An der Mauer

Von Michael Wiedorn

Eine graue Mauer. Am unteren Rand der Wand verfärbt die Feuchtigkeit den Stein in schmutziges Dunkel. An der öden Verhärtung der nicht enden wollenden und immer wieder gleichförmigen Tage zerschlägt sich der Schädel des Inhaftierten blutig. Ein nackter, junger Körper kauert in sich zusammengekrümmt im Stein. Das Blut in den Venen ist eingetrocknet und die Haut ist grau. Die Hände verdecken schützend den Kopf, von dem kaum etwas zu sehen ist. Ist die Gestalt ein Mann? Die Glieder sind so zusammengepreßt, als wollte der Beobachtete als Embryo in die Enge der Gebärmutter zurückkriechen. Ein versteinerter Embryo in einer versteinerten Gebärmutter.
Er sehnt sich danach blind zu sein und preßt die Augen zusammen und richtet sein Gesicht von herabhängenden, langen Haare verborgen auf seine im Schatten stehenden Füße. Die Leere. Er haßt die Welt. Er haßt das Außen. Seine Hand hält eine ihn umhegende Drahtschnur, die ihn scharf von der Außenwelt abgrenzt. Mit einer Peitsche züchtigt er sich selbst. Die Nabelschnur schneidet die Welt weg. Er haßt sein Fleisch. Er will kein Stück Fleisch sein. Der sich selbst Abwesende kauert auf grauen, großen Pflastersteinen, wie man sie für Bürgersteige verwendet. Er sitzt auf keiner Straße, sondern in einem abgelegenen Trakt der Klinik. Geist und Seele haben diesen Körper schon längst verlassen. Wo im Weltall treibt sich sein Ich herum? Grau ist das gehemmte Leben, sind die betäubten Gefühle, ist die quälende, unaufhörliche Langeweile. Schwarz ist die Nacht. Im Tod stürzt der Sterbende ins Schwarz. Das aufgeilende Schwarz einer heißen Sommernacht. Man springt ins tödliche Schwarz und versinkt tief in den Wogen des Dunkels.
Weiß ist die Leere und die Abwesenheit. Eine winterliche Schneelandschaft. Die Kristalle von Schnee und Eis blitzen und blenden das Auge. Grau ist das Maßvolle. Der Ausgelieferte versteckt seinen Kopf, weil er Angst vor Schlägen hat. Ein Häftling in einem Foltergefängnis. Ich beobachte den mir schutzlos Ausgelieferten. Der zudringliche Blick. Das Opfer schlägt seinen eigenen Leib um Grenzen zu ziehen. Die farblose Steinwand und das öde Straßenpflaster werden vom blutenden Rot befruchtet werden. Das Rot wird leuchten.

© 2021 Michael Wiedorn
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