Ein Totgeborener kommt zur Welt.

Von Michael Wiedorn

Er geht auf dem weißen Streifen in der Mitte der Straße aufwärts und abwärts und aufwärts. Seit Stunden scheint er so auf und ab zu laufen. Er trägt leicht schwingend eine Plus-Plastiktüte in der Hand. Der Aufdruck ist verwittert. Der Junge ist mit einer ärmellosen, wattierten Jacke und darunter einem karierten Hemd bekleidet. Vielleicht ist er schon ein den Jahren nach Erwachsener, der es nur versäumt hat, erwachsen zu werden. Bei seinem Anblick denkt man an abgestandenen Schweiß – käsig und bitter. Das alterslose Wesen trägt seinen Körper wie einen hässlichen Mantel. Das kreidebleiche Gesicht könnte von einer schweren Krankheit oder von einem nicht erwachten Leben ausgezehrt sein. Aus dem kalkig weißen Gesicht ragt eine große, knochige Nase. Er läuft immer wieder auf und ab. Ein Häftling läuft in seiner Zelle auf und ab und ab und auf – von einer Betonwand zur Anderen auf und ab. Der in sich Gefangene hat keine Absichten, hatte nie welche und wird nie welche haben. Ist es Vormittag oder Abend? Welches Jahr haben wir? Die Autos fahren an ihm vorbei. Er achtet nicht auf sie. Er läuft die Streifen auf und ab. Das Weiß grenzt mit seinen scharfen Kanten an das Schwarz des Asphalts. Der Fremde schwimmt und schwimmt und ertrinkt im Schwarz der Nacht und den schwarzen Fluten des Geburtswassers. Fluten weit vor der Geburt. Das Weiß beginnt – hell und mit klaren Grenzen – und er geht weiter und immer weiter. Hat der Wanderer irgendwo eine Wohnung? Er würde dort auf weiße Wände starren, aus dem Gestalten treten würden. Schneewehen hoch im Norden. Der Fremde könnte in Eismassen und Schneestürmen erstarren. Er wäre gerettet. Sein Körper wäre ein einziger, harter Eiszapfen. Viele Jahrtausende und Jahrmillionen in arktischer Einsamkeit. Niemand vergisst oder vermisst ihn.
Er läuft in der Mitte des Straße auf und ab. Seit wieviel Stunden oder Jahre? Trägt er in seiner vergammelten Plastiktüte von Schimmel zerfressenes Brot oder verfaultes Fleisch? Leichenteile? Vor einer Ewigkeit hat er die Notwendigkeit sich zu ernähren vergessen. Er hat keinen Körper, der Bedürfnisse einklagt. Der Junge hat sein Fleisch erfolgreich abgetötet. Die weißen Streifen auf der Straße halten ihn im Bann. Das Schwarz versucht ihn aufzusaugen. Es will ihn verschlingen, will ihn verschlucken in die Tiefen der Geburt. Die Gebärmutter ist eine Betonzelle tief unter den Erdmassen. Wo befindet er sich? In der Schwärze vor der Geburt. Die Autos fahren an ihm vorbei. Ein Opel hupt ungeduldig. Der Fahrer brüllt dem Irren wütend unverständliche Worte entgegen.
Stunden später steigt der Verwirrte träge aus einem U-Bahnwaggon in den Nächsten. Inmitten der zielgerichteten Unrast des Alltags der Berufstätigen verseucht er den öffentlichen Raum mit der Leere von leblosen Blicken von seit Jahren an ihr Bett fixierten Irrenhausinsassen. Der Junge war im alten Waggon fehl am Platz und wird es in jedem Anderen ebenfalls sein. Nirgendwohin wird ihn der Zug fahren. Irgendwo wird er aussteigen, auf dem Bahnsteig in seine Leere gesperrt auf und ablaufen, die schmuddlige Plastiktüte leicht schwingend. Die blicklosen Augen aus der Zelle unter den Erdmassen richten sich auf ihn. Rumpf, Arme, Beine lösen sich auf und versickern. Er wird niemals jemand Anderem begegnen. Nichts wird jemals geschehen.
Zwei harte, metallisch blaue Augen heften sich wie die Mündung eines zielsicheren Revolvers auf den auf und abwandernden Verrückten. Die unbestechliche, unbesiegbare Härte einer Smith & Wesson sehnt sich nach der Explosion eines Genickschusses. Das gefroren klare Gesicht ist von kaltem Hass zur Maske verhärtet. Kurz rasierte, blonde Haare. Die Muskeln von täglichem Gewichtheben und Klimmzügen gestählt, spannen ihre Kraft an. Dieser Mitbürger in Kampfstellung ist bereit sich gegen diese allgegenwärtige Auflösung aller Ordnung und der Heimat, die in diesem Penner Gestalt angenommen hat, zu wehren. Die gärende Ödnis unendlicher in Gitterbetten verbrachten Jahre. Eine alles zersetzende Leere will diesen Staatsbürger von innen heraus zersetzen. Dieser wehrbereite Kämpfer sieht den jeden Tag sich weiter ausbreitenden, menschlichen Müll auf deutschen Straßen. Es ist für jeden Normalen ein Heil solche Vampire des Nichts aus zu schalten. Der Rumpf des Kriegers bricht auseinander. Arme und Beine verschwimmen. Ein Messerstich zur rechten Zeit am rechten Ort kann zur Lösung beitragen – denkt der Mann, der Erlöser von allem Bösen, erfüllt von heiligem Zorn. Er denkt das Alles nicht in klar greifbaren Sätzen, sondern dieses brackige Gebräu aus Gefühlen und Satzbrocken wabert wirr unter seiner Schädeldecke. Seine Faust umklammert das Klappmesser in seiner Hosentasche. Seine Finger verkrampfen sich im sicher machenden Griff um die Waffe. Der Junge mit dem toten Blick – die Tüte hin und her schwingend – streift den zum Zerreißen angespannten Mann. Dieser reißt plötzlich mit einem Ruck ohne zu überlegen das Messer aus seiner Hosentasche, klappt es im Bruchteil einer Sekunde auf und sticht mit einem sicheren Hieb in das graue Fleisch seines Opfers. Er sticht wie im Traum wieder zu und taucht das Messer ganz tief in das erstaunlich viel Blut ausspuckende Fleisch. Dieser Kämpfer gegen all das Übel würde jetzt gerne in einem Spiegel sein hart entschlossenes, von männlicher Schönheit leuchtendes Gesicht bewundern. Er staunt, dass der Niedergestochene ein Lebender wie er selbst ist.
Das Opfer spürt endlich sein eigenes Fleisch. Der Schmerz schreit ihm zu, dass er da ist. Er blickt seinem Mörder fest entschlossen in die Augen. Der Schmerz hat ihn noch einmal in Raum und Zeit gestoßen, bevor er ausgeblutet ist.
Der Täter weiß nicht mehr, wer er ist.

© 2021 Michael Wiedorn
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