Xanadusel

Von Zartelli

Es erfüllt mich mit Stolz, dass der große Tom Paradiesel, dieser begnadete Künstler, Cojo, Sandra und mich, die Melonautencombo, zu seiner Vernissage in die Sternbald-Galerie eingeladen hat, als „meene musikalische Wundertüte: Kohle is keen Problem; und für reichlich Schampus is jesorgt, meene Süßen!“ Ich bin ein wenig geblendet von dem weißgoldglänzenden Hemd, das Tom in seine passgenaue hellrote Hose gesteckt hat. Er breitet die Arme aus, dreht sich herum mit seinem schräg aufgesetzten schwarzen Cowboyhut und blickt strahlend auf die überwiegend großformatigen Bilder an den Wänden und auf den Staffeleien. Seine Werke sind überwältigend in ihrer Farbenpracht. Ich komme mir vor wie in einem exotischen Garten, voller seltsamer Wesen: Pflanzenschlangen unter Wasserströmen auf der Jagd nach Riesenkopfoktopussen, fliegende Hundestiere über einem Waldsalat aus oszillierendem Gemüse. Auf Bildrändern schweben rötliche Liebesmoleküle mit Facettenaugen, in vertieften Mittelflächen ragen Sonnenkreise aus einem Blütenmeer von Königslilien. In einem Blätterkonglomerat von bunten Glasstücken turnen gehörnte Lemuren und geflügelte Möpse; aus einem Dschungel, gestiftelt wie aus Rote Beete und Zucchini, ragen auf langen Hälsen Giraffenköpfe und Dinos hervor, in sanftmütiger Sehnsucht, und ein Delophant balanciert auf dem Trabanten Tohu mit den Bällen des Wabohu.

Süßliche Düfte ziehen durch den Raum, in den sich inzwischen zahlreiche Gäste eingefunden haben. Frauen glänzen in den unterschiedlichsten Garderoben, oft in afrikanischem oder indischem Stil gewandet, Männer posieren in Anzügen, schwarzen Lederhosen, Schlupfhosen, Rüschenhemden, Slimshirts. Ein Glas wird angeschlagen. Galerist Sternbald, füllig, unrasiert, mit weißgrauer Mähne unter einem gewaltigen Strohhut, zeigt sich glücklich, Tom Paradiesel begrüßen zu dürfen, einen der „originellsten und vitalsten Künstler der Gegenwart!“

Tom, mit einem Blatt Papier in der Hand bewaffnet: „Ick freu mich wahnsinnig, dass ihr alle herjefunden habt. Anstatt euch mit ner langweilijen Rede zu traktieren, hab ick mir wat anderet einfallen lassen. Also spitzt einfach mal schön die Öhrchen: Ihr werdet durch meen Luftreich jagen, all ihr Geißel-Stierchen. Ihr werdet sagenhaft tief eintauchen in meen Wonnemondmysterium, um et zu erfüllen, meen Fruchtsaftversprechen, dit euch kirre macht vor lauter Liebeslust. Dann wirst du, Bruder Heribald, den Fußballjott verjessen haben, wirst nich wie´n Aschenbecher stinken, nich nach Freibier schreien, sondern nach dem Muttersaft aus der Tiefe meener Ekstasequelle. Und wir werden uns besoffen inne Wolle wagen, uns den Ernst des Lebens aus der Birne schlagen, bis wa nich mehr wissen wollen, wat wa waren, wer wa sind oder wie wa zu sein haben. Darauf kannste eenen lassen, meen maroder Eiertänzer!“

Die Feuchtfröhlichkeit seines Vortrags hat sich auf die Versammelten übertragen. Der Beifall wird hie und da von juchzenden Ausrufen begleitet. Tom bedankt sich bei allen, die ihm die Ausstellung ermöglicht haben, bekundet, wie glücklich er darüber sei, hier ausstellen zu dürfen und wie sehr es ihn freue, die Melonauten-Combo als besonderen Act für diesen Abend gewonnen zu haben. Sandra, Cojo und ich fackeln nicht lange und rocken munter los:

Die Wahrheitsleugner meinen – dass ich nur vor mich hin spinn
sie halten meine Botschaft – für eingemachten Unsinn
ihr habt doch keine Ahnung – ihr habt es nicht gecheckt:
das geniale Feuer, das mir in der Hose steckt
Niemand kann mich bremsen, mich hygienegeiles Rindvieh
ich fick dich dummes Querschwein, hier in der Galerihie
den Covidiotenhintern, halt ihn doch endlich still,
weil ich ihn maskieren, ihn jetzt maskieren will:
Ich bin endlich geheilt – ich bin born born to be child
Gott wie bin ich high – I´ll never ever die

Wir haben das Lied als unser eigenes ausgegeben, obwohl sich für rockhistorisch Gebildete in der Refrainmelodie das Steppenwolf-Original unschwer erkennen lässt. Doch meine Befürchtung, es könne sich unter den Gästen der Spion eines Urheberrechtssyndikats eingeschlichen haben, ist so gut wie verschwunden. Dreimal wiederholen wir den Refrain und fast alle aus der Galeriegemeinde schmettern ihn tüchtig mit, ohne jeglichen Mund- und Nasenschutz, wie wunderbar! Auch bei der nächsten Nummer droht uns die Gefahr einer Urheberrechtsverletzungsklage. Doch alle fallen begeistert in den Kehrreim ein:

Wunda wundern imma wieda, wär`n wa nich so blöde, würden wa vastehn:
Wunda sind wat janz Normalet, volljepumpt mit Impfstoff können wa se sehn

Tom verspricht nun einen besonderen Leckerbissen, dessen Beuteprofil unseren wackeren Urheberrechtskontrollspion in Ekstase versetzen dürfte: Toms ultimative Coverversion seines Lieblingsliedes. Ich habe nichts davon geahnt. Cojo spielt ein Arpeggio, dazu einen gängigen Basslauf, Sandra und Tom singen gemeinsam a place where nobody dared to go, the love that we . . . und mir wird nun klar, dass sie mich reingelegt haben. Zumindest Cojo weiß genau, wie grauenhaft ich dieses „Xanadu“-Zeug finde! Xanadu, jener sagenhafte Ort in China, dessen göttliche Hygiene nur eine einzige Infektion zulässt: die Infektion der ewigen Liebe – o Gott! Aber: Sandra und Tom singen die Schnulze mit einem schrägen Pathos und so scharmant, das sie sich ihre glücksgläubige Sentimentalität irgendwie bewahren können. Ich gebe mich geschlagen und begleite das Stück mit einigen Melodiebögen und einem besonders kitschigen Solo. Dabei fällt mein Blick auf Meene Lucy, das größte Bild dieser Ausstellung: eine Pop-Maharani zieht auf einem prächtigen Patchworkelefanten in eine Oase ein, wo zwischen kuchenartigen Bungalows Lorbeer- und Löwenzahnpalmen wachsen. Wesen mit Affen- und Hundeköpfen auf nahezu nackten Menschenkörpern begrüßen Lucy wie eine Erlöserin. Ihre rechte Hand scheint in einen Regenbogen aus Edelsteinen hineinzugreifen, der sich fast über den gesamten Himmel erstreckt. O ja, meene Lucy, ich liebe dich! Umso mehr, als wir Melonauten noch nie derart enthusiastisch aufgenommen worden sind. Was immer wir anbieten, erfährt eine überaus herzliche Aufmerksamkeit, sicher begünstigt durch die besonderen Schwingungen dieses lichtdurchfluteten Veranstaltungsortes.

Das nächste Lied hat die Melonautencombo gemeinsam erarbeitet, getragen von einem Gefühl liebevoll-wehmütiger Leichtigkeit und in dankbarem Gedenken an einen der größten Humoristen unseres Landes:

Es wirkt oft so verloren wie ein sehnsuchtkrankes Kind unter all den HomoToren
die so aufgeblasen sind. Treulich muss es hier verharren, Wesen nicht von dieser Welt
und wir machen uns zum Narren, solange wie das Möpschen bellt
Es ist machbar – für gewöhnlich- so ein Dasein ohne Mops
Es ist machbar – aber lieblos – unser Dasein ohne Mops

Wir fragen uns verwirrt, wohin das Leben uns noch führt, wir fragen immerzu,
warum das Möpschen uns so rührt. Doch in seinen lieben Augen können wir es sehn –
erkennen voller Staunen unser Wesen nackt und schön:
Es ist kein Leben so ein Leben – leben wir es ohne Mops
und wenn wir noch so an ihm kleben – einem Leben ohne Mops:
es ist herzlos – wie vergebens – dieses Leben ohne Mops
und höchst qualvoll – wenn wir sterben – sterben wir es ohne Mops

Ist das Magie? Wir singen die letzten Zeilen, alle miteinander, immer wieder, ein überwältigendes Bekenntnis zu unserer Kreatürlichkeit, aus vollen Herzen und Bäuchen. Amet, die Göttin des Spaßes, beherrscht uns nun bis in die Tiefenzonen unserer Eingeweide. Ja, lasst uns Spaß treiben, ohne Gnade! Kümmern wir uns nicht um all jene, die uns die Welt zur Hölle jammern, all jene, die auf dem Fett unserer Ängste schwimmen, die sie uns unablässig einzureden suchen, damit wir verlernen, einander als freie Menschen zu begegnen. Ignorieren wir die Hirnakrobaten, die uns mit ihren hochgetrabten Nullitäten das Gemüt verkleben. Halten wir uns von allen Kandidaten fern, die uns mit ihren Qualverlautbarungen in die Verliese ihres Verfehltseins sperren. Ja ich singe mich euch, die ihr mit mir in den Rausch einer frohsinnigen Resonanz geraten seid, singe, in dieser Galerie, als Kehlkopfmeister unserer innerlich tierköpfigen Oasenvolksnatur, singe zu ihr, der ganeshagetragenen Maharani, Königin der bunten Diamanten, singe zu den filigranen Klangmustern meiner Liebesleier ganz spontan die Quintessenz dessen, was ich hier und jetzt durch euch erfahren habe. Und all ihr Neuropathen, Idiokraten, Hygienespießer, Kindherzquäler: murkst uns nicht die Aussicht zu. Soll euer Labyrinthgefasel doch verfaulen im Sumpf eurer Maulflusssperren!

So bleibt er geschützt, singend unterm Sonnenbogen – der zarte Oasenkern!

© zartelli 2021
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