmbare Brülllaute – wie von Raubtieren auf der freien Wildbahn – auf.

© 2020 Michael Wiedorn
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