Bipolar

Von Renate Schiansky

Das rote Cabrio jagt mit röhrendem Motor über die Landstraße, schnell und immer schneller geht es dahin, die Landschaft rast an uns vorbei; Bäume, Sträucher und Blumenwiesen verschwimmen wie Farben auf nasser Seide. Im Fahrtwind fliegt das Haar, wie ein Banner weht mein bunter Seidenschal. Die Reifen quietschen in der Kurve, kurz schlingert der Wagen. Wir sehen einander an, lachend, uns passiert nichts, wir sind jung, wir sind unsterblich! 150, 160 km/h. Hoffentlich steht nirgendwo eine Radarbox. Und selbst wenn: es ist egal! Daniel singt alte Italienische Popsongs, er kennt sie alle auswendig. Die Sonne scheint, die ganze Welt steht uns offen. Wir genießen das Leben in vollen Zügen. Parken das Cabrio irgendwo am Straßenrand, laufen über die Wiesen, die Blumen duften, ich breche eine Rose vom Strauch und nehme sie mit. Wir kaufen uns einen eigenen Garten, sagt Daniel, dort pflanzen wir Rosensträucher und Apfelbäume! Ein Eiskaffee im Gastgarten, ein Spaziergang das Ufer entlang um den See. Wir schwimmen eine Runde, das Wasser ist angenehm warm. Am Abend gönnen wir uns ein Glas Wein in der Strandbar, wir machen Pläne für den Urlaub am Meer.

Die schweren dunklen Vorhänge sind zugezogen. Als Daniel es endlich aus dem Bett schafft, steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Für die Morgentoilette braucht er viel zu lange. Zitternde Finger sortieren die Tabletten. Auf dem Stuhl liegt die Wäsche: Slip, Socken, Jeans. Die Wahl des T-Shirts wird zur Qual. Ich richte sein Frühstück her, Daniel knabbert lustlos an einem Käsebrot. Welche Schuhe, welche Jacke? Entscheidungen, die er nicht treffen kann. Routine ist wichtig, sagt der Arzt, auch wenn der tägliche Spaziergang durch den Park beinahe schon Zwang ist. Daniels Schritte sind schleppend, seine Worte ein Flüstern. Die Welt da draußen ist ihm viel zu laut, zu schrill, zu bunt. Daniel will niemanden sehen, will mit niemandem reden. Ich vertröste seine Freunde. Er geht nicht ans Telefon, liest keine Mails, öffnet keine Post. Zu groß ist die Angst davor, auf etwas reagieren, auf irgend eine Weise aktiv werden zu müssen. Wir spielen Pachisi oder Memory, zur Ablenkung, und um das Gehirn zu beschäftigen. Wir lesen viel in dieser Zeit.

Das rote Cabrio steht zugedeckt in der Garage.

Aber ich weiß, irgendwann wird es wieder mit röhrendem Motor über die Landstraßen jagen!

© 2021 Renate Schiansky
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