Bei ihr

Von Lydia Kraft

Immer wollen alle was von mir. Die einen Gehorsam, die anderen Geld, manche auch Liebe. Irgendwann ist dann genug. Da ist nichts mehr, aus und vorbei. Auch wenn es Kulturen gibt, die die Zahl Null nicht kennen. Da muß ich hin. Es wird immer etwas da sein. Aber gut… Was soll ich im Wald. So ganz ohne Obrigkeit und Hüben und Drüben, am Ende wüßte ich nicht mehr wo ich herkomme. Hier und immer da, Eins mit dem Wald, verschmolzen im Universum. Für den Weißen dann unsichtbar… Gut, hier in der Stadt wird mit das nicht gelingen, außer man geht nur Nachts auf die Straße. Dann sind ja bekanntlich alle Katzen grau. Lieber auf dem Globus die nächste große Stadt gesucht und weg hier.

In Lissabon bin ich gelandet. Auf den ersten Blick ein sauberer Eindruck und unheimlich freundlich. Sich durchfragen ist kein Problem, es wird immer weiter geholfen Es ist auch kein Problem, als Frau alleine zu gehen. Man wird höchstens von verheirateten Touristinnen begutachtet, na gut, arm aber glücklich, was es in Lissabon noch gibt, hat auch sein Glück versucht. Aber nichts was man als prekäre Situation bezeichnen müsste. Es macht Spaß und ein gutes Gefühl durch die Engen Straßen der Stadt zu spazieren. Es gibt viel zu sehen in , Schaufensterauslagen, Theaterleute, Musiker, ein Messerschleifer und viele Touristen
In einer Seitenstraße, abgelegen vom großen Troubel sehe ich eine Frau auf den Stufen vor einem Haus. Sie hat vor sich eine Büchse zu stehen. Eine Bettlerin, eigentlich nichts besonderes, doch ihr Anblick hält mich gefangen. Sie hat noch nicht angefangen zu altern und es kann gut sein, das sie nicht von diesem Kontinent stammt. Aber das ist alles nicht so wichtig. Ich bin stehen geblieben und sehe nur eine sehr schöne Frau und es drängt sich mir die Frage auf, ob sie in ihrem Glauben eine weibliche Gottheit hat. Gebannt sehe ich sie an. Sie bemerkt meinen Blick und lächelt mir zu, als würden wir uns schon ewig kennen. ‚Sicherlich kenne ich die Göttin.‘ sagt mir eine Stimme ohne daß ihr Lächeln verschwunden wäre. Ich bin erstaunt und mir sicher, daß es ihre Stimme war aber ihr Mund hat sich nicht bewegt. Fragend sehe ich sie an. Wieder höre ich die Stimme. ‚Warum wunderst du dich? Die Sonne scheint und bringt uns Liebe.‘ Bei uns, denke ich mir und hoffe, daß es in Deutschland grau und kalt ist, es ist März, ist es noch nicht so lange so warm. ‚Dann bleibe ich lieber hier‘ sagt die Stimme und die Frau gesellt sich zu mir. Langsam spazieren wir durch die Straßen, sie zeigt mir die Stadt. Trotz der zerschlissenen Kleider ist ihr Gang frei und fröhlich. Das Lächeln in ihrem Gesicht, scheint nicht verschwinden zu können. Ich gebe mich der Lissabonner Kulisse und unseren Gedanken hin. Große Häuser künden von vergangenem Reichtum. ‚Und? Welcher ist dein Gott?‘ Höre ich es und ich muß überlegen während wir weitergehen. Eigentlich bin ich Atheistin aber manchmal hofft man schon, daß die Menschen nicht das höchste Maß oder Recht sind, denke ich mir und sehe sie an. Meinst du wirklich, daß es Gott gibt? Sie sieht mich an und bleibt stehen, Es gibt nicht nur einen. Wenn man es genau nimmt habt ihr viele Götter. Ich bin mir sicher, sie bewegt ihren Mund während sie redet, Autos, Fernseher, Geschirrspülmaschinen. Ich weiß nicht was ich antworten soll. ‚die Musik auch‘ sagt sie und geht weiter. Aber das würde ja heißen… ist alles Große Mutter Erde, sie kichert wie ein kleines Mädchen und es hat den Anschein als möchte sie mir davon rennen. Jaaa, sie ist alles was ihr haben könnt. Aber ich habe doch noch mein Wissen, meinen Willen, meine Freude. Oh ja, sie bleibt stehen, Vater Himmel ist auch mit uns. Sind ja auch wieder Einige, zwölf um genau zu sein. Ach, du bist zu Einsam, mich bestimmt doch nicht nur der Himmel. ‚Nein? Alles dein Gefühl?‘“Das will ich wohl meinen.“ Sage ich überzeugt in die Luft hinein. Sie muß wieder kichern, ‚ja, man muß ihn schon verstehen‘. Wir gehen weiter und kommen zu einer kleinen Parkanlage. Ein großer weiter Baum spendet Schatten. Wir setzen uns auf die Parkbank die darunter steht. „Unser Gott ist männlich.“ sage ich und setze mich. Sie ist zusehents vergnügt, wohl nicht zuletzt weil ich ihr ein Eis spendiert habe.

‚Denke nicht, bei ihr gibt es nichts.‘ „Na wenn sie alles ist, was man haben kann will ich das nicht in Frage stellen.“ eine Weile sitzen wir da und genießen den Moment. ‚Ja, und bei ihr kann man sich alles nehmen was gerade nötig ist. Man muß nur wissen wo man es findet.‘ ‚Bist du dir sicher, daß du dir bei ihr alles nehmen kannst?‘ ‚Aber ja, soviel wie nötig ist. Das macht ihr gar nichts aus.‘ „Das geht hier aber nicht so einfach. Ich hoffe, das weißt du.“ ‚Das kann man so sagen. Als ich, hier ankam hatte ich großen Hunger und wußte nicht viel über Euren Gott und ging zu einem Laden und wollte mir etwas nehmen.‘ „Und hast du was bekommen?“ ‚Erst nicht, da kam nur die Polizei und wollte mich mitnehmen. Der Ladenbesitzer hatte aber ein gutes Herz und hat von einer Anzeige abgesehen. Den Apfel den ich wollte, hat er mir dann geschenkt. Manchmal steckt er mir immer noch etwas zu.‘ „Glück gehabt. Ist ja aber auch nicht einfach wenn man die Sprache nicht kennt. Aber eigentlich sollte man imer fragen, ob man etwas haben kann.“ ‚Das stimmt, das soll man bei ihr auch.‘ lächelt sie etwas verlegen. Eine Weile schweigen wir. Dann sage ich ihr das ich gerne ihre Stimme hören würde. Sie sieht mich an und ein Lächeln strahlt über ihr Gesicht. ‚Ja, wirklich? Wenn du willst, singe ich ein Lied für dich.‘ „Das wäre schön“ kann ich gerade noch sagen, da fängt sie auch schon an, eine Melodie erklingen zu lassen. Sie hat eine schöne Stimme. Nicht zu hell aber auch nicht tief. Ich blinzle in die Sonne und lausche ihren Worten, die in einer mir unbekannten Sprache erklingen. Als sie geendet hatte mit ihrem Lied lasse ich die Harmonien der Melodie noch eine Weile auf mich wirken dann sage ich, daß sie öfter ein Lied singen sollte besonders wenn sie mit ihrer Geldbüchse auf der Straße steht.

Ein paar Tage später, sehe ich sie wieder umringt von ein paar Touristen die den Klängen ihrer Stimme lauschen. Als sie mich bemerkt winkt sie mir zu und kommt nach einem weiteren Lied zu mir. „Das war eine sehr gute Idee“ redet sie auf einmal in einem gebrochenen Englisch zu mir. Seid ich singe, sind immer ein paar Euro in meiner Büchse und die Leute sehen mich auch nicht mehr so misstrauisch an. Sogar der Obst und Gemüsehändler hat mir letztens eine große Tüte mit frischem Grünzeug mitgegeben nachdem ich mein Lied erklingen lassen habe. Ich freue mich mit ihr und wünsche ihr Alles Gute für die weitere Zeit. Ich bin schon gespannt wie es für mich weitergehen wird, im kalten Deutschland. Hoffentlich klappt es auch bei mir, daß es etws gibt wenn ich danach frage.

© 2021 Lydia Kraft
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