Gründel

Von Johannes Morschl

Ein Sonntagvormittag im Januar in Berlin. Ein alter Mann namens Georg Gründel kriecht auf allen Vieren auf dem Fußboden seines Wohnzimmers herum, eine Brille auf der Nasenspitze, und redet mit sich selbst. „Ja wo steckt er denn bloß, der Gründel? Er muss doch hier irgendwo stecken! Rieche es, dass er hier sein muss. Hat er sich etwa unsichtbar gemacht? Macht er einen auf Invisible Man? Nein, das geht nicht, ist Sciencefiction. Aber wer weiß, heutzutage ist so einiges möglich, das früher nur Sciencefiction war. Man denke zum Beispiel an die, na was war’s denn gleich, ah ja, die Mondlandung. Da betrat Gründel als erster Mensch den Mond. Nee, das kann nicht Gründel gewesen sein. Auf keinen Fall war das Gründel. Oder doch? Befindet er sich noch immer auf dem Mond? Nee nee, das ist unmöglich. Ich rieche es, dass er hier irgendwo steckt. Wie auch immer, normal ist es nicht, dass ich ihn riechen, aber nicht finden kann. Das lässt mir keine Ruhe. Habe das Gefühl, dass ich ohne ihn nichts bin, nicht einmal der Schatten von einem Nichts. Quatsch! Wie soll ein Nichts einen Schatten haben, wenn es nichts ist? Das widerspricht jeder Logik. Aber was ist schon Logik? Mit Logik allein kommt man auch nicht weiter, wenn einem die Fantasie, die Intuition, der Riecher fehlt.“

Da stößt Gründel mit dem Kopf gegen die Eckkante eines kleinen viereckigen Tischs, der in der Mitte des Zimmers steht. „Aua! Doch halt, jetzt hab ich‘s! Bin selbst der Gründel! Welch unglaubliche Erkenntnis! Habe es ja gleich gerochen, dass er hier irgendwo sein muss. Wäre aber nie auf die Idee gekommen, selbst der Gründel zu sein. Ist ja auch abwegig, so eine Idee. Wer würde schon auf die Idee kommen, Gründel zu sein? Und warum muss ausgerechnet ich Gründel sein? Fühlt sich gar nicht gut an, Gründel zu sein. Würde lieber nicht Gründel sein.“

Er richtet sich mühsam vom Fußboden auf, setzt sich auf einen Stuhl, der neben dem kleinen Tisch steht, und schaut sich im Zimmer um. „Wo befinde ich mich hier? Ist das meine Wohnung? Ah, jetzt erinnere ich mich wieder. Ja, das ist eindeutig meine Wohnung. Sieht aus wie in einer Bibliothek. An allen Wänden fast bis an die Decke reichende Bücherregale, vollgestopft mit Büchern. Habe ich das alles gelesen? Allein wenn ich daran denke, bekomme ich schon Kopfschmerzen. Erinnere mich auch wieder, dass mich meine Nachbarn nicht grüßen. Würde mich auch nicht grüßen, wenn ich ein Nachbar von mir wäre. Wenn mich die Nachbarn in diesem Zustand sehen könnten! Ach was, vergessen wir die Nachbarn. Bin eigentlich sogar froh, dass sie mich nicht grüßen. Nichts ist schlimmer, als Nachbarn zu haben. Muss immer sofort die Fenster schließen, wenn sie eine Sitzung auf dem Klo hatten und ein bestialischer Gestank aus ihrem offenen Klofenster in meine Wohnung dringt. Müssen Fleischfresser sein, so bestialisch stinken nur Fleischfresser. Erinnere mich auch wieder, nachts ihr Rammeln und Stöhnen zu hören. Höre dies aber dank der mit Büchern vollgestopften Regale nur gedämpft. Rammelten und stöhnten jedoch in letzter Zeit immer seltener. Die Lust am Rammeln und Stöhnen scheint ihnen langsam zu vergehen. Ist ohnehin ein Wunder, dass sie solch eine Lust entwickeln konnten, wenn man bedenkt, wie sie aussehen. Aber man soll nicht über andere lästern, wenn man so aussieht wie ich. Sehe ja aus wie der alte Schopenhauer, völlig zerfurcht und grimmig verkniffen. War aber nie ein Schopenhauerianer. Sein Opus magnum, Die Welt als Wille und Vorstellung, war mir viel zu langatmig. Wurde beim Lesen dieses zweiteiligen Wälzers immer müde und schlief ein, öfter beim ersten als beim zweiten Teil. Da lag mir Nietzsche näher. Der war schärfer, polemischer, provokanter, dies alles von seinem imposanten Schnauzbart unterstrichen.“

Er macht eine kurze Pause und redet dann weiter: „Ja, wenn ich wenigstens ein turbulentes Liebesleben hinter mir hätte, dann könnte ich jetzt in süßen Erinnerungen schwelgen. Allerdings gab es da eine große Liebe in meinem Leben. Marlene hieß sie, so wie die Dietrich. War Schauspielerin an einem kleinen Theater im alten Westberlin, das sich bei seinen Aufführungen an der Dramaturgie des Frauenwüstlings Bertolt Brecht orientierte, der es mit einer Schauspielerin nach der anderen getrieben hat. War aber sehr einseitig, meine große Liebe. Ging nur von mir aus. Marlene spielte zwar je nach Lust und Laune mit, aber sie spielte eben nur und war nicht wirklich in mich verliebt. Habe mich vor ihr zum Affen gemacht, gab immer den Superintellektuellen. Dabei quoll mir die sexuelle Begierde nur so aus den Augen. War ihr jahrelang hinterher. Manchmal ließ sie mich an sich ran, wenn auch nur sehr selten, um sich gleich danach wieder rar zu machen. War für mich wie Himmel und Hölle in einem. Machte ihr zig Heiratsanträge, aber sie vertröstete mich immer mit einem ‚Vielleicht später einmal‘. Nachdem ich endlich eingesehen hatte, dass es sinnlos war, auf ihr Ja-Wort zu hoffen, zog ich mich von ihr zurück. Danach hatte ich nur noch ein Verhältnis mit mir selbst. Zu Prostituierten ging ich nicht, das war mir zu geschäftlich. Schopenhauer ging zu Prostituierten. Nietzsche auch, hat sich da vermutlich die Syphilis geholt, an der er dann so elend zugrunde ging. Bin heute froh, keine Ehefrau zu haben. Heute wäre mir die Vorstellung, mit einer Ehefrau Tisch und Bett teilen zu müssen, irgendwie zu gruselig. Reicht mir schon, mit mir selbst Tisch und Bett teilen zu müssen.“

Er kratzt sich am Kopf, dann sagt er: „Habe mich ja noch gar nicht bei mir vorgestellt, wo ich endlich wieder weiß, wer ich bin. Gestatten, Georg Gründel! Nicht Abgründel, nicht Vorder- oder Hintergründel, nicht Ober- oder Untergründel, sondern einfach nur Gründel, so wie auch mein Urgroßvater väterlicherseits hieß, sozusagen mein Urgroßgründel, der seinerzeit berühmt berüchtigte Untergründler Heinrich Gründel. Er war ein durchaus nicht unbegründelt gefürchteter Untergründler. Bei der preußischen Polizei gab es eine dicke Akte über ihn. Er begann aber aus Verzweiflung, weil alle seine revolutionären Umtriebe scheiterten, zu saufen und tiefzugründeln. Je mehr er soff, umso tiefer und tiefer gründelte er, bis er sich schließlich zu Tode gesoffen und gegründelt hat. Bin mir der historischen Bedeutung meines Urgroßvaters durchaus bewusst, auch wenn er in keinem Geschichtsbuch erwähnt wird. Wahrscheinlich befürchtet man, dass ein Wachhalten der Erinnerung an ihn nur jene Leute bestärken könnte, die nichts anderes im Sinn haben, als Häuser zu besetzen, zu randalieren und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu leisten. Bin mir ziemlich sicher, dass ich in jüngeren Jahren vom Verfassungsschutz observiert wurde. So etwas spürt man. In Familien wird ja das Wissen über außergewöhnliche Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben. Vermutlich dachte man, dass ich mich als Urenkel des unverbesserlichen Untergründlers Heinrich Gründel mit diesem identifizieren und zu seinem Wiedergänger werden könnte, zu einem Staatsfeind aus Prinzip. War aber meilenweit davon entfernt, ein Leben wie mein Urgroßvater zu führen. Wäre mir viel zu anstrengend gewesen, zumal ich auch keinen Alkohol vertrage. Habe immer nur klares Wasser getrunken.“

Er kratzt sich wieder am Kopf und sagt: „Ist heute nicht Sonntag? Da kommt nachmittags meine Kusine Mary zu Besuch, um mich zu kitzeln. Sie ist ja mit ihren Neunundfünfzig nahezu noch eine Jugendliche im Vergleich zu mir. Kommt jeden Sonntagnachmittag, um mich zu kitzeln. Ist für mich fast wie Sex. Bekomme manchmal sogar noch eine Erektion, wenn sie mich kitzelt, was mir peinlich ist, obwohl sie dann so tut, als würde sie nichts merken. Während des Kitzelns erzählt sie mir von ihren neuesten Männerbekanntschaften. Kann mir aber die vielen Namen nicht merken. Interessiert mich auch nicht, mich interessiert nur das Kitzeln. Ist ja das einzige Vergnügen, das ich noch habe. Schade, dass Goethe die Mary nicht gekannt hat. Aber wenn sie zu seiner Zeit gelebt hätte und sie sich kennengelernt hätten, dann hätte er sich sicher auch von ihr kitzeln lassen. Er hat ja bei Frauen nichts ausgelassen. Vielleicht wäre ihm dann eine geistreiche, spritzige Komödie à la Molière gelungen. Die zwei, drei Lustspiele von ihm sind ja nicht gerade die großen Renner geworden. War aber durchaus nicht untalentiert, der olle Goethe, denn sonst hätte er es nicht zum deutschen Nationaldichter und zu so vielen Denkmälern gebracht. Na ja, beim Schreiben von Faust zweiter Teil hat er offensichtlich die Kontrolle über sich verloren. Da hat er eindeutig zu viel gesoffen. Normalerweise soll er täglich drei Flaschen Wein getrunken haben. Beim Schreiben von Faust zweiter Teil müssen es jedoch mindestens doppelt so viele gewesen sein. Es gibt da von ihm den treffenden Spruch: ‚Andere schlafen ihren Rausch aus, bei mir steht er auf dem Papier.‘ Aber wenn Mary ihn beim Schreiben von Faust zweiter Teil gekitzelt hätte? Dann wäre uns dieses chaotische, allein schon von seiner Länge her kaum aufführbare Stück möglicherweise erspart geblieben.“

Plötzlich trübt sich Gründels Gedächtnis wieder. Es zieht ihn wieder auf den Fußboden hinunter und er beginnt wieder auf allen Vieren herumzukriechen, die Brille auf der Nasenspitze. „Mary? Wer ist Mary? Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Auch den Namen Goethe habe ich schon mal gehört, kann ihn aber nicht mehr einordnen. Da war irgendetwas mit Kitzeln und einem zweiteiligen Besoffenen. Äh? Ein Besoffener, der aus zwei Teilen besteht, also aus zwei Besoffenen? Wie soll das gehen? Doch wer weiß, heutzutage ist so einiges möglich, das früher nicht möglich war. Und wo steckt denn bloß der Gründel? Rieche es, dass er hier irgendwo sein muss.“

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