Fleisch

Von Michael Wiedorn

Im Schaufenster liegt Fleisch aufgebahrt. Aufgeschnittene Würste, deren offene Schnittflächen rotes Rindfleisch mit weissen Fettkügelchen durchsetzt zeigen, von weisser oder rot-brauner Haut überzogen. Das Rot geht an einigen Stellen ins Violett über. Ein grosses, formloses Stück Rinderkadaver. Scharlach wie ein Gesicht nach einem Faustschlag – durchzogen von Kanälen und Flüssen mit Fett angefüllt. Manchmal zieht es sich als durchsichtiger Schleier hin. Die Sehnen und Muskeln eines kraftstrotzenden Rindes. Es weckt die Lust nach Blut – fließender, roter Kraft. Das blanke, reine Weiss der Porzellanschüssel. Mit fahler, leicht bläulich schimmernder Haut überzogenes Geflügel hängt an eisernen Haken. In der Mitte der Auslage hängt der nackte, aufklaffende Leichnam eines geschlachteten Ochsen – an den Beinen aufgehängt. Auf beiden Seiten des gemordeten Tieres stehen Vasen mit purpurnen Rosen. Einige Blütenblätter sind abgefallen und liegen auf den sauber leuchtenden Kacheln. Eine Messingschale mit violetten Weintrauben. Die Kacheln des Metzgerladens strahlen.
Ein splitternackter Mann wird von Beilen und Äxten angegriffen. Die Haut des Opfers glänzt von Angstschweiss. Der europäische Mensch sieht dem Schwein ähnlich. Weiss-rosa ist sein Körper. Er bricht zusammen. Die Augen ratlos vor Entsetzen aufgerissen wie die einer erschrockenen Kuh. Er versteht nicht. Sein Körper kotzt das Rot seines Blutes auf die blendende Reinheit der Fliesen.
„Macht insgesamt 28,50 Euro, bitte!“ – sagt der Fleischer zur Kundin. Auf der Theke liegen drei säuberlich in rosa Papier gewickelte Päckchen. Koteletts und Schnitzel braten gut gewürzt in der Pfanne. Die Hausfrau nimmt aus ihrem Geldbeutel einen Schein und etwas Kleingeld und überreicht das Geld dem Metzger. Der junge Mann zwinkert der Frau komplizenhaft zu und streicht die Bezahlung ein. Unter seiner Gesichtshaut will das aufgestaute Blut seinen Kopf auseinander sprengen. Sein hartes Antlitz leuchtet so purpurn, dass er sich als zu verkaufendes Fleisch zur anderen Ware legen könnte. Ein Schuss hat die Brust des Soldaten im Krieg getroffen. Eine quellende Wunde. Der Soldat spuckt Blut, das ihm Heimat ist. Er ist ein Mörder. Er steht mit einer von Tierblut besudelten Gummischürze bekleidet im Schlachthof und wäscht mit aus einem Schlauch hervorschiessendem Wasserstrahl sein eigenes Gedärme von den Wänden. Er ist ein vom Jäger erlegter Hirsch, der einen Bauchschuss verpasst bekommen hat. Die Augen des Tieres sind vor ratlosem Entsetzen aufgerissen wie die Augen eines erschrockenen Kindes.
Der verendende Hirsch spuckt Blut.
Hirschragout mit Pilzen – dazu grüner Blattsalat und dazu ein entsprechender Wein.
Die Gemahlin stösst mit ihrem Gatten an.

© 2021 Michael Wiedorn
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