Die Menschheit schreitet voran

Von Michael Wiedorn

Worauf warten wir denn? Unser Leben ist ein ewiger, sonniger Sommernachmittag – seit immer für immer. Die anderen Jahreszeiten sind abgeschafft. Ich war eines Tages einfach da – hier auf der Welt. Bei meinem Erscheinen auf der Erde – es war keine Geburt – hatte ich die selbe Größe und das selbe Alter wie heute. Die Zeit vergeht nicht mehr. Die Jahre und Tage sind zu einem einzigen Brei aus schmelzendem Blei verklebt. Wir haben hier alle die gleiche rosa-beige Gummihaut über Kopf und Körper. Jeder von uns trägt das gleiche sanfte Lächeln zur Schau, das niemandem gilt und das in unser Gesicht eingefroren ist. Wir warten und verstehen nicht worauf.
Immer sitzen wir auf den rosa gestrichenen Parkbänken zwischen dem giftgrünen Plastik des Rasens und der Gebüsche und dem ewig blühenden – besser gesagt in ewiger Erstarrung verharrendem – Plastik der quietschbunten Blumen. Wartend und nichts tuend.
Manchmal steht einer in einer Anwandlung von Tatendrang auf, bleibt eine Weile ratlos stehen und setzt sich wieder hoffnungslos hin. Den Ausdruck „hoffnungslos“ wollen wir garnicht aussprechen und hören. Der misslungene Tatmensch sitzt wieder ruhig da wie alle anderen und hat seinen leichten Anflug von Trauer gleich wieder vergessen. Diesen Zwischenfall hat es nie und nimmer gegeben. Wir leben in einem immer währendem Gleichmut. Vielleicht ist das das wahre Glück. Wir sind also glücklich. Immer ein klarer, blauer Himmel. Ununterbrochen strahlt die Sonne auf nie alternde und nie jung gewesene Gesichter. Wir wissen nichts von Hunger und von Kälte.
Wir sitzen schweigend auf den Parkbänken, auf Stühlen und in unseren Wohnungen. „Heute ist wieder ein schöner Tag.“ Die richtige Erwiderung darauf: „Ja das Leben ist schön.“ Das Gespräch ist beendet. Jeder ist einsam und immer zusammen mit den Anderen. Die ereignislosen Jahre bieten keinen Gesprächsstoff. Wir entstehen ohne die Unreinheit und die Unkeuschheit der Zeugung und haben weder Angehörige noch Freunde. Wir sind einfach Menschen und gehören zu niemandem. Wir haben keine Vorstellung davon, dass wir irgendwann erscheinen konnten, noch dass wir irgendwann verschwinden könnten. Wir sind nie erschienen und werden uns nie auflösen. Alles in unserer Welt läuft glatt und wie geschmiert.
Die Dinge sind, was sie sind. Das Grün des Grases ist eindeutig grün und versickert nicht in Braun und Gelb. Das Gummi unserer Haut ist nicht mit Speichel, Eiter oder Blut verseucht. Die wahre Natur ist frei von Verfaulung, Vermoderung oder anderen Verfallsprozessen. Nichts stirbt. Nichts riecht – höchstens leicht nach Gummi oder Plastik und gelegentlich nach Metall.
Auf den Boden tritt man ganz weich auf – wie auf Schaumgummi. Stürzt jemand, steht er gleich wieder fröhlich auf. Nichts lebt mehr, sondern läuft ab. Vielleicht ist die Erde nur mehr ein künstliches Uhrwerk. An der weiten, ständig strahlend blauen Decke leuchtet goldene Strahlen aussendend eine überdimensionale Leuchtkugel.
Nie wieder wird es Nacht. Wir schlafen und essen nie. Wir haben nichts zu tun. Wir warten.

© 2021 Michael Wiedorn
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