Auf der anderen Seite

Von Anna Gawlitta

Es ist Anfang Sommer, die Sonne steht am Himmel, über dem Bruchberg Niedersachsens. Das Haus der Schäfers liegt oben, am Hang, nicht weit des Stadtzentrums. Wolken schwimmen am Horizont. Im Winter hat es in Braunlage stark geschneit, die Stadt war eingewickelt in einen Schneemantel. Wünsche wurden geweckt, die Menschen konzentrierten sich auf die Tage, die vor ihnen liegen. Das Streiten ließ nach, die Stimmen der Unzufriedenheit erstickten in der Schönheit des Lebens, die sich in der Natur widerspiegelt. Deutschland erwartet einen ruhigen Sommer wie es sich die Herzen der Menschen wünschen.
Vom Haupteingang sind die Felder, Wiesen und Hügel zu sehen, eine Terrasse grenzt an das Haus, Kühe sind zu hören, Kälber und Schäferhunde rennen über die Wiese. Die Schäferhunde beißen spielend einander, Hunger meiden sie, indem sie auf die Pfeife reagieren, die Jan Schäfer benutzt, um sie zu lenken, und ihnen Fleischstückchen hinzuwerfen. Niemand will hungern, nicht Mensch, nicht Tier. Essen ist die Grundlage unseres Lebens, unserer Zufriedenheit. Die Kräfte von Schnee sind unvorhersehbar, ein tiefer Winter vermag die Bevölkerung voneinander abzuschneiden. Die Winter sind aber nicht gleich, sie wiederholen sich nicht, können sich ins Unberechenbare entwickeln. So beruhigten sich die Menschen, sprachen vom Winter wie von einem guten Freund, im Vertrauen und Zuversicht. Es gab im Zentrum niemanden, der nicht motorisiert war, jeder besaß ein Auto, dem Ort ging es gut, die Menschen lebten einen gewissen Wohlstand, den sie sich über Jahre erarbeitet hatten. Weiter abwärts sind Felder, auf denen im Sommer die Kinder in Zelten lebten, sie verbrachten Wochen in der freien Natur, im puren Glück des Daseins, mit Musik und Lagerfeuer an dunklen Nächten, umgeben von Glühwürmchen, die über den Zelten kreisten. Es gab Tage, da begaben sie sich auf Wanderschaft, zusammen mit den Hunden, gingen einige Kilometer über die Hügel weiter, den schon eingetretenen Pfaden ihrer Vorfahren folgend. Familien leben über Generationen in einer Umgebung, an Ortschaften und in Städten. Alle Kinder der Schäfers hatten im Laufe ihres Lebens bei einer Wanderschaft mitgemacht, alle außer Jan. Er liebt das Haus und seine Umgebung, entfernt sich nicht von der Idylle, die er an diesem Ort erfährt. Jan hat alles im Überblick, seine Beobachtungsgabe über Jahre geschärft. Wenn er die Augen übers Tal schweifen lässt, ist in allem Leben, kleine Bewegungen beobachtet er durchs Fernglas. Niemand kann so gut sehen wie Jan. Das ist seine Stärke, trotz Brille, die er tragen muss. Das Beobachten ist wichtig, für Entwicklungen, zum Schutz gegen Feinde, zur Freude. Jan ist ein großer junger Mann, schlank, doch muskulös, stark und kräftig, ein Mann wie sich Frauen wünschen, das er sei. Es wäre möglich ihn in einem Magazin abzubilden, als Model mit Fernglas. Auch der Rest der Familie sieht gut aus, das sind die Gene der Eltern, der Großeltern, der Vorfahren. Sie leben zu fünft im Haus. Die Eltern, sein Bruder, seine Schwester, oft kommen Familie und Freunde, um Freundschaft zu teilen und das Beisammensein zu genießen. Immer spricht jemand, Musik umhüllt die Menschen, Kochgerüche steigen bis an die Decke, schlängeln sich ihre Wege durchs ganze Haus, bis nach draußen, ziehen über Terrasse bis an die Schnauze der Hunde. Bei Trockenheit kommen die Menschen zusammen, auf den Feldern findet Bewässerung statt. Die Schäfers leben schon seit Generationen nicht mehr von der Landwirtschaft. Sie sind Akademiker, die das Erbe ihrer Vorfahren bewahren, hüten, erhalten. Der Vater zeigt sich nur noch selten. Seine Kraft ist wie ein Fest für die Familie. Er leistet Großes, steht hinten wie eine Festung um die Familie. Der Vater ist genauso wie die Mutter in der Familie unentbehrlich. Seine guten Taten waren in aller Munde, auch außerhalb der Familie. Sein Ruf wie der Gesang der Nachtigall, wie das Zirpen der Zikaden nachts beim Essen, wenn der Tisch zwischen Blumen und Sträuchern steht. Er verdient Ehre in der Familie. Ein Werk lebt weiter aus der Liebe, auf der es gegründet ist. Liebe ist ewig. Sie lebt immer fort. Sie schafft und es bleibt. Vatersein bedarf der Kraft und des Mutes mit Menschen umzugehen, die bedrohen, gefährden, angreifen, die Werte, Tugenden, Liebe durcheinander bringen möchten. Ein Vater muss Ruhe haben, Entscheidungen treffen, die tragen. Sein Wort muss ein Wort sein, sein Handschlag ein Handschlag, seine Liebe ohne Grenzen. Der Vater besitzt die Tugend Streit zu schlichten. Wenn sich seine Brüder stritten, hatte er den Mut dazwischen zu gehen, auch bei Nachbarn mischte er sich ein, ließ nicht nach, bis die Glocken des Friedens erklangen. Niemals wurde er gewalttätig, niemals laut, niemals rechthaberisch und doch verteidigte er das Gute im Menschen. Als Kinder benutzten die Brüder des Vaters bei ihren Kämpfen Waffen, kleine Taschenmesser, die sie eigentlich zum Holzschnitzen bekommen hatten, eine Schleuder, die sie nur zum Jagen benutzen durften, hier hatte sich der Vater entschieden nicht so zu sein, fand es abstoßend, sich zu prügeln, überhaupt gewalttätig zu sein. In der Schule hatten sie das Schriftwort, „Prüft alles, und behaltet das Gute“ gehört, und es zu seinem Lebensleitsatz gemacht, der ihm Ansehen und Wohlstand gesichert hatte. Diese Weisheit gab er an seine Kinder weiter. Jan lernte von ihm. Die Taten des Vaters wurden ihm zum Weg, den er ging und seinen Charakter formten. Seit Langem hatte es keinen so charakterstarken Menschen wie den Vater gegeben, der geistig so gereift ist, psychisch gefestigt und physisch stark ist. Es sind seine Vorfahren, die diese Kraft in die Familie eingetragen haben, indem einer der Urgroßväter die Jüngste der sieben Töchter heiratete, und den Hof übernahm, ihn durch seine kluge Art hoch wirtschaftete, als Akademiker zwei Berufen nachging und eine glückliche Familie gründete. An Tugenden eines Herrschers maß er seine Taten, gerecht muss man sein, und vor allem auch barmherzig. Er wusste mit Armen und Reichen umzugehen, bevorzugte niemanden. Sein Beruf war der eines Schuldirektors. In diesem Beruf lernte er viel für seine charakterliche Reife, wie er Kinder, auch die Eigenen zu erziehen hatte. Wie er mit seinen Kindern umging, so waltete er auch mit seinen Schülern. Jan lernte immer mehr von ihm, entwickelte sich zu einer Persönlichkeit wie es der Vater ist: Ein Vorbild in allem. Die Mutter liebte seine Standfestigkeit, er blieb stark in seinen Konsequenzen, sie mussten dem Guten dienen, auch, wenn es hart für die Familie wurde. Die Kinder befürchteten das Runzeln der Augenbraun, diese Geste zeigte schwierige Zeiten auf, das lernten sie mit der Zeit alle. Sie lernten das durch die Liebe der Mutter zum Vater. Die Mutter hielt die Familie zusammen, der Vater behandelte sie wie eine Königin, er trug seine Frau auf Händen, wie ein König eine Königin trägt, so war sie für ihn alles, die Liebe, die er liebte. Die ersten Jahre war es nicht einfach festzustellen, ob die Kinder den Vater liebten, sie flohen eher an die Güte der Mutter, wirkte der Vater eher streng und rigide, was er durch sanfte Worte der Mutter lernte mit den Jahren in Liebe umzuwandeln, so veränderten sich auch die Persönlichkeiten der Kinder. Sie lernten das zu lieben, was der Vater liebte, und der Vater liebte, was die Mutter liebte. Doch dies war bisher nur Jan aufgefallen, so kam es ihm zumindest vor. Noch nie hatte er mit einem seiner Geschwister über die Beziehung der Eltern gesprochen. Das Herz der Mutter hatte große Macht. Sie war die Stille im Sturm, der Sommerregen. Durch ihre Liebe brachte sie die Familie zum Blühen. Wie der Vater der Mutter vertraute, so vertraute die Mutter dem Vater und die Kinder ihren Eltern, alles war geordnet, jeder war sich seiner Rolle in der Familie bewusst, nicht mehr, nicht weniger. Die Anweisungen der Eltern führten die Kinder im Vertrauen aus. Sie hielten sie ein. Es kam selbstverständlich auch zu Diskussionen, wenn man eine Anweisung nicht verstand, durch Liebe und Intelligenz wurde aber schnell jeder Wortschwall beigelegt, der nicht von Nutzen war. Sie hüteten sich vor Sinnlosigkeit. Die Eltern lieben ihre Kinder und die Kinder die Eltern. Die Familie der Mutter war nicht immer einfach, oft wollten sie sich einmischen, anfangs der Ehe fiel es der Mutter schwer sich zu distanzieren, was sie aber durch die Liebe, mit der der Vater intervenierte, ablegte und immer mehr und tiefer begann allen gerecht zu werden. Sie hatte sich nicht grundlos in den Vater verliebt. Es waren seine Eigenschaften, die so stark auf ihr Herz abfärbten und ihre Liebe wuchs, wie auch die seine zu ihr. Gemeinsam waren sie stark, verwoben in ihrer Liebe immer mehr miteinander, symbiotisch, umkreisten einander immer näher wie zwei Schmetterlinge, wie zwei Bienen, wie zwei Vögel, immer zusammen, mit genug Freiräumen, wenn sie es nötig hatten. Mit den Jahren lernten die Kinder sich immer mehr von den Eltern zu lösen, und die Eltern lernten die Kinder immer mehr loszulassen, im Vertrauen Gott würde sie ihren Weg gehen lassen. Dennoch blieben sie als Familie eine Einheit, immer miteinander Zeit verbringend und kommunizierend über die großen Entscheidungen des Lebens wie die kleinen Dinge des Alltags. Sie dienten einander in Liebe, jeder ist für den Anderen da, einer für alle, und alle für einen, man hielt als Familie zusammen. Sie waren fähig in die Bresche für den Anderen zu springen, überall und für alles, wobei der Vater stets zum Guten insistierte und die Macht des Guten betonte.
Sicherlich hatte die Familie auch Feinde, innerhalb der Familie und auch außerhalb, doch die Weisheit und Liebe zueinander und zum Leben sind stets stärker gewesen. Jan zog seine Kraft aus der Familie. Seine Schwäche konnte er durch diese Kraft überwinden. Er fühlte sich nie alleine, sondern die Familie war sein Rückgrat, sein Ankerplatz, sein Schutzschild, seine Burg gegen die Angriffe von Menschen, die neidisch, eifersüchtig oder einfach nur böswillig waren, die er in der Schule erfuhr. Er war Abiturient im vorletzten Jahr des Gymnasiums. In einem Jahr würde er das Abitur ablegen und sich für einen Beruf entscheiden müssen. Noch favorisierte er die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft und die Medizin. Jan war ein stiller Mensch. Sprache liebte er auf dem Papier, Worte in Schwarz auf Weiß gedruckt. Literatur war ihm Odem, Wasser, Wind, Feuer und Stimme, in Zeiten, die wie die See manchmal zum Sturm werden, sein Leben durcheinander zu wirbeln drohten. Familie, Natur, Musik und ein gutes Buch, das war es was ihn am Leben hielt. Zum Vater hatte er eine gute Bindung, die Gefühle des Vaters zu seinen Kindern waren von Takt, Dankbarkeit an das neue Leben, indem er sich selbst widerspiegelte, geprägt. Die Menschen sahen das Feuer in seinen Augen, wenn es um seine Kinder ging, er wurde zum Leoparden der Wildnis, fähig zu zerfetzen. Man bekam es mit der Angst zu tun, waren sie bedroht. Die Feinde flohen, sahen sie in seinen Augen, dass er zu allem fähig war, ging es um Frau, und besonders auch um die Kinder.
Die Hunde folgten ihm, wo immer er auch hin ging. Stets waren sie an seiner Seite. Besonders Aza folgte ihm, war sie mit Narben übersät aus einem Tierheim gerettet worden. Sie hatte einen Unfall hinter sich, war aus einem brennenden Haus, einer Holzfabrik, gelaufen, und hatte sich an Holzbalken die Haut aufgeschürft. Die Schäfers liebten sie besonders. Sie war schon zu Familie gestoßen, da waren die Kinder noch nicht da, doch folgte sie ihm immer noch, gemeinsamen waren sie in die Jahre gekommen, gemeinsamen verbrachten sie die Tage. War der Vater im Haus, lag Aza tagsüber auf dem Hof in der Sonne oder im Schatten und ruhte. Nicht jeder Mensch ist fähig zu der Treue, die ein Hund einem Menschen zeigt.
Hans war ebenso so ein treuer Mitarbeiter, er ist einige Jahre älter als der Vater, er hatte dem Vater reiten beigebracht, jagen hatte er ihn gelernt, gemeinsam flitzten sie durch die Wälder, gemeinsam saßen sie in den Zelten, am Lagerfeuer, folgten den Pfaden der Vorfahren. Er war nicht nur ein Mitarbeiter, er war ein guter Freund. So hatte ihn der Vater immer behandelt und gesehen, auf gleichem Niveau, nie von oben herab. Mit seiner Familie wohnte er in den angrenzenden Gebäuden des Hofes. Die einzige Tochter von Hans ist verliebt in den ältesten Sohn der Schäfers. Sie folgt ihm, wenn er draußen ist, lächelt ihm oft zu, sucht seine Nähe. Toni ist 30 Jahre alt, Arzt von Beruf, zusätzlich führt er den Hof, der Vater lässt ihm freie Hand. Jan schaut zu ihm hoch. So stark sein wie Vater oder so mutig wie Toni, das geht ihm oft durch den Kopf. Der Mensch muss nicht weit suchen, keine Stars der Literatur, von Musik oder Kunst feiern, wenn er Helden in der eigenen Familie hat, Vorbilder des Alltags, die die Welt ein wenig besser und schöner, einfach wertvoller und friedlicher gestalten. Toni sieht sich auch nach der Tochter von Hans um, mehr Interesse ist da aber noch nicht. Er lässt sich mit Verlobung und Heirat Zeit. Die Mutter wäre glücklich über eine Verbindung der beiden gewesen, schätzt sie Hans und seine Familie. Obwohl sie mit der Mutter keine sehr innige Verbindung pflegt, sind die Familien aufs Engste befreundet, auch der Sohn von Hans, Igor, die Schwester heißt Maja, versteht sich gut mit den Söhnen der Schäfers. Auch Nachbarn und Freunde der Familie sprechen sich für eine Verbindung der beiden aus, sie sind sozusagen das Thema in aller Munde. Maja ist eine schöne Frau und Toni ein wagemutiger Mann, der fähig ist in seinem Leben zu riskieren, kann er die Folgen gut abschätzen und er hat die starken Schultern eine Entscheidung zu tragen. Eine Heirat der beiden wäre von großer Bedeutung für die beiden gewesen. Sie kennen sich auch schon seit der Kindheit, hatten zusammen gespielt und als Kinder waren sie ihre erste Liebe, haben Händchen im Sandkasten gehalten. Dennoch: Toni will sich noch nicht binden. Er wartet noch. Obwohl das Interesse Majas schon über zehn Jahre geht, da hatte Toni gerade das Abitur abgeschlossen, war nach München gezogen, um Medizin zu studieren, die Semesterferien verbrachte er auf dem Hof, wie sich Maja in ihn verliebte wie der Wind in die Blätter. So stark, stürmisch, von einer größeren Macht getragen, wie es Liebe halt ist. Sie gingen genauso wie ihre Eltern mit den Kindern die Pfade der Vorfahren, verbrachten mit ihnen einige Nächte draußen auf den Hügeln unter freiem Himmel am Lagerfeuer sitzend, und in den Zelten mit ihnen schlafend, schon als Kinder und dann noch als Begleitpersonen. Maja war gerade 18 Jahre alt geworden, und Toni hatte sein erstes Semester an der Universität abgeschlossen. Unterwegs als sie in Regen gerieten und unter Bäumen standen, küssten sie sich. Maja wollte mehr, doch Toni musste irgendwann zurück nach München und vergas sie für eine zeitlang, woran sie litt, aber schwieg. Sie schwieg ihren Kummer in ihr Herz hinein. Niemand wusste davon, niemand wusste, dass sie sich geküsst hatten, hatten sie doch alleine unter dem Baum gestanden. Er wollte sie nicht ausnutzen, wollte sich aber auch noch auf nichts festlegen, zudem beanspruchte ihn das Studium, forderte viel Zeit. Über vier Monate sahen sie sich nicht, bis zu den nächsten Semesterferien. Aber als sie ihn anlächelte, lächelte er nicht zurück.

© 2021 Anna Gawlitta
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Anna Gawlitta, geboren 1984, aufgewachsen im ostwestfälischen Herford, abgeschlossenes Studium Master of Education, danach Masterstudium Literarisches Schreiben am Literaturinstitut in Hildesheim. Veröffentlichungen: die Erzählung „Was Liebe ist“ im Schardt Verlag Oldenburg, die Texte „Auf der Suche“ (2015) und „Silenzio“ (2016) in der Institutsanthologie Landpartie, „Wenn die Zikaden zirpen“ in Mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur (Onlineveröffentlichung Juni 2018); Aufenthaltsstipendium in der Künstlerwohnung in Soltau 2016.