Alles zu spät

Von Johannes Morschl

Ein Samstagabend im Oktober 2018 in Berlin. Der alte Franz Augustin, ein Emigrant aus Wien, der weder Frau, noch Mitbewohner oder Haustier hat, wandert in seinem Wohnzimmer herum und redet mit sich selbst. Was bleibt ihm auch anderes übrig.

„Alles zu spät. Habe alle Talente vernachlässigt. Wollte eigentlich Maler und Dichter werden, habe jedoch viel zu viel Zeit damit vertan, den Frauen hinterher zu sein. Habe mich vollkommen abhängig von den Frauen gemacht. Habe immer schrecklich gelitten, wenn ich von einer verlassen wurde. Hätte eigentlich schon mehrere Selbstmorde gemacht haben müssen. Für jede Frau, die mich verlassen hat, müsste es ein Grab für mich geben. Auf den Grabsteinen müsste zu lesen sein: Am Soundsovielten aus dem Leben gegangen wegen Anna, am Soundsovielten wegen Natascha, am Soundsovielten wegen Jenny, am Soundsovielten wegen Suse, und so weiter.“ Er besinnt sich kurz. “Jetzt übertreibst du aber maßlos! Ganz abgesehen davon, dass man nur einmal Selbstmord machen kann, könnte man das mit den Frauen und dir auch anders sehen. Man könnte auch sagen, es ist ein Wunder, dass die Frauen die Beziehungen mit dir überstanden haben, ohne einen größeren psychischen Schaden davonzutragen. Die Frauen sind eindeutig das stärkere Geschlecht. Sie haben sogar eine Beziehung mit mir mehr oder minder unbeschadet überstanden. Also wenn ich ganz ehrlich bin, als Frau hätte ich mich nicht auf eine Beziehung mit jemandem wie mir eingelassen.“

Er bleibt stehen und sagt: „Schon bei meiner Geburt war alles zu spät. War ein schwerer Schicksalsschlag, auf diese Welt zu kommen. Stand jedoch nicht in meiner Macht, dies zu verhindern. Würde am liebsten heute Nacht im Bett sanft entschlafen. Morgen früh wache ich dann auf und stelle erleichtert fest, dass es mich nicht mehr gibt. Blödsinn! Wie willst du feststellen, dass es dich nicht mehr gibt, wenn du tot bist?“ Er massiert sich mit den Fingerspitzen die Kopfhaut. „Ah, das tut gut! Es regt sich etwas unter der Schädeldecke. Vom Absterben bedrohte Gehirnzellen werden wieder aufgefrischt. Sollte dies mit geistiger Nahrung unterstützen.“ Er nimmt ein dickes Buch mit den Kritiken von Immanuel Kant aus einem Bücherregal, riecht an dem Buch und stellt es wieder ins Regal zurück. „Brauche nur daran zu riechen und schon strömt die reine Vernunft in mich hinein, leider aber nicht die praktische Vernunft. War nie fürs Praktische geeignet. Habe zwei linke Hände. Würde jemanden wie mich auf keinen Fall meine Wohnung renovieren lassen. Danach wäre sie nicht mehr bewohnbar.“ Dann nimmt er die Pensées (Gedanken) von Blaise Pascal aus dem Regal, blättert darin herum, bleibt an einer Stelle hängen und liest laut: „Ich sehe auf allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschließen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert und nicht wiederkehrt. Alles, was ich weiß, ist, dass ich sterben muss, aber was ich am allerwenigsten kenne, ist dieser Tod selbst, dem ich nicht entgehen kann.“ Er stellt das Buch ins Regal zurück und sagt: „Letztendlich kann man sich selbst nicht entgehen. Man ist lebenslänglich in sich selbst gefangen.“

Dann blättert er eine Tageszeitung auf, die auf einem kleinen runden Tisch in der Mitte des Zimmers liegt, und beginnt auf einmal zu lächeln. Er ist an einem Bild mit der Überschrift „Liebestolle junge Koalabärin aus Zoo in Australien entwichen“ hängengeblieben. Er kommentiert: „Dieses Bild von ihr, wie sie auf einem Eukalyptusbaum sitzt und nach einem willigen Partner Ausschau hält! Wie possierlich sie aussieht mit ihren kleinen Kulleraugen, ihrer dunklen runden Nase und ihren großen wuscheligen Ohren! Könnte mich auf der Stelle in sie verknallen. Nur bin ich leider kein junger Koalabär, sondern ein alter, stark linkslastiger Brummbär.“ Er beginnt die Internationale zu singen: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum hungern zwingt…“ Er stoppt. „Willst du der Koalabärin die Internationale vorsingen? Glaubst du, sie damit beeindrucken zu können? Du verschreckst sie nur mit deiner krächzenden Stimme, und das wollen wir ja nicht, sonst läuft sie noch aus dem Bild davon. Wusste lange Zeit gar nicht, dass Koalabären keine Bären, sondern Beuteltiere sind. Brummen auch nicht wie Bären, sondern geben schnell hintereinander klickernde Laute von sich und grunzen anschließend mehrmals, und dies alles in einer tiefen Stimmlage, was an dem besonderen Stimmorgan dieser ziemlich kleinen Tiere liegt.“ Er versucht, schnell hintereinander tiefe klickernde Laute zu machen und danach mehrmals zu grunzen, hört aber gleich wieder auf. „Klingt bei mir schaurig. Wenn das meine Nachbarn hören, alarmieren sie womöglich den psychiatrischen Notdienst. Die gucken mich ohnehin schon so komisch an, wenn ich ihnen begegne.“

Er wendet sich wieder dem Bild von der jungen Koalabärin zu und liest den Artikel zu dem Bild. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Was muss ich da lesen? So eine Scheiße! Man hat dich schon wieder eingefangen und in den Zoo gesperrt. Ist ja ein Irrsinn, so ein wunderbares Geschöpf in einen Zoo zu sperren. Andererseits ist es dort vor den in Australien immer häufiger ausbrechenden Buschbränden geschützt, die auch die Eukalyptus-Wälder, den Lebensraum der Koalas zerstören, und denen schon viele Koalas zum Opfer gefallen sind. Sind hoffentlich wenigstens so anständig, einen passenden jungen Koalakerl für dich zu finden. Würde mich sofort freiwillig melden, wenn ich einer wäre.“ Er holt eine Schere und schneidet sich das Bild von der jungen Koalabärin aus. „Hebe ich mir auf. Wird mich in meinen dunklen Stunden erheitern. Habe ja fast nur noch dunkle Stunden.“

Dann wandert er wieder im Wohnzimmer herum. „Ach, wie schön wäre es, jetzt in den Armen einer Frau zu liegen. Die Frauen sind weicher als wir Männer, haben von Natur aus mehr Fettgewebe unter der Haut. Würde dann nicht mehr so frieren. Friere ja inzwischen selbst im Sommer. Werde womöglich bei 30 Grad plus erfrieren. Man wird sich dann wundern, wenn man bei mir Tod durch Erfrieren feststellt. Wird das nicht glauben wollen, wird sich irgendeine abstruse Erklärung aus den Fingern saugen, wird vielleicht denken, ich hätte statt im Bett in einer Kühltruhe geschlafen. Besitze aber keine Kühltruhe, sondern nur einen Kühlschrank, in den nicht einmal ein Gartenzwerg hineinpassen würde. Doch wer legt sich schon freiwillig in eine Kühltruhe? Bin zwar nach den Maßstäben der angeblich normalen Menschen ziemlich verrückt, aber so verrückt nun auch wieder nicht, als dass ich in einer Kühltruhe schlafen würde. Ist ja bei mir nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches Frieren. Ende der 60er-Jahre, als ich nach Westberlin kam, war das anders. Da habe ich nicht gefroren, sondern geschwitzt von dem dauernden Demonstrieren. Da bewegten wir uns ja nicht nur im Laufschritt vorwärts und riefen Parolen wie ‚Amis raus aus Vietnam!‘‚ ‚Ho, Ho, Ho Chi Minh!‘, ‚Hoch die internationale Solidarität!‘, und so weiter, sondern auch im Laufschritt zurück, wenn uns die Staatsgewalt mit Schlagstöcken, Tränengasgranaten und Wasserwerfern angriff. Außerdem hatten wir zwischen all den Demonstrationen viel Sex. Gingen damals sehr freizügig miteinander um. War wie bei den Bonobos, den Zwergschimpansen im Urwald. Dabei konnte man auch ins Schwitzen kommen. Hätte damals höchstens an Überhitzung sterben können.“

Er geht zu einem der beiden großen Fenster des Wohnzimmers, öffnet es und blickt auf die Straße hinaus. „Friedhofsstille draußen, kaum jemand zu sehen. Hocken jetzt alle hinter der Glotze oder in den trostlosen Kneipen in der Gegend. Ist mir nur recht, diese Friedhofsstille. Passt zu meiner Stimmung.“ Dann sagt er: „Ach, wenn ich jetzt fliegen könnte, frei wie ein Vogel wär! Da fällt mir das Wort vogelfrei ein. Ist ein merkwürdiges Wort. Bedeutet genau das Gegenteil von frei wie ein Vogel in der Luft. Wenn jemand in früheren Jahrhunderten für vogelfrei erklärt wurde, hieß dies, dass er geächtet wurde und keinen gesetzlichen Schutz mehr besaß. Auch wurde ihm das Grab versagt. Sein Leichnam wurde den Raubvögeln zum Fraße freigegeben, vogelfrei also frei für die Raubvögel zum Fraße. Bin zwar kein Geächteter, aber ein armer Hund, Bezieher von Grundsicherung vom Sozialamt. Bin nicht frei von lästigen Ämtergängen und endlos langen Formularen, die man da ausfüllen muss. ‚Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare!‘, hat schon Kurt Tucholsky gedichtet. Das Grab wird man mir aber sicher nicht versagen, das geht heute nicht mehr, würde gegen das Bestattungsgesetz verstoßen. Doch selbst wenn es noch möglich wäre, es mir zu versagen, würde mich das nicht jucken, wenn es mich ohnehin nirgendwo mehr jucken könnte. Tot ist tot, ob mit oder ohne Grab.“

Er gähnt und sagt: „Alles zu spät. Gehe sowieso bald in die ewigen Jagdgründe ein. Auch die Menschheit wird nicht mehr lange überleben, wenn es so weitergeht mit den Kriegen und Bürgerkriegen, den Hungerkatastrophen, dem Abfackeln der Regenwälder, der Verpestung der Luft, der Erderwärmung, dem Schmelzen des Polareises, und so weiter, und so fort. Lege mich jetzt ins Bett und träume von noch existierenden Eukalyptusbäumen, auf denen noch existierende Koalas herumklettern. Hoffe, dass ich aus diesem Traum nicht mehr erwache. Na, dann wünsche ich mir jetzt eine gute Nacht. – Danke, ebenfalls gute Nacht.“

Er verlässt das Wohnzimmer und singt dabei die erste Strophe eines alten Wiener Volkslieds, das sich auf einen Namensvetter von ihm aus dem 17. Jahrhundert bezieht, auf den Bänkelsänger und Dudelsack-Pfeifer Marx Augustin, der dem Alkohol sehr zugetan war, wobei er den Text leicht verändert:

„Oh, du lieber Augustin,
Augustin, Augustin,
oh, du lieber Augustin,
alles ist hin.
Geld ist weg, Frau’n sind weg,
alles weg, so ein Dreck.
Oh, du lieber Augustin,
alles ist hin.“

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