Tote Fische

Von Anna Schöne

„Fass das nicht an!“ haben sie gesagt, als ich mich gebückt hatte. Unsere Augen – meine neugierig, seine panisch – waren beinahe auf einer Höhe gewesen, mein Kopf hatte das Straßenpflaster berührt. „Vielleicht ist es ansteckend!“, haben sie gesagt. Und dann habe ich es tatsächlich liegen lassen.
Das arme kleine Vogelküken. Die kleinen Vogelfüße haben es nicht mehr getragen. Und das scheußlich und doch irgendwie so niedlich durcheinander gebrachte Gefieder hat sich in mein Gehirn gebrannt. Der kleine Brustkorb hatte sich, beinahe flehend, gehoben und war dann erschöpft wieder in sich zusammengefallen. Ein Vorgang, der sich so oft wiederholte, dass mein Mitleid zu einem Helferdrang geworden war. Doch ich ignorierte es.
Der großen Leute wegen.
Schließlich waren sie es, die immer Recht hatten. Ich habe noch oft an den kleinen Vogel gedacht. In Gedanken habe ich ihm sogar einen Namen gegeben.
Manches Mal habe ich noch an seine winzigen Schreie und seine kleinen Augen gedacht, die mich so hilflos angeschaut hatten. Ich habe mich gefragt, was er getan hätte, wäre er an meiner Stelle gewesen. Ich weiß nicht, was es ist, das mich zu dieser Annahme bewegt, doch ich bin mir sicher, er hätte mir geholfen. Vielleicht hätte er mir sogar einen Namen gegeben. Damals hatte ich nicht verstanden, was die Erwachsenen dagegen hatten, doch jetzt weiß ich, dass es ihre Einstellung ist. Ihre engstirnige Einstellung zum Leben. Die großen Leute interessieren sich nicht für etwas wie einen kleinen Vogel, der piepst und vergeblich nach Hilfe ruft. Es ist ihnen egal, was bei den anderen passiert, solange der Rasen nicht länger wird als 5 Zentimeter und die Mülltonne pünktlich um 20 Uhr vor der Tür des feinen Reihenhauses steht. Sie denken, sie sehen die Welt als Ganzes. Doch die, wirklich wichtigen Dinge bleiben ihnen verborgen. Es ist ihnen wichtig, dass du ein Eigenheim besitzt oder viel Angespartes auf dem Bankkonto. Doch wann haben sie dich das letzte Mal gefragt, wie es dir wirklich geht? Und es nicht als Lückenfüller genutzt, um ein eh sinnloses Gespräch über die Börse oder andere Nichtigkeiten am Laufen zu halten?
Ich frage mich, wie sie sich fühlen würden, wären sie für einen Moment dieser hilflose, kleine Vogel. Würden sie ihren Blick auf das Leben ändern? Oder würden sie danach in ihren tristen Alltag zwischen Plastik und Fremdenhass zurückkehren? Manchmal, wenn man ganz genau hinschaut, dann kann man auch bei ihnen das Kind, welches sie einst gewesen sind, sehen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob sie es selbst sehen und wenn doch, ob sie es wollen. Vermutlich kommt es ihnen skurril vor, so etwas in sich selbst zu entdecken. Sie kämpfen dagegen an und verschließen ihre Augen davor. Dann sperren sie sich wieder in ihr einsames Spießbürgerleben ein. Denn, sind sie nicht genau das? Einsam?
Ein Kind lächelt, wenn es sich freut, weint, wenn es traurig ist und schreit, wenn die Wut es packt. Die großen Leute lächeln, wenn sie sich freuen. Sie lächeln, wenn sie traurig sind und auch, wenn die Wut über sie hereinbricht. Es könnte ja einer denken, sie seien nicht glücklich in ihrem eigentlich viel zu großen Eigenheim, mit ihrem 5 Zentimeter hohen Rasen oder ihrem Einsatz an der Börse. Einst hatte ich eine Frau kennengelernt. Ich war mir schon fast sicher gewesen, dass die Welt der Erwachsenen auch mich bald in ihre Fänge ziehen würde. Doch es schien Ausnahmen zu geben. Solche, die die Welt zu schätzen wussten und solche, die ihr Ding durchzogen. Ihre Worte klingen noch heute in einem Kopf, als wäre es nicht länger her als fünf Minuten. „Nur tote Fische treiben mit dem Strom.“ Ich verspreche, das nächste Mal werde ich den Vogel aufheben. Ich werde seinen Namen aussprechen.

© 2021 Anna Schöne
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