Adonis und die Erschießung der Aufständischen oder: Zweifel eines Dramatikers

Von Michail Oblomow

Zu deskriptiv, das ist alles zu deskriptiv, ich bin doch kein Märchenerzähler. Und schon gar kein Drehbuchautor für Spielfilme, dieses Gesocks. Nein, ich mache Theater – und zwar echtes Theater. Nicht diese Roman-Adaptionen, die heutzutage nur noch gespielt werden. Das verstehe ich nicht. Es gibt so viele großartige Theaterstücke, die noch nicht mal uraufgeführt wurden – warum machen heute alle diese grässlichen Buchadaptionen? Und wenn sie doch Theater machen, warum immer dieselben Stücke, jahrein, jahraus dieselben Stücke, dieselben Ibsens, Shakespeares, Tschechows, Brechts und Büchners. Altprogramme, wiedergekäut und vielfach verdaut. Heute das Gestern. Als hätte Europa nicht mehr zu bieten und nur diese Dramatiker hervorgebracht. Wie viele Theaterstücke schlummern noch unaufgeführt in den Büchern – eingepfercht auf Papier, eingequetscht wie eine Salatscheibe in einem gammligen Sandwich in einem Imbissautomaten auf der Autobahnraststätte zwischen Bielefeld und Castrop Rauxel. Arme Dinger.

Wo kann ich heute einen Arthur Adamov oder einen Raffael Alberti sehen? Wo einen Pedro Calderón? Wo Hugo von Hofmannsthal? Wo Marguerite Duras? Es gibt noch so viel gutes Theater in den Archiven. Wurde Alberti überhaupt jemals ins Deutsche übersetzt? Sein Stück Kriegsnacht im Prado ist fantastisch – während eines Bombenangriffs der Faschisten auf das rote Madrid steigen die gemalten Figuren von Carracci, Goya und Co. aus ihren Gemälden, um eine Barrikade in den Kellern des Prados zu errichten. Fantastisch, wie die Figuren der „Erschießung der Aufständischen“ mit Adonis und Venus diskutieren. Warum kann man das heute nicht sehen? Nicht einmal in Spanien selbst. Die letzte Aufführung war vor 18 Jahren.

Stattdessen nur dieser Bestseller-Humbug! Jeder hat heute etwas zu sagen, jeder glaubt, sich mitteilen zu müssen, jeder denkt, damit so individuell zu sein und sich mit einem weiteren „Macbeth“ von den anderen Macbeths abzuheben. Ein großer Individual-Uniformismus. Oder ein Uniform-Individualismus? Ich weiß es nicht, kann mich nämlich nicht so gut ausdrücken, wie all diese anderen, tollen, abenteuerlichen, immer am Trend der Zeit lebenden, nichts verpassenden Unifom-Individualisten. Und dabei ist meine Profession Dramatiker. Aber darum geht es ja: nicht zu beschreiben. Die Figuren erzählen die Geschichte, nicht der Erzähler.

Ach, immer diese Erzähler! Es macht mich krank, diesen Zirkus an Selbstdarstellung zu beobachten. Irgendwer hat mal gesagt: „Am Wochenende gibt es Food Porn und von Montag bis Freitag Tiefkühlpizza.“ Die Kritik, dass die Indi-Uniformisten sich in sozialen Medien so darstellen, wie sie gesehen werden möchten und nicht wie sie sind, ist nicht neu. Aber warum macht mich das krank? Dieses ständige so tun als ob man ein so toller Hecht sei, zieht mich runter. Leute in so vielen Rollen, dass sie ihre echte Person gar nicht mehr kennen. Ich habe keine Lust, für die anderen zu schreiben. Das heißt, ich würde gerne. Aber ich möchte mich nicht in dieser Selbstdarstellermanier in der Manege der unerfüllten Aufmerksamkeit präsentieren. Dann bleib ich lieber unaufgeführter Theaterschreiber. Salut, meine Compadres der vergessenen Meisterwerke!

Und so hänge ich hier fest an meinem Stück, nichtwissend, wie ich eine Überfallszene im Theaterdrehbuch schreiben soll. Das ist doch billig, wenn die Schauspieler später wie in einem Actionfilm auf der Bühne herumhampeln. Nein, das muss ich anders machen. Aber wie? Ein Zeitungsjunge, der über die Bühne läuft und nur die Geschehnisse des Überfalls anreißt wie die reißerischen Überschriften so mancher Journaille? Naja, auch nicht gerade kreativ. Und viel zu nah am Medium Film. Vielleicht eher die Berichterstattung eines Zeugen, der wie Marathon unzählige Kilometer in das Lager der seinen läuft und auf der Bühne alleine oder im Dialog über die Geschehnisse des Überfalls berichtet? Vielleicht. Noch besser ist aber ein Monolog eines der Räuber, der vorab den Plan des Überfalls darlegt – erzählt, wie das alles ablaufen soll. Alleine auf der Bühne, dem Publikum zugewandt und stolz seinen scheinbar perfekten Plan darlegend. Dann im Hintergrund Geräusche von Stimmen, Schreien, Schüssen. Der Räuber muss lauter sprechen, um seinen Plan zu schildern. Dann ein Knall – und Dunkelheit. In der nächsten Szene dann entweder der Räuber und zwei seiner Komplizen im Gefängnis. Sie diskutieren, was alles schiefgelaufen ist. Oder aber die Gendarmen, die stolz berichten, wie sie den Überfall abgewehrt und die Räuber dingfest gemacht haben. Beides möglich. Wichtig ist nur, dass klar wird, dass die Räuber eigentlich die Guten sind – und die Gendarmen die wahren Bösewichte.

Wie war das eigentlich bei Alberti? Waren die Soldaten von Goyas „Erschießung der Aufständischen“ plötzlich mit dem an die Wand gestellten Bauern verbündet? Ich erinnere mich nicht daran. Wie auch – ich habe das Stück ja nie sehen können…

© 2021 Michail Oblomow
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