Man sieht durch Luft hindurch

Von Michael Wiedorn

Niemand glaubt an meine Existenz. Niemand nimmt meine Gestalt wahr. Ich selbst weiß nichts von mir. Wo sollte man hinblicken um mich zu sehen? Richtet sich ein Blick auf meine Nichterscheinung, sieht der Betrachter auf den Gegenstand hinter mir. Ich bin so durchsichtig wie Wasser oder Glas.
Seine bloße Gegenwart ist für andere eine Zumutung – glaubt er. Er ist jetzt fünfundfünfzig. Ein blasses Gesicht mit Kassengestell als Brille und zarten, unentwickelten Gesichtszügen. Sein Antlitz hat noch nicht verstanden, dass sein Träger schon aus der Gebärmutter entschlüpft ist und schon längst erwachsen sein müsste. Seine verschwindend kleine Nase, sein verschwindend zartes Kinn schicken sich an, wie er selbst sich in Luft aufzulösen. Die Stirne flieht und flieht weit hinaus ins Nichts. Sein zerbrechlicher Körper, bereit sich im Winde weit weg wehen zu lassen, ist praktisch und billig bekleidet – in unauffälligen, wenn es ginge in unsichtbaren Farben. Grau, hellbraun, beige. Er verlässt nahezu nie seine Wohnung und verlebt seine Tage zwischen seinen vier Wänden.
Wohin soll ich großartig außer Haus gehen? In einer Kneipe würden die Leute mich nicht wahrnehmen. Sie würden durch meine Farblosigkeit hindurch blicken und würden eher ein Gespräch mit einem Stuhl anfangen. Ich versickere in der Holzvertäfelung. Ich bleibe den ganzen Tag auf dem Sessel sitzen und mache rein gar nichts. Der Fernseher läuft gemächlich vor sich hin. Die Wohnung dröhnt von fremden Stimmen. Die Stimme eines Polizisten erläutert dem Darsteller eines ermittelnden Kommissars die Personalien des Mordopfers. Ich betrachte die Abbilder der Darstellung fremden Lebens. Mein Inneres wird von der Leere zernagt. Der Sessel, auf dem ich sitze, ist leer. Meine Gefühle sind abgestorben und ich nehme einen Zug aus der Bierflasche, blättere in einer Fernsehzeitschrift, lege sie überdrüssig beiseite und blicke auf die flimmernde Wand in ein Polizeirevier. Der Darsteller eines jungen Einbrechers tut so, als warte er auf einem Stuhl sitzend auf seine Vernehmung.
Die Nachbarn wissen, dass im vierten Stock ihres Wohnblockes ein unscheinbarer Herr in mittleren Jahren lebt. Sie grüßen ihn nicht, da sie ihn nicht wahrnehmen können. Sie grüßen auch nicht das Treppengeländer oder die Wohnungstüren. Die Nachbarn haben über ihn keinerlei Meinung.
Ich bin nicht einmal ein Gespenst. Jungmädchenstimmen, die über die Liebe sprechen, dröhnen durch die Wohnung. Anna und die Liebe. Ich habe keine weiteren Angehörigen. In Bielefeld oder Braunschweig soll eine alte Tante in einem Altersheim vor sich dahinvegetieren – falls sie überhaupt noch lebt. Meine Mutter ist vor fünf Jahren verstorben. Ich vermied die Besuche bei ihr, weil ich ihren leeren Blick, dem ich nicht glaubte, dass er mich wahrnahm, nicht mehr ertrug. Wenn sie meinen Namen sagte, konnte ich es nie fassen, dass sie mich meinen könnte. In den letzten Jahren erkannte sie niemanden mehr, verwechselte mich dauernd mit den Schwestern, den Ärzten oder längst verstorbenen Verwandten und plapperte und kicherte fortlaufend vor sich hin. Ich war schon immer Glas und Luft und jeder blickt durch mich hindurch.
Er spricht – falls es mal so was wie ein Gespräch geben sollte – über das Fernsehprogramm, über Politiker, über das Wetter und bricht mitten im Satz ab, da er merkt, dass ihm niemand zuhört. Er versteht sein eigenes Gerede nicht mehr und seine Sätze und Wörter erscheinen ihm wie rieselnde Asche. Das Abbild einer Darstellerin einer jungen Blondine versucht mit möglichst präziser Terminologie – Gefühle müssen exakt und bis auf das Detail genau gefasst, erfasst, gepresst werden – ihre Beziehung und die Unmöglichkeit derselben zu irgendeinem Thorsten zu erläutern. Ihr Gesicht auf der Mattscheibe verzieht und verzerrt sich zu einer verkrampften Grimasse bei ihren Bemühungen ihre Gefühle richtig und haargenau korrekt zu verbalisieren und zu präzisieren. Bei Gesprächen und beim vor mich hin Grübeln hier auf dem Sessel habe ich und sage ich meine Meinung über dies und das und merke dabei, dass meine Gedanken beim Aussprechen oder schon beim Auftauchen im Kopf verwesen und auseinander fallen. Ich habe gleichzeitig die genau entgegengesetzte Meinung. Gedanken und Gefühle sind Schaum und Luft. Luft ist da, versucht man auf Luft zu blicken, blickt man auf Menschen, Bäume, Möbel. Blickt man auf klares Wasser, sieht man die Kiesel auf dem Grunde und vielleicht noch ein ungreifbares Blinken. Ich habe noch nie den Fanatismus und die Gewalt verstanden, von denen immer im Fernsehen gesprochen wird. Von Hass und Geilheit aufgerissene Augen in Pornos, im Krieg.
Erregtes von den Sitzen Aufspringen und hysterisches die Arme in die Luft Hochheben bei einem Länderspiel. Alles ist so wie es ist und es könnte auch ganz anders sein. Alles ist egal. Der Fernseher läuft. Das Leben läuft und lebt nicht. Eine Endlosschleife. Stimmen. Unzählige, kleine Geschichten. Ein Gewimmel von vorbei huschenden Gesichtern. Eduschokaffee. Barmer Ersatzkasse. Till Schweikart. Erinnere ich mich an die Gesichter und Banalitäten von vor vielen Jahren abgelaufenen Tagen, kann ich sie nicht mehr von den Plattitüden und Fernsehschimären von heute Vormittag unterscheiden.
Beige, hellbraun, grau. Ich werde einfach vergessen zu sterben oder ich werde meinen Tod nicht spüren und so mein Dasein für immer und ewig weiterführen.
Niemand sieht mich. Niemand beachtet mich. Niemand sieht die Luft. Man sieht durch sie hindurch.
Eines Tage wird es den Nachbarn auffallen, dass sie den unscheinbaren Herrn schon lange nicht mehr gesehen haben. Haben sie ihn denn jemals wahrgenommen? War er nur ihre Halluzination und hat hier nie gewohnt? Die Feuerwehr wird die Wohnungstüre aufbrechen. Niemand wird ihn finden und niemand wird wissen, wohin er gegangen sein könnte. Er wird sich noch in der Wohnung aufhalten.

© 2021 Michael Wiedorn
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