Bushaltestelle

Von Walther Stonet

Heiner Müller schreckt hoch. Es ist noch dunkel. Der Wecker zeigt 4 Uhr 30. Er schlägt die Bettdecke zurück. Steht auf. Hält inne. Er fühlt sich unwohl. In ihm ist eine große Unruhe. Er spürt eine Angst, die er nicht greifen kann. Er schwitzt und friert gleichzeitig. Plötzlich ist ihm klar, dass er hier nicht hingehört. Er schlägt die Hände vors Gesicht, versucht sich zu erinnern, wo er ist. Wer er ist. Was mit ihm ist. Er seufzt und lässt die Hände runterfallen. Dort bleiben sie. Hängen dort, als ob sie nicht zu ihm gehörten. Ihm, der selbst nicht mehr weiß, wohin er gehört. Und wer er ist.
Er knipst das Licht an und geht hinüber in die kleine Nasszelle. Dort lässt er ganz anständig die Hosen hinunter, setzt sich und pullert. Fast meint er seine Mutter zu hören, wie sie ihm Anweisungen gibt. Dann gewinnen die Stimmen und Bilder in seinem Kopf wieder überhand. Er nimmt diesen in seine Hände, verschließt mit ihnen die Augen und will, dass das Chaos in seinem Gehirn ein Ende findet. Tränen laufen seine Wangen hinunter, Tränen der Wut, der Enttäuschung, der Hoffnungslosigkeit. Sein Mund formt stumm die Worte ‚Wo bin ich?!?‘, doch kein Ton verlässt seine Lippen.

„Ein schöner Mann“, hat Margitha Gräfin Rothfels gesagt, als er ihr das erste Mal begegnet ist. Sein Sohn Hans-Peter hat ihn damals in das Seniorenstift in Bad Godesberg begleitet. Er hat ihn dort einquartiert, um es einmal klar zu formulieren, wie es gewesen ist. Dann ist er zurückgeflogen in die USA, wo er für eine Rechtsanwaltskanzlei als Partner arbeitet. „Was für eine Verschwendung!“, hat die Gräfin festgestellt, als sie erfahren hat, dass Prof. Dr. rer. nat. Heiner Müller Demenz hat, und zwar bereits in fortgeschrittenem Stadium. Man hat ihn sozusagen „zwangseingewiesen“, weil mehrere Feuerwehreinsätze nacheinander eine Entmündigung herbeiführten. Der vergessliche Herr Professor hatte schlicht vergessen, dass ein Topf ein dem Herd stand, und sich anderen Dingen zugewandt. Dem Musikhören. Er liebt Beethoven, Bach und Buddy Holly. Dem Schachspielen. Er spielte die Partien Bobby Fischer gegen Boris Spasski nach. Immer wieder.
Gräfin Rothfels hat sich entschieden, sich nicht zu engagieren. Hermine Freund, eine zarte durchsichtige Lehrerin der Mathematik und der Naturwissenschaft, hat sich seiner aber angenommen. Er hat das gern geschehen lassen, weil sie seiner an Krebs verstorbenen Frau sehr ähnlichsieht. Die Trauer über deren Pflegen und anschließendes elendes Sterben waren es am Ende, die den Kippschalter umgelegt haben. Nach dem grauenvollen Tod seiner geliebten Frau war der Professor nicht wieder zu erkennen. Die beiden Kinder, Tochter Heloise in Singapur und Sohn Hans-Peter in New York, haben das gar nicht richtig mitbekommen. Nach der Beerdigung sind sie gleich wieder abgereist. Er ist allein in dem großen Haus mit Blick über die Stadt zurückgeblieben. Sein Lebensmittelpunkt, sein Ziel und Sinn, liegt in einem kühlen unter großen hohen Bäumen. Er vereinsamt zusehends. Sein Geist verfällt.
Sie, die Kinder, haben ihre eigenen aufregenden, weit entfernten Leben. Mit eigenen wachsenden Familien. Mit Aufgaben und Verpflichtungen. Kosmopoliten haben immer irgendwelche Hinterlassenschaften, von denen sie nichts wissen. Oder nichts wissen wollen. Der alte Vater spielt da allenfalls eine lässliche Nebenrolle – auch der Zeitverschiebung wegen. Er ist still, leise, rücksichtsvoll. Er fordert nichts. Er liebt seine Kinder, wie er seine Frau liebt. Er ließ sie frei. Sie strebten hinaus in die Welt. Die Schmerzen darüber haben die beiden Eltern für sich behalten. Nun ist sie ebenfalls gegangen und hat ihn zurückgelassen. Von den beiden Kindern wartet jedes auf das andere, sich die Verantwortung für den Vater zu eigen zu machen. Sie werden darauf wohl warten, bis sich das Problem biologisch erledigt hat.

Heiner Müller hat sich inzwischen stadtfein gemacht. So hat er das früher genannt, als er die Dinge noch beim Namen nennen konnte. Der Bart ist nicht rasiert. Die Haare sind nicht gekämmt. Die Knopfleiste des zerknitterten Hemds, das einmal weiß war, ist nicht korrekt zugeknöpft. Ein Stück Hemdenschoß hängt aus der Hose. Der Hosenladen ist nicht ganz zu. Die Socken haben zwei Farben. Ein Schuh ist offen, der andere gebunden. Die Anzugsjacke passt farblich und vom Schnitt her nicht ganz zur Hose. Diese ist dafür ungebügelt und der Gürtel nicht überall eingefädelt.
Bevor er geht, steht er lange da und starrt ins Leere. Dann treibt es ihn doch vorwärts. In ihm schreit alles Gefahr und Angst. Und Bewegung. Er muss hinaus, nach Hause, weiß er auf einmal. Die Bilder in seinem Kopf sind plötzlich klar, und er lächelt. Wie ganz viel früher, als er nachts durch das Elternhaus schlich, ist er ganz leise. Er öffnet vorsichtig die Tür, zieht sie behutsam auf, und schließt sie kaum hörbar. Danach wendet er sich, die Beine leiten ihn, die Treppe hinunter. Dem Aufzug vertraut er nicht. Er bekommt Panik, wenn er in der Kabine ist. Die Tasten versteht er nicht mehr. Das „Pling!“ erschreckt ihn immer bis ins Mark. Heute hat dieses Verhalten den Vorteil, dass ihn deshalb niemand hört. Er gleitet die Treppe hinunter, als wäre er Kind. Sein Gesicht hat dieses spitzbübische Lächeln um die Lippen, als er gerade fünf war. Damals ist er auch eines Nachts ausgebüxt und hat sich aufgemacht, seine Oma zu besuchen.
Die halb befestigte Fliege wippt lustig unter seinem Hals. Er schafft es am Eingangsbereich vorbei, der unbesetzt ist. Zwei Pfleger, ein Mann und eine Frau, sind rauchend in ein bedeutungsvolles Gespräch vertieft, als er sich rechts in die Büsche macht – ganz wie damals. Er gleitet durch den parkähnlichen Vorgarten des großen Anwesens. Seine Nachtsicht ist schon immer gut gewesen. Der Rasen dämpft die Trittgeräusche. Der feine Schotter auf dem Fußweg zum Tor hätte ihn verraten. Der kleine Junge im alten Mann hat ihm die richtige Strategie eingeflüstert, wie er unentdeckt bleibt. Und es gelingt ihm. Er geht den Zaun entlang zurück zum Zugang und schlüpft über die asphaltierte Zufahrt aus dem Park der Seniorenanlage hinaus auf den Gehweg zur Stadt. Es dämmert bereits. Die Sonne malt einen orangenen Streifen dahin, wo man den Horizont sehen kann. Zu seinem Glück ist bereits Frühjahr und relativ mild. Der alte Mann schreitet federnd aus. Sein Mund ist gespitzt und pfeift lautlos ein Kinderlied, wieder und wieder.

Prof. Heiner Müller ist Träger des Leibniz-Preises. Er war ein begnadeter Mathematiker und ist ein erstklassiger Schachspieler gewesen. Seine Lauf- und Langlaufzeiten waren wettbewerbsfähig. Ein großer, schlanker, ein sehr gut aussehender Mann. Immer perfekt gekleidet: Anzug oder Blazer mit grauer Hose, Fliege, Lederschuhe in Hochglanz. Eine makellose Erscheinung. Freundlich, aufmerksam, liebenswürdig – nicht nur zu seiner Familie, sondern auch zu seinen Mitarbeitern am Lehrstuhl, seinem Institut, seinen Studenten und Doktoranden. Eigentlich zu allen um ihn herum und darüber hinaus. Genie, das er war, ließ er eben das dennoch niemals jemanden spüren. Sein kleines Stück Sonderbarkeit waren die ausgesucht gute Kleidung, seine Fliege, der akkurate Haarschnitt seines vollen aschblonden Haarschopfs und seine perfekte Rasur. Er war unübersehbar er.
Man konnte sagen, er wäre konservativ. Aber er achtete akribisch darauf, dass er seine Doktoranden und Mitarbeiter nur nach Leistung und Qualifikation heraussuchte und nicht nach Geschlecht. Was dazu führte, dass sich an seinem Lehrstuhl immer überdurchschnittlich viele Frauen tummelten. Die neidischen Kollegen nannten diese Damen Heiners Groupies. Er hörte darüber sardonisch lächelnd hinweg. Sollte es Avancen seitens der Damenwelt gegeben haben, wurden diese durch die bekannt gute Ehe und Partnerschaft mit seiner Frau Elisa, einer belgischen Adligen, verhindert, die wie er promovierte Naturwissenschaftlerin war und auf ihrem Gebiet eine echte Koryphäe. Sie entwickelte bei einem Pharmakonzern Krebsmedikamente. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sie an Krebs sterben musste.

Dass ein Bewohner abgängig ist, bemerkt man im Seniorenstift erst, als Hermine Freund ihn vermisst. Dass er nicht zum Frühstück kommt, ist nicht häufig, aber manchmal verläuft er sich und sitzt weinend auf einer Bank in einem der Gänge. Nur seine Schachpartie mit Hermine Freund – die hat Heiner Müller noch nie verpasst. Da war er immer pünktlich und zuverlässig wie ehedem. Sein Schachspiel hat wie durch ein Wunder durch die Demenz bisher kaum gelitten. Es gehört zum Geheimnis dieser Erkrankung, dass der Verlust des Denkens durchaus nicht gleichmäßig geschieht. Heiner kann vergessen zu ziehen. Dann stupft sie ihn an. Und er lächelt, nickt und macht dann einen Zug, der sie in arge Not bringt. Trotz seiner Gedächtnisschwäche hat er die Stellungen so gut im Kopf, dass er sogar eine abgeräumte Partie vom Vortag exakt wiederherzustellen vermag.
Hermine liebt es, mit ihm zu spielen, denn er ist der einzige der Bewohner, der ihr das Wasser reichen kann. Alle anderen hat sie so oft und vernichtend weggeputzt, dass niemand anderen mehr gegen sie antreten mag. Ganz davon abgesehen, dass im Schachspiel wieder der alte Heiner Müller durchscheint, der Mensch, der er war, als er ins Stift de facto „eingezogen“ wurde. Abgeschoben trifft die Sachlage zwar besser; aber wer vermag es den Angehörigen verdenken, dass sie die Pflege eines alten Menschen mit zunehmendem Gedächtnisverlust, der nicht mehr allein zurechtkommt, den Spezialisten übergeben. Man muss zugeben, dass die Demenzabteilung des privaten Stifts ebenso wie ganze Einrichtung mit gutem, sehr qualifiziertem und genügendem Personal ausgestattet ist. Die Pflege kostet schließlich auch ein Vermögen. Nur höhere Beamte und Mitmenschen mit Vermögen können sich die monatlichen Aufenthaltskosten leisten.
Hermine meldet nach einer Wartezeit von einer halben Stunde der zuständigen Kraft, dass ihr Schachpartner nicht gekommen ist. Diese beruhigt Hermine und geht auf Station, um im Apartment des Professors nach dem Rechten zu schauen. Sie findet ein zerwühltes Bett, ein abgelegtes Armband, in dem ein Sender zur Ortung enthalten ist, und sein Handy vor. Der Bewohner selbst ist nicht anwesend. Der Zimmerservice kennt die Vorlieben und wäre erst in einer weiteren halben Stunde erschienen, um das Bett zu machen und auf zu räumen. Es ist jetzt 9 Uhr 47, als man verstanden hat, dass er nicht mehr im Stift ist.
Heiner Müller ist bereits zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr 5 Stunden unterwegs. Das findet die Stationsleitung heraus, als die Streams sämtlicher Videokameras im Haus, an Tür und Zufahrt ausgewertet sind. Die Geschäftsführung entschließt sich auf Empfehlung der Pflegedienstleitung, die Polizei zu alarmieren. Das ist das Verfahren in solchen Fällen. Man will kein Risiko eingehen, das vermieden werden kann. Es ist schon lang kein Bewohner mehr abgängig gewesen. Man befürchtet das Schlimmste.

Heiner Müller hat inzwischen die Stadt hinter sich gebracht. Liebe Mitmenschen haben ihm etwas zu trinken überlassen. Er hat sogar eine Banane gegessen. In einer Bäckerei, in die er gegangen ist, hat man ihm eine Schneckennudel und einen Kakao geschenkt. Der freundliche, leicht chaotische alte Mann ist zwar aufgefallen, aber irgendwie nicht als verloren gegangen erkannt worden. Sein Lächeln um den Mund, seine freundlichen Augen: Er scheint ein festes Ziel zu haben, dem er zustrebt, und die Umwelt macht ihm den Weg frei. Inzwischen hat er es über Pech und Villiprot bis nach Meckenheim geschafft. Da wollte er hin, von Anfang an.
Auf dem letzten Teil der Strecke ist er immer wieder stehen geblieben. Hat nach Wegmarken gesucht, um zu verstehen, wo er sich befindet. Hat der Kopf geschüttelt. Und ist schließlich doch weitergegangen. Aus dem Schreiten ist ein Gehen geworden. Aus dem Gehen schließlich ein Schlurfen. Die Körperspannung hat immer stärker nachgelassen. Man könnte meinen, Heiner Müller wäre immer schneller gealtert. Jetzt ist er müde, sehr müde. Und er wird immer unsicherer, weil die Bilder in seinem Kopf auf einmal wieder verschwimmen, sich überblenden, durcheinandergeraten. Er bleibt immer wieder stehen. Schlägt sich die Hände vor das Gesicht. Murmelt Unverständliches. Stöhnt. Seine Schultern sinken nach vorn. Auf einmal ist aus ihm ein hilfloser, verwirrter, enttäuschter, alter Mann geworden. Vor Kurzem hat es noch so ausgesehen, als wäre er zwar ein wenig vertrottelt und derangiert, aber sonst Herr der Dinge und seines Wegs. Jetzt ist er nichts mehr von alledem.
Er sieht die Bushaltestelle und schlurft zu ihr hinüber. Er bemerkt die Bank und lässt sich schwer auf sie fallen. ‚Neuer Markt‘ steht auf dem Schild über dem Dach der Wartekabine. Früher hätte es ihm gesagt, dass er am Ziel ist. Aber heute sagt es ihm nichts mehr. Dort, auf der Bank, sitzt er mit hängenden Schultern. Sein Blick verliert sich ins Nichts. Tränen beginnen über sein Gesicht zu fließen. Einsam ist er, allein. Kennt sich selbst nicht mehr. Das Ziel, das er heute Morgen vor Augen gehabt hat, ist vergessen. Einfach weg. Es ist in der Wirrnis seiner Gedanken, im Knäuel seiner deformierten Erinnerungen verschwunden. Er ist völlig verloren. Wohin? Wer bin ich? Wieviel Uhr ist, welcher Tag? Er versucht, Ordnung zu schaffen in seinem inneren Labyrinth, dessen Wege Lücken aufweisen, die die Prionen weggefressen haben. Sie durchlöchern sein Gehirn und verklumpen darin. Manchmal feuern die Synapsen Sinnvolles. Manchmal Chaos pur. Dann fühlt es sich so an, dass verschiedene Filmschnipsel aneinandergeklebt worden sind, die nicht zueinander gehören. Plötzlich versteht er wieder. Ist wieder bei sich. Aber das geschieht immer seltener.

Die Polizei sucht nach Prof. Dr. Heiner Müller. Sie hat keinen Schimmer, wo er sein könnte. In fünf Stunden kann man weit kommen, vor allem, wenn man körperlich so gut in Schuss ist wie er. Man entschließt sich, die Öffentlichkeit einzuschalten. Die regionalen Radiostationen werden aktiviert. Die Polizei tweetet, instagramt und facebookt ein aktuelleres Foto des verschwundenen Professors. Eine aufmerksame junge Frau, etwas rundlich ist sie, die die Raiffeisenbank Voreifel verlässt, wo sie für ihre Großmutter Überweisungen eingeworfen hat, sieht den alten Mann an der Bushaltestelle sitzen. An ihm, mit ihm, stimmt etwas nicht. In ihrem Twitteraccount hat sie gelesen, dass ein verwirrter dementer Altenheimbewohner gesucht wird. Das könnte er sein, schießt ihr durch den Kopf. Sie wechselt aus ihrem WhatsApp Chat mit ihrem Freund nach Twitter und sucht den Tweet. Tatsächlich, das Bild hat eine gewisse Ähnlichkeit. Nur sieht der Professor darauf aus wie früher. Die Nase, die Ohren. Ja, er sollte es sein.
Sie geht hinüber. Der verlorene Alte, der ihr wie ein Greis vorkommt, hat gerade sein Gesicht in seinen Händen geborgen und schluchzt weinend. „Kann man Ihnen helfen?“, spricht sie an. Der alte Mann schaut auf. „Sind Sie Herr Müller?“ Er schaut sie verloren an, will etwas sagen, kann aber nicht. Seine Augen fokussieren sich kurz. Sie meint ein Nicken zu erkennen, vergleicht nochmals die Gesichter von Bild und dem Alten, der vor ihr sitzt. „Sie sind es!“, ruft sie. Und setzt einen Tweet ab, dass sie ihn gefunden hat. Sie gibt ihre Handynummer an, als man sie darum bittet. Kurz darauf klingelt ihr Smartphone. Der Greis schaut sie an, scheint zu verstehen, will lächeln und sinkt danach in sich zusammen.
Sie setzt sich neben Heiner Müller, nimmt seine Hand und tätschelt sie. Spricht beruhigend auf ihn ein. Niemand registriert die beiden, die junge Frau, der alte Mann, die vertraut scheinen. Das Leben geht seinen Gang. Wer hat schon Zeit, aufmerksam zu sein für das, was um ihn herum geschieht. Man hat schließlich Dinge zu erledigen, sehr wichtige Dinge.

Nach einer Viertelstunde kommt ein Einsatzfahrzeug. Es nimmt die beiden zur Wache mit. Die Polizei versorgt den alten Professor. Die junge Frau lässt ihn ungern zurück. Als sie sich bei Heiner Müller verabschiedet, will dieser wieder etwas sagen. Vergeblich. Am Ende lächeln sie beide und winken sich zum Abschied. Die Augen des Professors glänzen wieder. Jetzt kann man kurz erahnen, wer er mal war. Und dann ist wieder dunkel in ihm und um ihr herum. Sein Licht ist erloschen, auch wenn er noch da ist. Die Hoffnung, die ihn morgens antrieb, ist nicht mehr.
Nach diesem Tag kann er nicht mehr Schach spielen. Hermine Freund ist traurig. Sehr traurig. Sie vermisst das. Vermisst ihn. Er lächelt verloren, wenn sie auf ihn einredet beim Frühstück. Heiner Müller ist nicht mehr bei sich. Der, der er einmal gewesen ist, ist nicht da. Sein Körper ist noch präsent, auch wenn er zusehends kleiner wird und verfällt. Nach weiteren 2 Wochen schläft er ein und erwacht nicht mehr. Auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln, als sie ihn morgens in seinem Bett leblos liegend finden. Jetzt ist er wieder ganz bei sich. Endlich.

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