Aranea Somatica D 20

Von Zartelli

Ich bitte das Volk um Entschuldigung: für alles, was ich an ihm verbrochen habe. Das war von mir so nicht gewollt. Die haben mich hypnotisiert. Es muss während eines der Kriegsspiele über mich gekommen sein, eines der Kriegsspiele, die sie als unabdingbar für die Bewältigung der kommenden Ereignisse deklariert hatten. Vermutlich war es das Manöver, bei dem Billy diese Kügelchen verteilte. Jensen war ja schon viel früher in Billy vernarrt gewesen. Ein hässlicher Kerl im Grunde, mit einer grässlichen Stimme – aber dieser Blick: ich war außerstande, mich ihm zu entziehen. Außerdem ist Macht das einzige gewesen, das in mir sexuelle Regungen hervorrufen konnte, das war schon immer so. Klar, die haben den auf uns angesetzt. Der ist im Grunde auch bloß eine Marionette gewesen. Und das Volk weiß nicht das Geringste darüber. Die lenken alles, ohne sich jemals zu zeigen, aber sie brauchen uns: als ihre Marktschreier und Wachhunde; als ihre – Spielfiguren.
Bei alldem muss ich mich immer noch darüber wundern, dass das Volk sich die ganze Sauerei hat gefallen lassen, anstandslos, bis auf ein paar – letztlich unerhebliche – Ausnahmen. War die Propaganda denn wirklich so raffiniert, so unwiderstehlich? „Glauben Sie nur das, was wir Ihnen sagen.“ „Wir sagen die Wahrheit. Sie dürfen das niemals bezweifeln.“ „Alle, die unsere Aussagen in Frage stellen, wollen Ihnen schaden.“ Aus meinem Innersten, wo sie mich eingesperrt hatten, mich, mein Wesen, meine Menschlichkeit, hat es mich beobachtet, hat beobachtet, wie ich nichts als Phrasen hervorbrachte, wie ein Automat. Und manchmal tauchte in mir der Gedanke auf, dass vielleicht auch in all den anderen Automaten, die um mich herum ihr Unwesen trieben, ganz tief innen so etwas wie eine Seele hocken könnte.
Im Grunde war ich schon immer eingesperrt gewesen – hatte es aber dennoch ab und zu geschafft, aus meiner Panzerung herauszukommen. Nun aber war ich vollkommen gefangen. Etwas in mir betete, eine zarte Stimme, flüsternd, verzweifelt. Betete, dass man den Betrug durchschauen, dass man uns auslachen, sich weigern würde, den ganzen verordneten Unsinn auszuführen. Aber sie haben gespurt, wie die schwachsinnigsten Lakaien, für die bloß eine platte Propaganda erforderlich war, um sie mit spielerischer Leichtigkeit aufzuzäumen. Sie haben alles hingenommen, in kürzester Zeit, wir hätten die Anweisungen gar nicht so oft wiederholen müssen! Als ob sie sich schon immer nach einem Kriechtierleben gesehnt hatten, sie geradezu darum bettelten, dass auch die letzten verfluchten Reste ihrer angeblich gottgegebenen Würde endlich in Grund und Boden gestampft werden mögen. O ja, ich habe mit Billy und seiner Pute und Jensen über die unglaubliche Ahnungslosigkeit der Leute gelacht. „They are ants“, meinte Jensen in seinem lächerlichen Englisch. Und Billy erwiderte: „Definitely not, my boy: ants are much smarter, believe me.“ Und dann verübte er mit seiner Pute wieder dieses hinterlistige Lachen, das Jensen, dieser Speichellecker, nie wirklich hinbekommen hat, sosehr er es auch zu imitieren versuchte. Und ich habe mitgelacht, vollautomatisch, doch in meinem Innersten hat es geweint. Ich habe es abgewürgt, mit diesen „Good-Vibrations-Kügelchen“, die Billy an uns regelmäßig verteilt hat, jedes Mal mit seinem grinsenden „you have no choice“- Gequake. Ich kam ohne dieses SOMA-Zeug, wie Billy es nannte, nicht mehr aus. Keine Ahnung, was da drin oder dran war, ich wollte es auch nicht wissen.
Aber irgendwann ist es passiert. An jenem Tag, der mir diesen Traum bescherte – der eigentlich gar kein Traum war, vielmehr eine Art Vision: ich schwebte im Weltraum, hoch über der Erde, in einer Kugel oder Blase oder was auch immer, und sah dieses Netz, das den ganzen Planeten umspannte, so eng, dass ich kaum noch die Meere und Kontinente erkennen konnte; und inmitten des Netzes hockte diese riesige Spinne, darauf angesetzt, sämtliche Lebensenergie, die sich unter ihr regte, zu kanalisieren und restlos abzusaugen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und erwachte im Zustand äußerster Panik.
Am späten Vormittag dann der Fernsehtermin in einer Grundschule, die für ihr vorbildliches Präventionsprogramm mit irgendwelchen Verdienstorden oder Urkunden ausgezeichnet werden sollte. Als mir jenes Vorzeigemädchen gegenüberstand, das mich verstört aus den Augenschlitzen anstarrte, ein voll verpanzertes fünfjähriges Wunderkind, dem die Mutter eingeredet hatte, dass es Mami und Papi töten würde, wenn es ihm einfiele, ihnen auch nur einen Moment sein nacktes Gesichtchen zu zeigen, brach es aus mir heraus: ich schluchzte, laut und heftig, stürzte auf die Knie, zog das Kind an mich, riss ihm die Maske herunter und streichelte und küsste dieses Gesichtchen, dieses liebe arme Gesichtchen, das da hervorlugte und mich anflehte, aus dem verfluchten Panzer, in den dieses grauenhafte Muttervieh von staatlich geprüfter Hygienefachkraft sie gepresst hatte. Ich küsste dieses Gesichtchen dermaßen inbrünstig und verzweifelt, wie ich noch nie etwas geküsst hatte. Und es schien eine ganze Ewigkeit zu dauern, bis meine schockierten Bewacher in der Lage waren, mich mit einiger Anstrengung von dem Mädchen zu lösen.
Ich bitte das Volk um Entschuldigung – doch es kann mich nicht hören. Ich komme hier nicht mehr raus. Der Psychiater hat mich als Gefahr für das öffentliche Leben abgestempelt. Und selbst wenn ich zum Volk sprechen könnte, es würde mich nicht verstehen. Es ist nurmehr willenloses Vieh, abgerichtet und gesteuert von der großen Spinne, die alles und jeden in ihrem Netz gefangen hält, die jede Regung, jeden Furz registriert, bis in die kleinste Bettdeckenfalte und abgelegenste Gehirnwindung.
Warum auch immer es mir möglich gewesen ist, das Geheimnis dieses grausigen Spiels zu entdecken – früher hätte ich das alles für eine Ausgeburt einer perversen B-Picture-Phantasie gehalten: ich habe es gesehen, leibhaftig, mit meinen eigenen Augen, und ich sehe es immer wieder, dieses Ding mit dem obszönen Kreuz auf dem Rücken, das Affektkraftwerk der Bruderschaft der Vampire hinter dem Schleier, in der Jenseitssphäre oder dem Schattenreich oder wie auch immer man das nennen will; dort, wo unsere ewige Mitessergesellschaft hockt, ein skrupelloses Syndikat von Schmarotzern, die immer größer und mächtiger geworden sind durch das Damoklestheater, das wir, ihre Statthalter und Agenten, unter ihrer Regie inszeniert haben. Inszeniert als dreckigen Hygienekrimi: um es zu fesseln, das Volk, die sehr geehrte Gemeinschaft von Bildschirmtrotteln, um serienweise ihre Angst und Wut zu schüren und in das Worldwide Netfix System einzuspeisen, Angst und Wut, als Spenden für das Überleben der ewig hungernden Vampire jenseits der großen weiten Displayworld!
Es war ein Fehler, dem Psychiater davon zu erzählen. Er hat mich reingelegt mit seiner fingierten Empathie, seiner ausgezeichnet gespielten Vertraubarkeit. Vielleicht weiß er sogar, dass ich die Wahrheit sage und muss mich darum für umso gefährlicher halten. Aber das ist unnötig. Die haben ihr Ziel erreicht: ein Volk von Zombies, das seine Kinder wie von selbst zu Robotoiden abrichtet. Billy hatte Recht: das sind keine Ameisen. Das sind Läuse: Läuse, die von Ameisen gemolken werden. Die ultrafaschistische Technokratie ist fest installiert. Sie hat die alten Kirchengötter verhungern lassen und feiert sich selbst allüberall als die vollkommene Synthese von Himmelreich, Arbeiter- und Bauernparadies und hypertranshumanistischer Einheitsdemokratie – in der die Reset-Götter Digitalia und Digitalius mit ihren Silikon-Heerscharen der verblödeten Masse unaufhörlich die Lebenslichtkraft aus den Gemütszellen schlürfen.
Morgen werden sie meine Bewusstseinsstruktur auflösen, meinem Körper ein neues Betriebssystem verpassen und ihn neu starten. Aber etwas in mir lässt mich glauben, dass es irgendwo da draußen noch Menschen gibt, wirkliche Menschen. Die Agenten der Vampire haben Jagd auf sie gemacht, gnadenlos, aber ich bin sicher: ein paar von ihnen haben überlebt. Ein paar Menschen, die wissen, wie es wirklich ist. Mit dieser Hoffnung werde ich untergehen. Das Allwesen, die große schöpferische Kraft, schütze euch –

schon immer verlassen
euer gekreuzigter Engel

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