Auslöschen

Von Michael Wiedorn

Es ist erstickend heiss. Sechsunddreissig Grad im Schatten. Die feuchte Hitze lässt alles klebrig werden. Die Luft erstarrt in der toten Windstille und lässt sich nicht mehr atmen. Die Kleidung klebt und der Körper scheidet ranzigen Schweiss aus. Das nasse Fleisch verfault. Im Zeitraffer vergammelt das Fruchtfleisch des unachtsam auf das Straßenpflaster geschmissenen Apfels. Die einst blass gelbe Farbe des Inneren der noch frischen Frucht wird dunkler und dunkler und wird braun. Blau und Grau breiten sich wie Metastasen einer bösartigen Krebsgeschwulst aus und fressen sich vorwärts. Sie lassen die Festigkeit des Obstes zu einem ekelerregenden Brei aufweichen. Unter der brennenden Härte der Sonne altert und verwest das Leben schneller. Schmeissfliegen setzen sich in die Fäulnis und nähren sich vom zerfallenden Leben. Schweiss treibende Fieber durchdringen bleischwer die Glieder und lassen sie verschleissen. Von einer Bewegung zur nächsten brauche ich Jahre. In der reglosen Stille eines Sumpfes ruhen Jahrtausende lang Krokodil und Flusspferd. Könnte ich die erfrischende Todeskälte erlangen. Lebewesen, die sich bewegten, rannten, sprangen, kämpften, arbeiteten, sind zu trägen Pflanzen ermattet. Gebannt ins ewige Grün der Natur. Die zu feucht schmierigen Schlingpflanzen Verwandelten sind vereinsamt in wirre Fieberträume gesperrt. Jeder allein für sich und für immer verstummt. Die Ungeheuer und Götter auf den zugewachsenen Steinplatten vergessener Grossstädte sind vom gefrässigen Gift des Mooses weggesperrt. Dort erhebt sich kampfbereit ein erhobenes Schwert. Dort ist noch ein Mund zum Schreien geöffnet. Lautlos. Das Wasser der Flüsse modert und steht still. Der Landwehrkanal stinkt. Ich habe Fieber und mein Körper löst sich in Schweiss auf. Schlafe ich, wache oder döse ich? Ich verholze zu einem Baumstumpf, dessen Holz sich in der schwülen Luft zu giftigem Brei auflöst. Schnecken und Würmer nähren sich von meinem Inneren und mein Blut ist zu Harz verdickt. Die Eintönigkeit von Jahrhunderten und Jahrtausenden. Hier bewegt sich und rührt sich und wächst alles in zäh klebriger Langsamkeit. Die Bewegungen sind hinterhältig und schleichend. Kaum wahrnehmbar. Ein Schwimmer würde in der brackigen Masse in die traurig schwarzen Tiefen verschlungen werden. Meine glasig schmerzenden Augen starren auf die sonnenbestrahlte, weisse Wand meines Zimmers. Das grelle Licht blendet mich und ich möchte meine Augen wieder schliessen. Das Bettlaken ist nass und schmierig. Mein Schädel brummt vom wirren Leben der Bakterien und Blutkörperchen. Die geheime Arbeit der Träume. Das tote Wasser stinkt nach faulen Eiern. Dotter verfärbt sich grün. Mein Magen krampft sich zusammen. Lebensmittel werden im Hochsommer der beissenden Kälte des Eisschrankes anvertraut. Der bergende Schutz des Frostes. Kinder sollten in Kühlschränken gedeihen. Sie werden hart und stark. Die Hitze lässt Wunden schwären und lässt nicht zu, daß sie verheilen und sich wieder schliessen. Eiter und Blut sickern. Der geöffnet daliegende Körper empfängt schutzlos fressende Fremde. Die Wunden entzünden sich immer wieder neu. Auf der Haut flammen rote Male auf. Die kriegerische Reinheit der Eiswüsten. Die Bettdecke lastet schwer als Grabstein auf meinem gelb glänzenden Gerippe. Ich versuche sie wegzustossen, bin von der Anstrengung erschöpft und nahtlos in die Hitze eingeschlossen. Der Sommertag ist friedlich und ruhig. Mein Leib ist plötzlich vergreist. Ich bin alt. Auf den Reliefs der von Wäldern verschlungenen Metropolen sind die Gestalten von Moos und Schimmel gelöscht worden. Schlingpflanzen gedeihen. Leere und Vergessen verschlucken alle Geschichten. Schmeissfliegen fressen in wimmelndem Summen den zu Brei zerfallenen Apfel auf dem unter der Sonne glühenden Asphalt. Die Anwesenheit des Apfels ist ausgelöscht.

© 2021 Michael Wiedorn
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