Auszug aus der Theaterfassung „Neustart“ nach dem gleichnamigen Roman von Herbert Glaser

Von Herbert Glaser

Szene 1 Krankenzimmer / Nacht

Ein Mann (Pascal Weber) liegt mit Beatmungsschlauch im Bett. In Distanz zum Bett steht eine Frau und blickt lange auf den Patienten.

Laura (ohne sich umzudrehen): „Er wird also durchkommen.“

Dr. Fiedler: „Ja. Durch die Notoperation konnten wir ihn stabilisieren. Ihr Mann sollte in den nächsten Stunden zu Bewusstsein kommen.“

Laura: „Ex-Mann!“

Abrupt dreht sie sich zu Dr. Fiedler um, der ist irritiert.

Laura (mit entschuldigender Geste): „Nein, das ist natürlich eine gute Nachricht. Es ist nur so … ich habe damit nichts mehr zu tun. Wir sind seit sechs Monaten geschieden und haben seitdem kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen. Ich werde jetzt unseren Sohn Roman informieren. Der kann dann selbst entscheiden, ob er seinen Vater besuchen will.“

Szene 8 Physiotherapieraum / Tag

Asil behandelt das vom Fixateur externe befreite Bein Webers.

Asil: „Also, wenn Sie nicht wenigstens ein bisschen mitmachen, dann werden Sie keinerlei Fortschritte erzielen.“

Weber: „Bis jetzt habe ich nichts bemerkt von irgendwelchen Fortschritten.“

Asil: „Das wäre auch ein medizinisches Wunder. Die Fixierung wurde erst vor wenigen Tagen entfernt, was erwarten Sie?“

Weber: „Wie heißen Sie nochmal … Asyl? Noch nie gehört. Der Name ist Programm, was? Ich nehme an, Ihre Eltern stammen aus Afghanistan oder sonst wo her und haben in Deutschland Asyl beantragt, stimmt‘ s?“

Langsam lässt der Angesprochene Webers Bein sinken, um es kurz über dem Bett (absichtlich) los zu lassen. Weber schreit schmerzhaft auf.

Weber: „Verdammt, wollen Sie mir das Bein nochmal brechen?“

Asil: „Der Ordnung halber: Wir kommen aus der Türkei, nicht aus Afghanistan oder sonst wo her. Meine Großeltern haben kein Asyl beantragt, sondern kamen vor 50 Jahren in dieses Land, um zu arbeiten. Und ich heiße Asil, nicht Asyl. Das ist ein persischer Vorname mit hebräischen Wurzeln und bedeutet Der Edle“.

Weber stützt sich auf die Unterarme und mustert Asil von oben bis unten.

Weber: „Ein edler Hippie mit Jesuslatschen.“

Eine Frau mit Knieorthese geht vorbei in den Therapiebereich.

Evita: „Guten Morgen.“

Asil: „Guten Morgen Evita.“

Abrupt legt sich Weber auf die Liege zurück.

Evita beginnt mit Kräftigungsübungen für ihr Bein.

Asil (zu Weber): „Evita ist total motiviert. Erst seit dieser Woche bei uns … Meniskus-OP, Routineeingriff. Macht ambulante Reha. Das Training scheint ihr großen Spaß zu machen.“

Szene 11 Waldhütte / außen

Evita und Pascal (mit Gehstock) betreten mit Gepäck die Hütte.

Evita: „Wie gefällt es dir?“

Pascal (scheinbar erbost): „Hier sollen wir zwei Wochen wohnen? Ohne Fernsehen, ohne Internet? Ich bin Besseres gewohnt!“

Evita: „Immerhin haben wir Handyempfang.“

Pascal: „Es ist perfekt, ich konnte die Klinik nicht mehr sehen.“

Evita: „Und Asil wird dir nicht fehlen?“

Pascal: „Mein Freund Asil wird heilfroh sein, mich endlich los zu sein.“

Szene 12 Waldhütte / innen / Der nächste Morgen

Pascal: „Du hast was?“

Evita: „Kontakt mit deinem Sohn aufgenommen. Er leidet sehr unter dem Bruch mit dir und ist bereit, sich mit dir zu versöhnen.“

Pascal: „Wie … ich meine, soll ich ihn anrufen?“

Evita: „Nein, er hat geschrieben, dass er jetzt losfährt.“

Pascal: „Das ist doch gut. Warum bist du dann plötzlich so…?“

Evita (schreit fast): „Das ist sogar sehr gut. Das ist perfekt. Nur nicht für dich!“

Pascal: „Wovon sprichst du bitte?“

Evita: „Es ist jetzt endlich die Zeit gekommen, dir die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit über dich, deinen Sohn, die Firma und warum wir wirklich hier sind.“

Pascal starrt Evita an. Die zwingt sich, ruhig weiterzusprechen.

Evita: „Mein Vater Martin Lachner hatte eine kleine Firma aufgebaut und lieferte an verschiedene Unternehmen, auch an eures. Aber kaum hattest du das Sagen, änderte sich alles. Auslaufende Verträge wurden nicht verlängert, deine Aufträge an billigere Anbieter vergeben. Vater musste Konkurs anmelden und alle Mitarbeiter entlassen. Das hat er nicht verkraftet, er flüchtete sich in den Alkohol. Irgendwann ertrug er es nicht mehr und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Meine Mutter war danach nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ich nahm sie zu mir, konnte ihren körperlichen und geistigen Verfall aber nicht aufhalten.“

Pascal: „Warum erzählst du mir das alles ausgerechnet jetzt, kurz bevor ich meinen Sohn wieder sehen werde?“

Evita: „Weil ich dich auf keinen Fall davonkommen lassen werde!“

Pascal: „Was meinst du damit?“

Evita: „Kurz nach dem Tod meiner Mutter habe ich von deinem Unfall erfahren. Was für eine Genugtuung! Leider hast du überlebt. Deshalb beschloss ich, mich an dir zu rächen … dich zu töten.“

Evita lässt ihre Worte wirken, Pascal ist fassungslos.

Evita: „Eigentlich wollte ich es auf der Intensivstation tun, aber es ist gar nicht so leicht, da ungesehen reinzukommen. Also musste ich mich später an dich heranmachen. Außerdem sollte es wie ein Unfall aussehen, denn ich gehe wegen dir sicher nicht nicht ins Gefängnis. Und dann musste ich feststellen, dass du dich im Krankenhaus selbst umbringen wolltest mit einem Sprung aus dem vierten Stock. Ich hätte dich damals einfach springen lassen können, ohne mir die Hände schmutzig zu machen, aber damit wäre dein eigener Wunsch in Erfüllung gegangen. Das konnte ich nicht zulassen. Nein, meine Genugtuung wäre viel größer, wenn du als wieder glücklicher Mensch sterben würdest, der neue Freude am Leben gefunden hat. Getötet von deinem eigenen Sohn! Er hasst dich genauso wie ich. Kein Wunder nach dem, was du ihm alles angetan hast. Auf jeden Fall hat er mir anvertraut, dass er dich tot sehen möchte. Was für eine unerwartete Fügung! Mein Angebot, ein Treffen zwischen euch an einem abgelegenen Ort zu organisieren, hat er sofort angenommen. Roman wird bald mit einer Waffe hier eintreffen und dich töten.“

Pascal stemmt sich mühsam hoch und sieht aus einem Fenster hinter sich.

Pascal: „Romans Wagen. (fasst sich) Ich rede mit ihm und kläre alles auf. Ich habe viele Fehler gemacht, aber ich liebe meinen Sohn und bin heute ein anderer Mensch.“

Evita: „Du kannst keine deiner Taten ungeschehen machen.“

Pascal: „Aber es darf doch nicht sein, dass Roman in den Knast wandert, weil er mich umbringt.“

Evita: „Dazu muss es auch nicht kommen.“

Evita hat plötzlich eine Pistole in der Hand.

Evita: „Auch ich habe kein Interesse daran, Romans Leben zu zerstören. Noch hast du die Chance, das zu verhindern.“

Pascal: „Was soll denn das nun schon wieder heißen?“

Evita: „Ich werde diese Waffe mit genau einer Patrone laden und dir damit die Möglichkeit geben, dich selbst zu töten, um deinem Sohn zuvor zu kommen und ihn so vor der Verurteilung als Mörder zu bewahren.
Wenn du auf den Gedanken kommen solltest, mich zu erschießen … überlege mal, wie das auf Roman wirken muss. Es würde seine Meinung über dich nur bestärken. Und Flucht ist mit deinem kaputten Bein unmöglich, außerdem führt der einzige Weg nach draußen an ihm vorbei.
Schau, Roman ist ausgestiegen. Du hast nicht mehr viel Zeit.“

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