Eine verregnete Nacht

Von Michael Wiedorn

Ich blicke die Fassade hinauf und weiß, von welchem Fenster er zu mir herabblickt. Er ist zu feige, bei Gewitter runter zu kommen. Es regnet, als sollte in den nächsten Stunden die ganze Welt absaufen. Im Regencape warte ich auf der Straße. Jetzt in der Nacht ist es hier so ruhig und menschenleer wie in den Tiefen des Waldes. In seinem Zimmer ist es dunkel. Er steht atemlos und mit klopfendem Herzen im finsteren Raum und starrt zu mir herab und weiß, wer ich bin. Er weiß nicht, wer ich bin, aber es ist ihm klar, was ich ihm bringe. Ich erscheine in der Abenddämmerung und gehe im Morgengrauen. Immer an der selben Stelle erhebt sich mein Blick von unten zum zweiten Stock hinauf. Zu den dunklen Scheiben des zweiten Fensters von rechts und ich spüre das Eisen in der Brusttasche. Ich stehe an der Parkmauer außerhalb des Lichthofes der Straßenlaternen. Er riecht meine Anwesenheit. Wir führen die ganzen Stunden über ein Duell der Blicke, obwohl wir uns nicht sehen. Hinter meinem Rücken befindet sich der Eingang zu den Anlagen. Im Blitz werde ich für eine Sekunde sichtbar und verschwinde schlagartig wieder. Einen Augenblick zuckt sein verängstigtes Gesicht auf. Aufrecht stehend und verkrampft am Rande des Fensters. Er will von draußen nicht gesehen werden. Er war noch nie im Park, obwohl er hier schon seit Jahren wohnt. Er kennt das Stadtviertel nicht und ist in seine Wohnung eingesperrt. Vergilbte Tapeten – teilweise heruntergerissen. Er steht hellwach an der Scheibe. Ich bin hellwach.
Im Laufe der langen Zeit verliere ich mich im Dösen. Er lauert am Fenster stehend. Das grelle Blitzlicht zerreißt das Dunkel.
Mein Widersacher glotzt zu mir herauf. Das Gewitter zeigt mir die Verwahrlosung und Feindseligkeit des Gartens. Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Im einschlagenden Licht sehe ich das faulende Grün der Bäume und Gräser. Komm in den totgesagten Park! Die Pflanzen verfaulen. Von Moosflechten und Efeu überwachsene Baumleichen. Weiße Blüten. Kranke Blumen im Regen. Der Besucher strömt den modrigen Duft der Natur aus. Die Tropfen klatschen herunter und verwandeln die Erde in Schlamm. Auf dem Asphalt sammeln sich die Wassermassen.
Ich verlasse nie meine Wohnung. Von den Wänden lösen sich Tapeten mit verblichenem Rosenmuster. Tagsüber schlafe ich auf den Holzbohlen des Fußbodens. Nirgends Möbel.
Das Gebäude ist unbewohnt. Im Erdgeschoß sind die Fenster- und Türöffnungen zugemauert.
Ich stehe im herab prasselnden Wasser und weiß, dass er nicht da ist. Das Haus steht seit Jahren leer.

© 2021 Michael Wiedorn
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