Sie trinken gemeinsam

Von Michael Wiedorn

Aus einer langen Schnittwunde an meinem Unterarm fließt Blut. Ein dicker, roter Saft voll Kraft und Leben. Ich blicke bewundernd auf den nicht enden wollenden Strom, der aus dem von der Haut abgeschlossenen Inneren meines Körpers quillt. Eine mir verborgene Stärke tritt aus mir ans Tageslicht. Sie spaltet sich von mir ab und ich fühle eine Kraftlosigkeit, die sich in mir ausbreitet. Wenn ich weiter tatenlos dem Fluß beim Strömen zusehe, wird der verlassene Körper immer bleicher, steifer, saftloser. Ein weiß schimmernder Rumpf gefriert in verdorrter Verlassenheit. Der rote Strom war unsichtbar, aber regierte mein Leben. Er bewahrte den Leib vor dem Weiß, das die Bewegungen einfrieren läßt, das den Körper in statuenhafter Reglosigkeit gefangen hält. Blut macht frei. Blut befreit, wenn es sich nicht von seinem ihm bestimmten Platz befreit. Es ist sichtbar in der Tönung der Haut. Auf dem harten Boden eines Schlachthofes, eines Mordtatortes, auf der Erde eines Schlachtfeldes drohen tiefrote Pfützen – dunkelrot fast braun und schwarz. Hier fand jemand den Tod. Ein Kadaver liegt reglos wie schlafend auf dem Boden und verwandelt sich. Sein Beschützer – das Nasse – hat ihn verlassen. Der Bewohner, der Ernährer, der das Ganze von Gewebe und Zellen davor bewahrt sich aufzulösen, sich zu verflüssigen, auseinander zu fallen. Blut darf nicht unverstellt sichtbar sein, sonst bedeutet es Trennung und Tod. Beim Verlassen des Lebens spüre ich erst das Leben, das sich in mir verbarg.
Zwei sich gegenüber sitzende Freunde schneiden sich gegenseitig Wunden in den Unterarm. Es fließt. Jeder saugt an der Wunde des Anderen den Saft in sich und wird der Andere. Er wechselt seine Gestalt. Beide sind in die selbe Zelle eingesperrt. Durch Mauern und Gitter von der Außenwelt ausgesperrt.
Christus hängt überströmt am Kreuz. Aus dem bläulich kranken Leib quellen unzählige Wunden. Er zeigt stolz die Wundmale im Inneren seiner Handflächen. Die Gemeinde trinkt seine Flüssigkeit und frißt Menschenfleisch. Das Purpur fließt den Gläubigen aus den Mundwinkeln. Gierig reißen und verschlingen sie die Fleischbrocken.

© 2021 Michael Wiedorn
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