Die Sonne hat die Erde entzündet

Von Michael Wiedorn

Er tritt aus dem Personalausgang der Bank, in der er arbeitet. Er blickt in einen Spiegel. Den ganzen Tag schon fühlte er sich matt und eingesperrt in die Totenstarre des Bankalltags. Seine Augenlider sind entzündet. Seine Gesichtshaut scheint ihm blass und schlaff. Er wird auch nicht jünger. Ihn ekelt es vor sich selbst. Er sollte mehr an die frische Luft. Die Winde aus den Bergen und von den Meeren treiben das belebende Rot des Blutes hervor. Allgemein gilt er als attraktiver, junger Mann. Naja! Er ist athletisch gebaut und hat ein markantes Gesicht.
Heute ist ein sonniger Vorfrühlingstag. Es ist nicht mehr so kalt wie im Winter. Er spürt einen sanften Schlag gegen seine Schulter. Er dreht sich um. Seine Freundin steht vor ihm. Strahlend lacht sie ihn an und meint: „Gut siehst du heute aus“ – „Meinst du?“ Ist seine Antwort. Sie stürzt sich mit voller Wucht auf ihn und gibt ihm einen Kuss. Sie umschlingt ihn. Alles krampft sich in ihm zusammen. Der Ärmste steht steif wie ein Eiszapfen in ihren Armen und gibt ihr ordnungsgemäß ein höfliches Küsschen wie ein wohlerzogenes Kind einer entfernt verwandten Tante. Er hasst es, wenn jemand einen gewissen Sicherheitsabstand durchbricht. Sein Gegenüber miefelt faulig aus dem Maul. Ihre Haut ist wächsern und tot wie seine Eigene. „Der Herr fürchtet berührt zu werden. Vielleicht zerbricht er bei einer zu starken Berührung.“ Sie lacht ihn aus. Der Mann ist gekränkt. „Gehen wir auf den Mittelstreifen der Straße. Dort gibt es Bänke und Bäume“- schlägt er vor. Sie überqueren die Fahrbahn um auf den Grünstreifen zu kommen. Er möchte Abstand vom nachmittäglichen Verkehr haben. Die Autos sind klebrige Käfer auf grauen Bahnen. Die gestressten und müden Passanten ekeln ihn mit ihrer vergilbten Haut an. Sie sind laufende Leichen. Es stinkt nach Abgasen und Benzin. Das Metall und Glas der Bürogebäude glänzen kalt in der Vorfrühlingssonne. „Das Leben lebt nicht mehr“- denkt er. „Das Leben lebt nicht mehr.“ Seine Gefährtin erzählt von ihrem Einkaufsbummel. Er hört gar nicht zu. Beide gehen vorwärts. Er erblickt ein Reisebüro. Im Schaufenster hängt ein Plakat für Reisen nach Mexiko. Eine Pyramide auf grünem Rasen. Darüber ein strahlend blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken. Im Hintergrund Wälder und Felder. Er denkt an die Maisfelder, durch die er als Kind ging. Ein Auto bremst mit nervenzerreißendem Quietschen. Der Empfindliche zuckt zusammen und verzieht sein Gesicht. Er ist heute sehr schreckhaft. Die Frau plappert weiter vor sich hin. Sie lacht und kichert. Ihr Partner versteht nicht worüber.
Auf der anderen Straßenseite läuft ein Junge mit seinem Hund. Das Tier apportiert mit gewichtiger Miene eine Zeitung im Maul. Ein Hund braucht eine Aufgabe in seinem Leben. Plötzlich lässt er die Zeitung fallen. Die Frau erzählt, sie habe in einer Boutique einen quergestreiften Pullover anprobiert und hätte sich wie ein fetter Käfer gefühlt. Der Hundehalter auf der anderen Straßenseite deutet auf die Zeitung. Der Köter versteht nicht und macht Männchen. Der Bankangestellte muss lauthals lachen. Seine Freundin guckt etwas verblüfft über den überraschenden Lacherfolg, lacht ebenfalls und fühlt sich verstanden. Sie gehen weiter.
Auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite hat sich ein großer Menschenauflauf gebildet. Leute stehen um zwei sich prügelnde Männer. Ein dünner Mann mit Pferdeschwanz und Lippenbärtchen schlägt auf einen Fettsüchtigen ein. Er schlägt gezielt zu. Sein Hass brennt lichterloh. Der Dicke versucht vergeblich mit schwerfälligen Bewegungen die Schläge zu parieren und zielt wahllos ins Leere. Der Dünne verpasst seinem Feind einen saftigen Kinnhaken. Der Fettsack wankt, kann sich aber noch auf den Beinen halten. Plötzlich glitzert etwas Spitzes in der erhobenen, rechten Hand des Mageren. Die Hand saust auf den Dicken nieder. Dieser bricht mit dem durchdringenden Gebrüll eines Schlachtviehs zusammen. Schnell wächst um seinen gefallenen Körper das kraftvolle Rot einer Blutpfütze. Niemand von den Gaffern greift ein. Alle sind erstarrt. Nur kurze Zeit bleibt dem Stecher um auf sein Opfer herabzublicken, dann ist die Straße voll mit Polizeiautos und Notfallwägen. Polizisten stürzen aus den Wannen, packen den Täter und werfen ihn auf den Boden. Sie legen ihm Handschellen an und führen ihn ab. Er blickt beim Abgehen verunsichert auf sein Opfer zurück. Der Erstochene wird eilig auf eine Trage gelegt und in den Notfallwagen geschoben. Das Opfertier hat beim Kampf offensichtlich einen Schuh verloren. An einem Fuß trägt es einen weinroten Slipper. Der andere Fuß ist ohne Schuh. Eine tiefe Wunde muss auf der Brust aufklaffen. Ein Mund auf der Brust, der Blut ausstößt. Ein Leckermäulchen, dem Saft aus den Mundwinkeln fließt. Eine blutige Möse durch heimtückische Glasscherben gesichert. Wenn man das Herz aus der Brust reißen würde, würde man sich schwer verletzen. Das Herz – die Drohne im Allerheiligsten. Das Blut im Körper einsaugend und wieder ausspuckend. Ein gezielter Schuss in den Brustkasten würde die Drohne zum stehen bringen. Der höhere Angestellte auf dem Mittelstreifen der Straße neben seiner Geliebten stehend, wäre jetzt gerne ein Hund. Er würde unauffällig auf die andere Straßenseite laufen können und würde von dem Blut auf dem Pflaster trinken. Sein schwarzes Fell würde glänzen. Er würde vor Energie leuchten. Im Blut liegt etwas. Das muss das Herz sein. Der Dürre hat das Herz herausgerissen und weggeworfen und niemand hat es bis jetzt bemerkt. Es pulsiert noch. Das Tier nimmt das pochende Organ in die Schnauze und rennt damit davon. Niemand hält ihn auf. Es läuft in eine Seitenstraße. Es sind keine Passanten unterwegs. Eine entsetzliche Hitze. Wo sonst Büro- und Apartmenthäuser stehen, erstrecken sich weite Maisfelder. Der Hund mit dem Herzen verlässt die Straße und läuft in die Felder. Das Herz im Maul pulsiert in seiner Brust. Sie zerspringt fast. Es ist nur das laute Trommeln des Herzens und das Knacken und Rascheln der Maishalme zu hören. Das Pochen verschlägt dem Tier den Atem. Am Horizont stehen riesige Feuerwände. Die Sonne hat die Erde entzündet. „Warum zum Teufel laufe ich geradewegs ins Feuer?“ -fragt sich der Verwandelte.

© 2021 Michael Wiedorn
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