Fatal Error – ein fataler Fehler

Von Walther Stonet.

Carles William Oldenburger, genannt Charly, raufte sich seine kurzen schwarzen Kraushaare. Als Sohn einer brasilianischen Mutter und eines hohenzollerischen Vaters war er im rechten Glauben erzogen worden, aber durch seine Schwabengene („a grommbåhredr Blitz“) vom rechten Weg abgekommen und in die Hackerszene eingetaucht. Später hatte er zusammen mit zwei Buddys die Kurve gerade noch gekratzt und in Dunsthettingen eine Data-Security-Klitsche Namens „Ready2Rumble“ gegründet.
„Charly da Black Hack“ saß vor einem Bildschirm in Security-Warroom eines großen Pharmaunternehmens und grummelte vernehmlich: „Fuckfuckfuck!“
Der Laden steckte Sieben-Meilen-Stiefel-tief in der Kacke.
„Krasse Scheiße“, war die nächste Bemerkung, die der Sicherheitsexperte von sich gab. Dann sah er auf und fixierte seinen Auftraggeber.
„Das, was wir hier haben, ist ein geiler Hack, und ich ahne mit fast eintausend Prozent, wer war. Es gibt nicht viele, die das Ding gradebiegen können.“
„Sie sind der Spezialist. Als den hat man Sie mir empfohlen. Tun Sie was!“, war die höchst alarmierte Antwort von CISO Zweigle, der in Karlsruhe in Kryptografie promoviert hatte, während Charly auf vier Semester Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen kam.
„Also“, fuhr der Angesprochene fort, „dahinter steckt eine der besten Profihackertruppen aus Russland. Die Freunde agieren von St. Petersburg. Jeder kann sie im Darknet einkaufen. Sie haben eine Online-Preisliste mit den Hacks, die sie ausführen und was das kostet. So weit, so schlecht.“

Charly griff sich seine halbvolle Henkeltasse mit kaltem Kaffee, trank einen großen Schluck und fuhr sich knisternd durch den modischen Kurzhaarschnitt. CISO und Corporate Security Team des Kunden schauten ihn erwartungsvoll an.
„Ich kenne den, der den Hack gemacht hat. Die Screenbotschaft hat eine Diktion, die nur von Viktor Sobkov stammen kann. Der Codeteil, den ich entschlüsselt habe, hat seinen Style. Allerdings ist noch nicht geknackt, was der Hack wirklich will. Ich habe dafür den Weg verrammelt, mit dem er nach außen ‚telefoniert‘. Im Moment ist der Datenabfluss gestoppt. Dass man Geld für die Freigabe Ihrer Systeme fordert, ist eine reine Ablenkungsmaßnahme.“
Auf Charlys ausdrücklichen Rat hin wurde das Unternehmen weltweit vom Netz getrennt. Das konnte man nicht auf Dauer machen. Irgendwann, nein, asap!, musste die Bude wieder arbeiten. Charly machte klar, dass er sich erstmal mit seinen beiden Kollegen zur Beratung zurückziehen müsste. Dazu ging er aus dem Gebäude in einen Kommunikationsschatten des W-LANs und außerhalb des Sichtfelds der Videokameras, um auf einer sicheren Leitung Sven und Thorsten anzufunken, um Kriegsrat zu halten.

Die wirklich geniale Idee kam ihm, als er sein iPad anmachte und durch die Fotos scrollte, die ihn mit Viktor auf der Vegas Hacker Convention vor ungefähr sieben Jahren zeigten. Er wollte sich in seine Gegner reindenken. Das half bei Hacks. Plötzlich sprang ihm Katharina aka „Katha“ Meos ins Auge, die schlauste Blondine aller Zeiten. Alle waren scharf auf Katha aus der Westukraine, Viktor ganz besonders. Sie aber ging mit ihm, dem dicken „da Black Hack“.
Er erinnerte sich an den fettesten Fatal Error seines Lebens, und er befand sich als das krassestmögliche Gegenteil von Ehrenmann. Es war ihm wüstensonnenklar, dass er ein Arsch gewesen war, als er sie – total enttäuscht, wie er war – stehen ließ, mit einer SMS-Mitteilung abgespeist, dass jetzt Schluss war mit den gemeinsamen Hacks und dem Leben als Digital Nomads. Er hatte nichts rechtfertigen wollen und sie, die Liebe seines Lebens, wie er hier und jetzt exakt wusste, weggeworfen wie ein altes T-Shirt. Einfach so.
„Katha‘s the key“, sagte er in den Schatten in der Sprache, die sie damals Tag und Nacht verbunden hatte. Aber wie an sie rankommen? Sie war seitdem wie von der Erdoberfläche verschluckt. Katha war als Hacker so gut wie er, Charly, und Viktor, wahrscheinlich sogar besser. Wo war sie? Von ihm hatte sie sich in den letzten sieben Jahren jedenfalls nicht finden lassen wollen, und er konnte das ziemlich gut nachvollziehen.
Elise aka „Lisa“ Murpy, war das nicht die lustige rothaarige New-Yorkerin mit den espressotassengroßen grünen Augen? Mit der hing Katha damals öfter ab – oder wars nicht umgekehrt? Richtig, Lisa hatte auf das blonde Hackerfräuleinwunder ebenfalls mindestens ein Auge geworfen. Sie würde wissen, wie man an sie rankam.
Sie wusste es wirklich, zu seiner Erleichterung. Er skypte im Hotelzimmer nachts um halb vier mit ihr, und sie versprach ihm, Katha zu motivieren, sich bei ihm zu melden – nicht ohne ihn zuvor in den Senkel zu stellen. Warum auch immer. Hatte die rothaarige Nymphe auch einen Chrush für ihn? You nevva evva know, my man. Wir Kerle wissen eh nix, wusste er inzwischen.

Charly nickte auf seinem Bett über dem iPad ein, todmüde wie er war, nach sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf kein Wunder. Als sich Skype plötzlich gegen halb sechs erneut mit einem lauten Bling meldete, schreckte er auf und rieb sich die Augen, bis sie auf der anderen Kopfseite rausploppten – bildlich gesprochen. Das fast ätherische Herzgesicht Kathas füllte den Bildschirm. Ihm entfuhr ein unwillkürliches „Holy shit!“, und sie konterte locker: „What a warm welcome, Charly!“
„Sorry“, stotterte er und erklärte ihr atemlos, dass er das größte anzunehmende männliche Arschloch dieses Planeten wäre. Katha legte den Kopf schräg und konstatierte ihrerseits, dass sie das locker für sich ebenfalls behaupten könnte, schließlich hätte sie ihm verschwiegen damals, der der letzte gemeinsame Hack gegen Kohle gelaufen war, weil sie das Geld so sehr benötigte. Dass und warum er „pissed“ gewesen wäre, hätte sie inzwischen kapiert. Er informierte sie, warum er auf sie gekommen war. Sie lachte laut und klatschte in die Hände. Ob’s nur ums Geschäft ginge, fragte sie anschließend nüchtern, und er antwortete: „No, business and private.“ Sie nickte und lächelte sibyllinisch.
Mittags holte er sie auf dem Flughafen in Zürich ab, und sie fuhren gemeinsam zum Kunden. Katha setzte sich an den Rechner, an dem seine Partner sich durch Threathunting weiter in den Hack vorgegraben hatten. „Viktor ist ein fauler Hund“, sagte sie, als sie die beiden vom Terminal weggeschubst hatte. Danach klackerten lange zwanzig Minuten die Tasten.
„Da!“, rief sie, drehte sich mit dem Drehstuhl herum und grinste triumphierend. „Game over!“

„You needed me, Charly“, sagte sie abends bei ihm zu Hause.
Er nickte.
„Did you use me, like I did you, then?”
Er schüttelte den Kopf.
“Okidoki”, machte sie verschmitzt, “I won’t go like you did.“
Er traute sich, sie zu küssen.
Sie fraß ihn kurzerhand auf.
Wie er es genoss, sie bei sich zu wissen!

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