Träume sind grün

Von Michael Wiedorn.

Ein früher Septemberabend. Das Licht der Sonne ist schon von dem wachsenden Schatten des nahenden Herbstes gedämpft. Meine Mutter und ich laufen in den Seitenstraßen zwischen Münchner Freiheit und Englischem Garten herum. Mich verseucht eine leichte Trauer. Der Tag verlöscht. Dieser Sommer ist verloren gegangen. Ein alter Mann versteht, daß er sein Leben versäumt hat und nichts nachholen kann. Ich stehe am Ende meiner Kindheit. Jungs meines Alters sehen in mir nicht ihresgleichen. Ich verdöse Kindheit und Jugend in die Erde eingegraben. Eine Schulbücher paukende, Milkyways futternde Kinderleiche haust stillgestellt im ewigen Alltagstrott farbloser Jahre, eingesperrt an der ihm vom Geschick zugewiesenen Heimat. Wann explodiert endlich die Erdkugel? Meine Mutter und ich betreten ein Geschäft mit Postern. Wir erstehen einen Kunstdruck nach einem Plakat von Toulouse-Lautrec. Es ist Abend in Paris. Ein Zeitalter geht zu Ende. Gedämpftes Septemberlicht fällt auf das erste Laub in den Boulevards. Tiefgrün, smaragdgrün ist der Absinth. Ein chinesisches Gelb. Elegante Nutten in Cafés mit bunten Federgärten auf den Haaren. Vögel fliegen aus den Köpfen der Frauen. Der Absinth saugt, saugt sein Opfer ein. Das tödlich leuchtende Grün tief in der Erde. Das Leben feiert da, wo ich nicht bin. Wer will mein Bruder sein? Nach dem Kauf fahre ich mit meiner Mutter nach Hause. Unser von der Außenwelt abgeschiedenes Haus am Rande der Stadt. Am Rande der Welt. Direkt hinter unserem Gartenzaun beginnen Nacht und Blindheit. Die Tage und Abende verbringe ich alleine mit meiner Mutter mit lesen, büffeln, vor mich hinglotzen. Alle folgenden Tage und Abende. Tiefgrün, smaragdgrün ist der Rasen nach heimischem Regen. Die Heimat. In der Heimat ist es am schönsten. Die Farbe unseres Gartens schlürft das Leben ein. Gierig verschluckt sie Maulwurfsleichen, Vogelleichen, Blumenleichen. Das Grün hat Hunger. Wir hängen das Poster an die Wand in meinem Zimmer. Etwas Neues im Hause. Etwas Fremdes. Die letzten, rotgoldenen Abendstrahlen lassen das Gelb, das anbrechende Nachtleben aufleben. Das Tief des Absinths läßt Träume – schwere Träume – erwachen.

Am nächsten Morgen muß ich wieder erwachen und zur Schule gehen. Am frühen Morgen Zähne putzen und Körperwäsche, schnell das Frühstück runterschlingen, dann mit Bus und häufig vollgequetschter Straßenbahn in die Schule. Mathematik, deutsche Grammatik, Englischdiktat. Fichtengrün sind die Träume. Nasses Haar – stinkend – zieht mich hinab. Ich falle und falle und finde keinen Grund. Meine Schulkameraden wenden mir als abweisende Mauern ihre Rücken zu. Sie sehen mich nicht und wissen nichts von mir. Meine Schulstunden, meine Freizeit sind eine zerfallende, graue Masse. Am Nachmittag fahre ich nach Assur und Sumer. Verlassene Stufenpyramiden in schweigenden Wüsten. Knallend blauer Himmel. Grauer Himmel über Deutschland. Unter der gefräßigen Sonne werden Gefangene zerrissen, aufgeschnitten. Die Gottkönige sind mit einer alles zermalmenden Macht ausgestattet. Mein immer müder Körper sehnt sich nach Hause ins Bett. Löwenköpfige, stierköpfige Keulenhelden drohen von azurblauen Kacheln. In der tiefsten Frühe im Winter fällt Schneeregen auf vereiste deutsche Straßen. Im vollgepfropften Bus stinken die tropfenden Mäntel. Mein ganzes Taschengeld geht für Bücher drauf, die mich in entfernte Epochen entführen. Kreta, Ägypten, Babylon. Die Stücke einer zerstückelten Männerleiche mit grün geschminktem Gesicht verteilen sich über das Ufer eines anschwellenden Stromes. Die brüderliche Nüchternheit der Wüsten will die Wellen und Wogen und die Feuchtigkeit ausdörren, trocken legen, ausrotten. An leeren, lähmend langweiligen Sonntagnachmittagen blicke ich ins Grau der herbstlichen Isarnebel. Meine Mutter ist heute nicht allein. Besuch ist da. Tatsachentrockenes, wirklichkeitssüchtiges Gerede über Finanztransaktionen, Kaufangebote. Meine Mutter spricht vor sich hin. Die Wirklichkeit ist als Gespinst von Angebot und Nachfrage zu einer Fassade im Nichts entleert. Die Waren – die Bäume im Garten, die Möbel, Teller und Tassen auf dem Tisch – stehen tot als Leichen ihrer selbst dumm in der Gegend herum. Alles kostet Geld. Erwachsene sitzen reglos, bewegungslos, ihr Körper zum Gegenstand gelähmt, auf steifen Stühlen herum. Die Großen sitzen aufgerichtet wie Schaufensterpuppen da und sondern Wortblasen aus über vorhergehende Wortblasen und Nichtigkeiten. Wann explodiert die Erdkugel? Sie wird in Flammen aufgehen und wird bis zum Erdkern auseinanderbrechen. Dann wird sich tödliche Stille über die Trümmer senken. Kein Gerede und kein Geplapper. Die Erwachsenen sprechen über notwendige Reparaturen an ihren Immobilien, über gestiegene Preise. Schneeregen fällt. Tiefgrün, smaragdgrün ist der Absinth. Das Saugen und Verschwinden. Ein zerstückelter Männerkörper mit grün verfaultem Gesicht wird am Fluß aufgefunden. Die Heimat hält mich geborgen, vor dem Leben verborgen, umschmiegt meinen Körper wie Erdmassen den Leichnam. Die feuchten Haare in der Mulde stinken. Feuchte Haare im Waschbeckenabfluß. Klemptnerrechnungen müssen beglichen werden.

© 2020 Michael Wiedorn
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