Schlotterer

Von Johannes Morschl

„Mir macht das Schreiben Angst, es läuft mir immer aus dem Ruder, es kommen da Sachen heraus, die ich nie und nimmer schreiben wollte“, sagte sich der in die Jahre gekommene Schriftsteller Max Schlotterer, während er auf den Bildschirm seines Laptops starrte und las, was ihm da wieder aus dem Ruder gelaufen war.

„Du bist auf dem neuesten Stand der Selbstzerfleischung. Letzte Überprüfung: Heute 0 Uhr 27. Du kannst dich beruhigt weiter selbst zerfleischen, angetrieben von einer paranoiden Gehirnschaltung, die nicht abzustellen ist und ihren Ursprung im Trauma der Geburt hat, in jenem qualvollen Sturz in eine Welt, in der es nur eine einzige Gewissheit gibt, nämlich die, dass man irgendwann sterben muss. Aber, aber! Wer wird denn gleich so pessimistisch sein? Das ist ja düsterster Existenzialismus, gemixt mit der Theorie vom Trauma der Geburt als dem eigentlichen Ur-Trauma jedes Menschen, wie sie der Freud-Schüler und spätere Dissident der Psychoanalyse Otto Rank in seinem 1923 erschienen Buch Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse entwickelt hat. Mir scheint diese Ur-Trauma-Theorie durchaus plausibel zu sein, auch wenn Geburten sehr unterschiedlich verlaufen können, es gibt schwere und leichte Geburten. Aber ihnen gemeinsam ist es, dass man plötzlich aus der Geborgenheit in der warmen Höhle des Mutterleibs herausgepresst wird und in einer riesigen kalten und völlig fremden Welt landet. Das ist ein zutiefst schockierendes Erlebnis. Kein Kind kommt mit einem Lächeln zur Welt, sondern zerknautscht und oft mit dem berühmten ersten Schrei, der meines Erachtens trotz anderslautender medizinischer Erklärung ein Schrei des blanken Entsetzens ist. Beim Sterben hingegen ist es anders, da stirbt manchmal jemand mit einem Lächeln im Gesicht, während rundherum alle heulen. Eigentlich ist das eine Frechheit von der sterbenden Person, aber man kann ihr ja nicht sagen, sie soll mit diesem Lächeln aufhören, das sei pietätlos angesichts der Tränen der sie umgebenden Nächsten. Es wäre ja sinnlos, dies zu einer sterbenden Person zu sagen, nein, nein, man soll sie in Frieden sterben lassen, auch wenn sie unverschämt glückselig lächelt, so als wolle sie sagen: Ich habe es hinter mir, ihr aber müsst dieses Irrenhaus noch weiter ertragen.

Auch meine Mutter starb mit einem Lächeln im Gesicht. Ich muss gestehen, dass sie das erste Objekt meiner sexuellen Begierde war. In meiner Pubertätszeit, als ich mehrmals am Tag und in der Nacht onanierte, fantasierte ich beim Onanieren, dass meine Mutter nackt neben mir lag und mir in keinen Widerspruch duldendem Ton befahl, meinen Samen auf ihre großen dicken Brüste zu ergießen, sodass mir gar nichts anderes übrig blieb, als zu gehorchen. Nach der Ejakulation bekam ich immer ein schlechtes Gewissen, das mir sagte, solche Fantasien gehörten sich nicht. Und gar nicht auszudenken, wenn das mein bärenstarker Vater gewusst hätte, der hätte mich halbtot geschlagen. Aber die Fantasien kamen mir immer wieder, ich war ihnen hilflos ausgeliefert. Als ich anlässlich der Hochzeit meiner Kusine Susi, der Tochter von Onkel Franz, dem älteren Bruder meiner Mutter, das erste Mal eine Krawatte trug, erdrosselte ich mich fast mit der zu eng gebundenen Krawatte, was ganz offensichtlich ein unbewusster Akt der Selbstbestrafung wegen meiner sexuellen Fantasien mit meiner Mutter war. Ich stellte mir bei Susis Hochzeit vor, mit meiner Mutter vor dem Traualtar zu stehen, sie splitternackt mit weißem Brautschleier und ich in schwarzem Anzug neben ihr, halb erwürgt von meiner silbergrauen Krawatte.

Von wegen der Mensch, das vernunftbegabte Wesen! Triebgesteuert ist man, von Geburt an triebgesteuert! Das mildert sich erst im Alter ab, falls man ein solches überhaupt erreichen sollte und sich nicht schon vorher zu Tode gesoffen hat. Ich wundere mich sowieso, dass ich all meine Alkoholabstürze mehr oder minder unbeschadet überlebt habe. Es ist zwar einerseits entlastend, im Alter nicht mehr so triebgesteuert wie in jüngeren Jahren zu sein, aber andererseits vermisst man auch etwas und Wehmut breitet sich aus, wie schnell so ein Leben vergeht. Allerdings gibt es da auch die sogenannten Lustgreise, die sich einbilden, ewig jung zu bleiben und eine Ausstrahlungskraft auf junge Frauen zu haben, die jener von Giacomo Casanova, dem berühmten venezianischen Sexakrobaten und Frauenverführer aus dem 18. Jahrhundert gleichkäme. Onkel Willi, der Bruder meines Vaters, der das stolze Alter von 94 erreichte, war so ein Möchtegern-Casanova. Er war viermal verheiratet, seine Ehen hielten nie lange. Er fuhr noch als über 80-Jähriger jeden Sommer nach Ibiza, lag dort in sehr knapp sitzender, gerade noch so das Genitalbereich bedeckender Badehose in einem Liegestuhl am Strand, trug dabei auffällig große dunkle Sonnenbrillen, die an Onassis denken ließen, und beobachtete die jungen Frauen in Bikinis. Die älteren Frauen interessierten ihn nicht, die ignorierte er. Wenn ihm eine junge Frau einen Blick zuwarf, glaubte er sofort, sie wäre scharf auf ihn. Nun wurden ihm durchaus so manche Blicke von jungen Frauen zugeworfen, aber höchstwahrscheinlich nur deshalb, weil er ihnen mit seinen merkwürdigen Sonnenbrillen aufgefallen war. Wer weiß, was sich die jungen Frauen dabei gedacht haben mögen, vielleicht, das ist so ein alter Spanner, der sich hinter seinen monströsen Sonnenbrillen am Anblick junger Frauen in Bikinis aufgeilt. Ob der überhaupt noch einen Steifen bekommt, ja ob der überhaupt noch einen Schwanz hat, den man auch als solchen bezeichnen kann, und der nicht bloß so ein verschrumpelter Greisenstummel ist?

Igitt, igitt! Verschrumpelter Greisenstummel! Wie unappetitlich! Unwillkürlich begann ich zu schlottern. Nun gut, dass ich irgendwann in diesem Text zu schlottern beginne, drängt sich geradezu auf, wenn man so wie ich Schlotterer heißt. Das ist nicht besonders originell. Warum muss ich auch ausgerechnet Schlotterer heißen? Warum nicht Meier oder Müller? Als Meier oder Müller wäre ich erst gar nicht auf die Idee gekommen, wegen so einer Lappalie wie einem verschrumpelten Greisenstummel zu schlottern. Dessen ungeachtet begann ich zu schlottern. Es war ein Schlottern, das von innen her kam, den ganzen Körper erfasste und dessen Ende nicht abzusehen war. Schlimmstenfalls würde es bis zu meinem Tod anhalten und schlotternd würde ich meinen letzten Atemzug machen. Aber als Toter würde ich nicht mehr schlottern, Tote schlottern nicht, oder hat man schon jemals eine schlotternde Leiche gesehen? Ich überlegte, wie ich dieses lästige Schlottern wieder loswerden könnte und beschloss, es mit einer paradoxen Intervention zu versuchen. Ich übertrieb das Schlottern und begann absichtlich so stark zu schlottern, dass es dem Schlottern, das von innen her kam, zu blöd wurde und es wieder verschwand. Ich spürte zwar das Verschwinden des von innen her kommenden Schlotterns, traute dem aber nicht ganz. Vorsichtig ließ ich mein absichtlich übertriebenes Schlottern ausschlottern, bis ich mir ganz sicher war, dass darunter kein instinktives Schlottern mehr sein Unwesen trieb. Ich war sichtlich erleichtert, als ich feststellen konnte, dass es sich tatsächlich wieder ausgeschlottert hatte.“

Hier endet Schlotterers wieder einmal aus dem Ruder gelaufener Text. Nachdem er mit dem Durchlesen des Geschriebenen fertig war, sagte er sich: „Kein Wunder, dass mir das Schreiben Angst macht. Es macht mit mir, was es will. Das ist mir unheimlich.“ Doch dann fiel ihm ein Spruch von Karl Kraus ein, dem einzigen Österreicher, den er vorbehaltlos verehrte, ansonsten waren ihm die Österreicher eher suspekt, was vor allem daran lag, dass er selbst ein gebürtiger Österreicher war. Der Spruch von Karl Kraus lautet: „Weh der Zeit, in welcher Kunst die Erde nicht unsicher macht und vor dem Abgrund, der den Künstler vom Menschen trennt, dem Künstler schwindlig wird und nicht dem Menschen!“ Dieser Spruch bestärkte Schlotterer, den Entgleisungen seines Schreibens standzuhalten und jenen Kontrolletti in ihm, der ihn beim Schreiben beobachtete und sein Schreiben total in Frage stellte, ganz einfach zu ignorieren. Doch der Kerl ließ sich nicht abschütteln. Spöttisch sagte er zu Schlotterer: „Bemühst du jetzt Karl Kraus, um den Unsinn, den du schreibst, zu rechtfertigen? Der würde sich im Grab umdrehen, wenn er deine Texte lesen könnte.“ Daraufhin beschloss Schlotterer, sich eine Frau zu suchen, die reich war und ihn durchfüttern konnte, denn er stand wieder einmal kurz vor der Obdachlosigkeit. Ihm fiel jene vollschlanke Millionärin ein, die er bei einer Lesung in Hamburg kennengelernt hatte und die ihn nach der Lesung zu verführen versuchte. Leichtsinnigerweise hatte er sie abgewiesen. Seine antikapitalistische Einstellung war ihm dazwischengekommen. Das könnte er vielleicht noch nachträglich korrigieren, ihre Handynummer hatte er ja noch. Sie würde dann seine Ersatzmutter werden, mit der er endlich jenen Sex machen könnte, den er mit seiner Mutter nur in der Fantasie machen konnte. Aber ob der besser sein würde, als der einst fantasierte mit seiner Mutter? Das schien ihm dann doch höchst fraglich zu sein.

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