Begleitung

Von Michael Kothe

»Wäre ich doch bloß nicht über den Friedhof gegangen!«
Unwillkürlich hatte er lauter gesprochen, als er gewollt hatte. In der abendlichen Stille musste es trotz der Luftfeuchtigkeit, die sogar das Geräusch eiliger Schritte aufsaugte, in der ganzen Straße zu hören gewesen sein. Erschrocken drehte er sich um. Scheinbar jeder Passant hatte sich nach ihm umgedreht. Nach ihm? Nach seiner Begleiterin? Nach wem auch immer! Betreten blickte er auf seine Schuhspitzen, die sich in zaghaften Schritten nach vorn schoben. Als er den Blick wieder hob, atmete er erleichtert auf. Die Spaziergänger hatten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die wenigen Schaufenster gerichtet, die um diese Uhrzeit noch beleuchtet waren. Mit hochgeschlagenen Mantel- oder Jackenkragen und mit nach vorn gebeugtem Oberkörper hasteten die meisten vorbei. Nach Hause, ins Warme, stellte er sich vor.
»Hätte ich doch bloß nicht die Abkürzung …« Diesmal sprach er mit gedämpfter Stimme, wie zu sich selbst. Es klang weinerlich.
Sie aber hatte es gehört. Als sie ihm ihr Gesicht zuwandte, konnte er ihr schiefes Grinsen sehen. Die Lippen zu dünnen Strichen gezogen, Zahnhälse stachen aus so schmalem Zahnfleisch hervor, dass er sich fragte, ob sie jemals üppigeres gehabt hatte. Ihr Teint schien ihm zu glatt für ihr geschätztes Alter, und zu straff gespannt. Lifting? Wie Pergament, kam ihm in den Sinn. Aber das lag sicherlich am Licht, das immer nur einen schwach leuchtenden Halbkreis um die Schaufenster auf den Bürgersteig zeichnete und dazwischen vor den dunklen Häusern und Eingängen die Augen täuschte. Das ging schon so, seit sie ihn überredet hatte, sie zu begleiten.
»Das sagtest du schon. Aber es war gut so.«
»Ja, gut für dich! Du hast mir aufgelauert und mich bedroht. Warum?«
»Das hätte ich mit jedem gemacht. Du warst eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Aus deiner Sicht. Ich brauche jemanden. Allein kann ich das nicht machen.«
»Du brauchst jemanden? So hilfsbedürftig siehst du gar nicht aus. Und ich? Bin ich wirklich der, …«
»Hier rechts rein!«
An seinem Oberarm glaubte er ihren Griff zu fühlen, mit dem sie ihn in die Gasse lotste, fort vom letzten Bisschen Licht. Er spürte, wie sich die Härchen aufstellten unter den Ärmeln seines Businesshemdes, seines Jacketts und unter dem wärmenden Kaschmirmantel. Er begann zu zittern. Die Geschäftsstraße kannte er noch, auch wenn er mit Absicht selten hierher kam. Diese Seitenstraße wiederum nun hatte er noch nie betreten. Er roch den Nebel, ohne dass er ihn sehen konnte. In dieser dunklen Jahreszeit überfiel einen die Nachtfeuchte unsichtbar.
»Nun komm schon, bleib nicht dauernd stehen!« Ihre Stimme vibrierte. Ungeduld? Gehässigkeit ihm gegenüber? Verachtung? Dafür war sie bisher zu emotionslos gewesen.
Sein »Ja« klang verzagt. Unsicher spähte er nach allen Seiten. Einerseits wünschte er sich, er wäre mit ihr nicht allein in dieser Gegend, andererseits war er froh, kein Publikum zu haben. Seine Angst konnte man sicherlich hunderte Meter weit riechen! Und die machte ihn verletzlich, angreifbar, jeden Dunkelmann würde sie anziehen. Davon lebten hier sicher viele, hatten Zuflucht gefunden in diesen heruntergekommenen Wohnblocks und in den Hinterhöfen, deren finstere Zufahrten ihn wie offene Mäuler aufsaugen wollten. Jede Abzweigung, die sie nahmen, machte die Situation gefährlicher, jede Straßenecke, an der sie abbogen, führte sie weiter in eine Welt, die er nur aus cineastischen Milieustudien kannte. Hier konnten nur Messerstecher, Kinderschänder und andere Psychopaten leben, und wer nicht als solcher hergekommen war, den machte diese Umgebung dazu. Ihr trostloses Grau verdankten die Gebäude sicherlich nicht der spätabendlichen Dunkelheit. Nur wenige Autos parkten am Straßenrand, einige davon wichtiger Teile beraubt, seien es Räder, Scheinwerfer oder gar Karosserieteile. Ihr Lack hatte trotz der Feuchtigkeit der Nachtluft auch in den engen Lichtkegeln einzelner Straßenleuchten keinen Glanz. Mülleimer reichten nicht mehr aus, den ihnen anvertrauten Unrat aufzunehmen. Nicht einmal Katzen oder streunende Hunde machte er in dieser Trostlosigkeit aus.
Sie grinste ihn an, als sie sein trockenes Schlucken hörte. »Mach dir keinen Fleck ins Hemd! Ich habe es hier jahrelang aushalten müssen.«
Verachtung für ihn schwang überdeutlich in ihrem Tonfall mit. Irgendetwas musste er ihr entgegnen, damit sie ihn überhaupt als Menschen wahrnahm.
»Führst du mich noch weiter dieses Elend? Aus diesem Labyrinth fände ich ja nie mehr heraus.«
»Solltest du aber. Allein überlebst du hier nicht mal den nächsten Morgen. Und ich bringe dich nicht wieder zurück.«
Was sollte er ihr entgegnen? Flehend warf er ihr einen Blick zu, zaghaft streckte er seine Rechte aus, um sie zu berühren. Nichts fühlte er, als sich seine Hand auf ihren Mantel legte.
»Lass das!« Ihre Stimme war mit der Zeit harscher geworden, herrschsüchtiger.

Vor einer Viertelstunde noch war er fröhlich in den Feierabend spaziert, hatte sich auf den Heimweg durch die hell erleuchtete Einkaufszone gefreut. Seine Vorfreude hatte ihn über den Friedhof geleitet, so träfe er ein paar hundert Meter früher auf die Flaniermeile mit all den Menschen, mit der Leuchtreklame, den strahlenden Schaufenstern und den aufreizenden, erlesenen Auslagen. Seine Welt! Und dann, als er froh war, das schmiedeeiserne Tor dieses Totenreichs mit seinen Gräbern, mit seinen düsteren Bäumen und den knirschenden Kieswegen hinter sich gelassen zu haben, stand sie da! Aus dem Halbdunkel hatte sie sich gelöst, war zögerlich auf ihn zugekommen, hatte hilfsbedürftig gewirkt und seinen Beschützerinstinkt geweckt. »Du musst mir helfen, allein schaffe ich das nicht!«, waren so ziemlich ihre ersten Worte gewesen. Und nun? Seit sie das Licht und das Leben jener Glitzermeile verlassen hatten, hatte sie mehr und mehr die Führung übernommen.

»Was ist?« Er hätte nicht sagen können, was ihn bewog, gerade hier stehen zu bleiben. Kurz ruckte er mit dem Kopf, um die noch frische Erinnerung abzuschütteln.
Ihre Antwort war knapp: »Wir sind da.«
Unsicher fuhr sein Blick über den Eingangsbereich des alten Wohnblocks, unter dessen Vordach sie standen. Gerade Linien der Sechzigerjahre, die Tür mit der scharfkantigen Metalleinfassung und der gewellten Drahtglasfüllung, daneben zahlreiche Briefkastenschlitze, die wie Piranhamäuler gierig darauf zu warten schienen, dass er seine Hand hineinsteckte. Papierfetzen, Werbezettel und Plastiktüten hatte der Wind auf dem Boden darunter aufgehäuft.
»Was ist?« Diesmal war sie es, die fragte.
»Wo muss ich klingeln?« Obwohl er nicht nachvollziehen konnte, warum, war er sich sicher, vor dem richtigen Hauseingang zu stehen. Vor dem, zu dem sie ihn geführt hatte. Aber weshalb, wusste er immer noch nicht.
»Musst du gar nicht. Sie ist eh kaputt. Stemm dich gegen die Tür!«
Mit dem typisch metallenen Klacken überwand seine Schulter den Widerstand des Türschnäppers. Er stemmte die Tür ganz auf und rieb sich die schmerzende Stelle, mit dem Rücken hielt er die Tür offen, sodass seine Begleiterin an ihm vorbei eintreten konnte. Von oben hörte er Rapmusik. Gedämpft, als ob sie nicht aus einem Raum käme, der direkt ans Treppenhaus grenzte, aber dennoch beängstigend aggressiv. Graffiti sah er im Halbdunkel nun auch an den Wänden hier drin. Im letzten Moment unterdrückte er einen Niesreiz, der Geruch nach Moder und Urin ließ ihn würgen. Er nestelte an seiner Krawatte, als ob er mit deren Knoten auch den in seinem Hals lösen könnte, und schob das Stück Seidenstoff in seine Manteltasche. Unwillkürlich hüpfte sein Adamsapfel, als er sich klarmachte, dass er ohne Schlips auch nicht besser in diese Umgebung passte. Seine teuren Schuhe, die Bügelfalten unter seinem Mantel, der selbst auch und nicht zuletzt die elegante, schlanke Ledermappe definierten ihn als einen Menschen, der hier nichts zu suchen hatte.
Auf der untersten Treppenstufe war sie stehen geblieben. Herausfordernd blickte sie ihn an.
»Komm schon! Gleich hast du´s geschafft.«
Sein Seufzen war die ehrlichste Antwort auf ihre Aufforderung. Dass er ihr Stockwerk um Stockwerk die Treppe hinauf folgte, geschah automatisch. Sein Bewusstsein war wie ausgeschaltet. Dennoch nahm er wahr, wie sich auf dem Treppenabsatz vor ihm eine Wohnungstür öffnete. Lautlos. Nur einen Spalt. Ein Auge starre ihn an, der Spalt wurde breiter und gab ein ganzes Gesicht frei. Verlaufene Wimperntusche, Augenringe, hängende Mundwinkel, feindselige Augen, unstete Blicke, die er körperlich zu spüren glaubte. Als sie seine Begleitung streiften, sah er eine Hand nach oben schnellen. Im Geiste vervollständigte er die Bewegung: Die Bewohnerin bekreuzigte sich. Mit einem spitzen Aufschrei drückte sie ruckartig die Tür ins Schloss. Schnell, doch leise, als ob sie die Hand an den Rahmen gehalten hätte, um einen allzu lauten Schlag zu vermeiden, der auf sie aufmerksam gemacht und ihr Unheil gebracht hätte. Das Schnappen des Schlosses hörte er deutlich, als der Schlüssel umgedreht wurde. Zweimal. Bis zum Anschlag. Er zuckte zusammen, als er ein Ziehen an seinem Ärmel fühlte. Wortlos folgte er seiner Führerin weiter nach oben.
»Hier. Hier kannst du klingeln. Sie funktioniert.«
Zaghaft streckte er den Finger aus. Als sie ihm energisch zunickte, drückte er auf die Taste. Er war verstört: Sie, die die treibende Kraft gewesen war, die die tragende Rolle gespielt hatte, stellte sich nun hinter seinen Rücken, verbarg sich hinter seiner Silhouette. Er hörte, wie hinter der Tür ein Schlurfen auf ihn zu kam, sah, wie der Deckel vom Türspion fortgeschoben wurde, und verzerrt zeigte sich ihm darin ein Auge.
Wie in Trance verharrte er, nahm das beginnende Schauspiel in sich auf, unfähig, seinen Part darin aktiv zu spielen. Auf einen Schlag wurde ihm klar, in diesem Dreipersonenstück war er nur Statist. Die sich öffnende Tür bot einem Hünen von Kerl die Bühne, der ihm aggressiv sein Kinn entgegenreckte. Er verstand die wortlose Aufforderung, sich zu erklären, die Störung zu begründen. Stumm öffnete er den Mund, die Stimme versagte ihm. Wohl zu lange! Eine Hand flog ihm entgegen, krallte sich in seinen Mantelkragen, drückte ihn zurück zur Treppe. Mit den Absätzen schon über der vorletzten Stufe hängend zitterte er vor Angst, hinabgestoßen zu werden.
»Wenn du nicht gleich …« Der Satz blieb halbfertig in der Luft hängen.
Seine Begleiterin war aus der Deckung getreten und hatte sich zwischen ihn und den Hünen geschoben. Nun legte sie seinem Gegenüber die flache Hand auf die Brust. Scheinbar mühelos drängte sie den Kerl einen Schritt zurück. Eine solche Kraft hatte er bei ihr nie gespürt. So riss er ungläubig die Augen auf. Seinen Blick löste er von der Hand, die sein Revers wohl nie mehr freigeben wollte, und verfolgte die Frau, die ihn hierher geführt hatte.
Gerade schob sie sich an dem Grobian vorbei. Was wohl ein ironisches Lächeln sein sollte, geriet zu einem zynischen Grinsen, als sie ihn ansah.
»Jahrelang hast du mich tyrannisiert. Hast mich schikaniert, wo immer du konntest. Eingesperrt, geschlagen, ausgenutzt und missbraucht. Hast mich letztendlich in den Tod getrieben, als ich nicht mehr ein noch aus wusste. Nun bin ich wieder da, bin wieder bei dir. Aber eines lass dir gesagt sein: mit vertauschten Rollen! Nun bist du es, der leiden wird. Bis auch du aufgibst und den Freitod suchst.«
Sie wandte den Blick von ihrem Mann zu ihrem Begleiter. Ihre Stimme wurde sanfter.
»Danke, dass du mich zu ihm geführt hast. Nun habe ich Macht über ihn, aber bisher brauchte ich dich, damit du mir die Türen öffnest. Du bist frei, kehr´ in deine Welt zurück! Hab Dank!«
Erleichtert darüber, dass dieser Albtraum ein Ende hatte, holte er Luft. Er wollte sich umdrehen, stellte sich vor, wie er leichtfüßig die Treppe hinunter lief, froh, dieses düstere Erlebnis hinter sich zu lassen und in der Fröhlichkeit seines geordneten Lebens möglichst schnell zu verdrängen.
Dumpf klang die Stimme, die seine Zuversicht mit einem Schlag zerbrach. »Du! Du hast sie hergebracht, du verfluchter Hurensohn.«
Er spürte den Schwung, mit dem ihn die Hand an seinem Kragen über das Treppengeländer hebelte. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg in den wenigen Sekunden, bevor er im Erdgeschoss auf den Fliesen aufschlug.

© 2021 Michael Kothe
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