Alchemie der Leidenschaft

Von Sandra Engelbrecht

Ene mene meck,
und Du bist weg:

Leonora.

Ich hasse meine Tochter Leonora. Sie, die nie ihre Achselhöhlen rasiert. Nach abgestandenem Rauch und Essiggurken riecht. Ihren dicken Hintern nicht hochbekommt und tagelang im abgedunkelten Zimmer sitzt, um bunte Törtchen in sich hinein zu stopfen. Ihre klebrigen Fingerspuren hinterlässt sie überall im Haus. Könnte ich, würde ich sie wie einen Müllsack vor die Türe stellen.

Kommen meine Freundinnen auf eine Partie Poker zu mir, sage ich: Leonora, bleib im Zimmer, von deinem Anblick wird uns schlecht. Sie knallt die Türe zu und lässt ihre Stereoanlage so laut wummern, dass der Bass die Weingläser im Geschirrschrank erzittern lässt. Manchmal höre ich sie auch weinen, dann fühle ich mich schlecht. Meine Freundinnen schauen mich mitleidig an und ich schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

Ich war aus meinen Kinderschuhen gewachsen, als ich Leonora aus meinem Schoss presste.

Wie, wa, wu und raus bist Du.

16 war ich.

Hasenspeck und Hasendreck,
und du bist weg:

Patrick.

Ich hasse meinen Mann Patrick. Er, der nie zu Hause ist. Mal in Berlin. Mal in Wien. Mir die Wange tätschelt, als wäre ich ein lahmer Bierkutschen-Gaul, dabei tröstend meint: Bald werde ich wieder oft zu Hause sein, Schatz. Versprechen die sich wie sein Zigarren-Rauch in der Luft auflösen. Ein schaler Geschmack bleibt zurück.

Von seinen Reisen bringt er Geschenke mit. Schillernd verpackt sind sie. Erlesene Schmuckstücke. Er schiebt sie mir, über die blank polierte Mahagonitischfläche zu, faltet die Zeitung auf und liest darin. Die Zeitung verdeckt sein Gesicht, nur das schüttere Haar ist zu sehen. Ich reisse die Verpackungen auf, und schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

Ich wollte Patrick nie heiraten. Das Kind in deinem Bauch muss einen Vater haben, meinte meine Mutter. Der Flegel soll gefälligst für den Unterhalt sorgen, meinte mein Vater.

Ritze Rotze Ringelratz,
Mietzekatz, dann gings ratz, fatz.

Ich heiratete Patrick. Damals noch mein Deutschlehrer. Heute ein Bestsellerautor. Schreibt Bücher über glückliche Ehen, über Bilderbuchfamilien.

Eine kleine Haselmaus
zog sich mal die Hosen aus,
zog sie wieder an
und du bist dran:

Roberto.

Ich begehre Roberto. Er, der mir die Augen verbindet und meinen Körper mit Rosenöl einreibt. Mir frisch aufgebrühten Kaffee ans Bett bringt und mich mit kandiertem Ingwer füttert. Aus Faust vorliest und Margeriten ins Haar flicht.

In schwülen Sommernächten legen wir uns nackt auf die Terrasse, in eine Hängematte. Erzählen uns von unseren Hoffnungen und Ängsten. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue. An frostigen Winterabenden liegen wir nackt vor dem Kamin, auf einem Flickenteppich. Erzählen uns von unseren Wünschen und dunkelsten Gedanken. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue.

Hinde, Hande, Hundekuchen
Einer von uns wird gleich fluchen.

Alchemie der Leidenschaft. Wann verwandelt sich mein Begehren in Hass? Noch brauche ich Roberto. Um meine Innere bodenlose Leere zu füllen.

Roberto.

Der Lehrer meiner Tochter.

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