Beziehungsweise

Von Claudia Wittke

Hallo Du,
wir haben mittlerweile schon viele Jahre miteinander verbracht. Wir kennen uns gut. In und auswendig. Und dennoch lernen wir uns immer wieder neu kennen und entdecken neue Facetten. Manchmal macht uns das Angst, wird sind überrascht, was wir in der Lage sind zu tun. Welche Dinge erreicht werden können, die zu Beginn unmöglich schienen. Gleichzeitig scheitern wir zuweilen an den einfachen Aufgaben des Lebens.
An manchen Tagen harmonieren wir gut miteinander, sind in Symbiose, vollkommen im Reinen mit uns. Doch dann gibt es wiederum andere Tage, an denen wir Krieg gegeneinander führen. Unsere Unzulänglichkeiten ausbreiten, kritisieren, uns verletzen und unser größter und unerbittlichster Feind sind. In der Regel raufen wir uns wieder zusammen, sind stolz auf uns und unsere Erfolge, Meilensteine und das, was wir erreicht haben. Auf die Wunder, die wir vollbracht habe und das Wunder, das wird täglich im Arm halten dürfen. Auch wenn es immer wieder zwickt und zwackt, halten wir zusammen. Trotz gegenseitiger Unzufriedenheiten sind und bleiben wir verbunden.
Es gibt Tage, an denen unsere Beziehung ziemlich kompliziert und kritisch ist. „Mach schon! Das wirst du doch wohl noch schaffen!“, sagst du. „Ich kann nicht mehr, ich habe Angst.“, sage ich dann. „Heul nicht schon wieder!“, wirfst du mir mit brüchiger Stimme vor, während eine Träne sich dem Gesetz der Schwerkraft fügt und sich an deiner Wange entlang den Weg Richtung Erde bahnt.
Uns zu ändern ist nicht leicht. Es ist immer mit viel Arbeit verbunden. Wir müssen austarieren, reflektieren und akzeptieren. Wir müssen uns annehmen, so wie wir sind. Und annehmen, dass wir gut sind, so wie wir sind. Dass unsere Geschichte uns gezeichnet hat, uns geformt hat zu dem, wie wir jetzt vor uns stehen. Uns stark und verletzlich und stur und träumerisch und ängstlich und mutig gemacht hat. Wir müssen oft an unserer Beziehung arbeiten. Aber am Ende des Tages, wenn wir erschöpft ins Bett fallen, weil du mich getragen und ich dich ausgefüllt haben, möchte ich uns sagen:
„Ich hab‘ mich lieb. Und manchmal, liebe ich mich sogar.“

© 2021 Claudia Wittke
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