@dAdA.da – ein Gespräch mit dem Psychiater und Kulturforscher Prof. Dr. Heribert Stenzl

Von Zartelli

Herr Professor Doktor Stenzl, der Anthropologe Professor Lukas Bilzing behauptet in seinem neuen Buch „Europa in der Flasche“, dass nur eine, Zitat: „Wiederbelebung eines surrealistisch veredelten Dadaismus den mächtigen Geist Europas aus seiner Lähmung befreien und den entscheidenden Impuls liefern kann, der die Weltrevolution doch noch zu ihrer für uns und unseren Planeten überaus notwendigen Wirksamkeit verhelfen würde“. Sie haben das jüngst als „kompletten Schwachsinn“ bezeichnet. Warum?

STENZL: Herrgott noch mal! Wenn Sie mein Buch „Fakeversessen – fakevergessen: die Weltverschwörung des Dadaismus“ gründlich gelesen hätten, müsste Ihnen vollkommen klar sein: die Revolution ist längst vollzogen, der sogenannte surrealistische Dadaismus hat gesiegt, auf der ganzen Linie!

Aber Professor Bilzing sagt, dass unsere gegenwärtige Realität nur durch eine eben noch nicht vollzogene, Zitat: „surreale Dadaisierung vor der totalen Verwahrlosung bewahrt werden kann.“

STENZL: Jetzt hören sie doch mal mit Ihrem Bilzing auf! Was kann denn mehr Dada sein, als dass Aussagen von Debilitäten wie diesem „Professor“ als geistige Leckerbissen herumgereicht werden. Die sogenannte Realität ist schon längst Dada, durch und durch, bis in den genetischen Code hinein. Es gibt überhaupt keine Realität mehr, nur noch eine allumfassende Surrealität. Wir erleben die Welt als eine hypertrophierte Satire, deren Darsteller, seien sie nun maßgebend oder nacheifernd, so programmiert sind, dass sie sich ihrer Rollen nicht bewusst werden können. Wir erleben die Aufführung des Complicius Narcissimus, einer retrograden Alchemie, bei der Gold regelrecht in Jauche verwandelt wird. „Das Brandzeichen der Blödheit ist dem Homo Strichcode längst in den Nacken gestanzt“, wie Sie in Kapitel 4 meines von mir soeben erwähnten Buches nachlesen können.

Aber ist es darum nicht umso wichtiger, jene Ansätze zu verfolgen, wie es der Tiefenpsychologe Dr. Moritz Düsterhaupt bereits 1986 in seinem Buch „Das neue Zeitalter ist noch immer nicht gekommen“ formulierte, die, ich zitiere, „eine neue Kultur der Wahrhaftigkeit zur Maxime jedes Individuums erheben, das verantwortungsvoll im Sinne der Idee einer emanzipierten Glücksgesellschaft zu handeln gewillt ist“?

STENZL: Na dann verfolgen sie mal schön. Ich bitte Sie: schon wieder so ein unsägliches Postulat von einem dieser impotenten Koryphäen, die ihren gottverdammten Schmarrn nicht mal anständig ins eigene Hirn ejakulieren können! Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die dadaistische Verschwörung unsere Welt in eine Fakefabrik umfunktioniert hat, unumkehrbar, in eine alternativlose Irrenanstalt voller Experten, die allesamt den gleichen maroden Arsch lecken dürfen, der ihnen aufs Maul gedrückt wird? Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die Welt eine Filmkulisse ist und alles, was in ihr passiert, zum größten und idiotischsten Bunuel-Film gehört, der je gedreht wurde? Gedreht von einem Syndikat von Bunuel-Epigonen, die Tag und Nacht damit beschäftigt sind, diesen Film mit sämtlichem prätentiösen Schwachsinn zu versorgen, dem sich ein Bunuel jemals in seinen Traumdelirien ausgesetzt gesehen hat.

Aber, Herr Professor, schon ein Buddha betrachtete doch, wie es die Religionsphilosophin Lou-Hildegard von Mortius in ihrem bezaubernden Buch „Aurora am östlichen Fenster“ so schön ausgedrückt hat, die Welt als einen „Mayatanz, ein Konglomerat von Illusionen, die es durch vollkommenes Ignorieren zu entzaubern gilt.“

STENZL: Ei, das Kätzchen Maya, wie possierlich! Sollte Ihnen tatsächlich entgangen sein, dass sich die Voraussetzungen des Bewusstseins seit Buddha fundamental verändert haben? Wollen Sie mir weismachen, Sie hätten den Buddhismus – ich sollte wohl besser sagen: die Buddhismen nicht klar als weitere Ausgeburten des globalen Fakebewusstseins erkannt? Das ist doch eines der prägnantesten Phänomene des surrealistischen Dadaismus: allerorten sind Vertreter auf dem Plan, die alles und jedes als Fata Morgana verwerfen – mit Ausnahme natürlich dessen, was sie selbst zu vertreten vorgeben. Und die total durchgefakten Weltbewohner sind außerstande zu erkennen, dass sich ihre Wahrheitsidole als die dümmlichsten Provinzkabarettisten permanent selbst entlarven. Die haben mit ihrem Mayagejaule unsere arme Lou-Hildegard Mortius schließlich dermaßen durcheinander gebracht, dass sie sich, kurz nach der Niederschrift ihrer Aurora-Vision, aus dem Fenster gestürzt hat – allerdings nicht dem östlichen, sondern dem Gustav Meyrink zufolge eigentlich zu ignorierenden westlichen Fenster. Ich habe übrigens daraufhin für Vorfälle dieser Art den Terminus „spiritusive Mortius-Fehlsteuerung“ geprägt, zuerst formuliert 1999 in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift H e k a t h e n e , die übrigens die einzige Ausgabe war, welche die Investition von seinerzeit 12 Mark 80 pro Heft jemals wert gewesen ist – da in ihr mit meinem Artikel ausnahmsweise n i c h t der übliche philosophische Dünnschiss präsentiert wurde.

Aber es kann doch nicht alles nur Lügentheater sein. Es mag nur selten vorkommen, aber manchmal findet sich doch auch ein authentischer, ein wahrhaftiger Mensch, der in der Lage ist, unseren Glauben an eine fakefreie, eine wesentliche Welt neu zu entfachen.

STENZL: Ach wirklich – findet er sich? Dann wird er sich bestimmt schnell versteckt haben, damit Sie ihn nicht auch noch finden. Denn wenn er sich gefunden hat, weiß er ja, wie es wirklich ist. Und er möchte keinen Jungen weinen sehen. Schauen Sie sich doch mal die Wahrheits- und Weisheitsexperten an, die sich gegenseitig auf die Füße treten, um sich, nach dem obligatorischen dritten Auge auf der Stirn, ein viertes, hühnerartiges an den Füßen zu verschaffen. Und wer hat uns diese Bescherung eingebrockt? Kein Größerer als unser aller, nicht etwa Werte-UMwerter, wie er getönt hatte, sondern bloß ENTwerter Nietzsche. Geheimwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge erschien ihm Gott als siebenköpfige Wasserschlange, worauf es unserem Sichelphilosophen beliebte, ihr die Köpfe abzuschlagen. Noch während er den Tod Gottes propagierte, waren dem Reptil die Köpfe nicht nur wieder vollständig nachgewachsen; aus jedem abgeschlagenen Kopf wuchsen sogleich neue Köpfe hervor, die wiederum selbst unentwegt weitere Köpfe ausbrüteten; was im Laufe der Zeit dazu geführt hat, dass sich nunmehr jeder Hohlkopf als Gott deklarieren darf. Gott ist nicht tot – er ist ein Witz! Vielmehr eine unabsehbare Parade dermaßen schlechter Witze, dass allenfalls die schlimmsten Idioten darüber lachen können. Von denen es allerdings inzwischen unglaublich viele gibt.

Aber ist denn nicht das homerische Lachen der wahren Götter, das sich so treffend in Hesses „Steppenwolf“ beschrieben findet, im Grunde das einzige Mittel, die „Uneigentlichkeit des Weltbetriebes“, wie es der Philosoph Konradt Magenstein 1947 in seinem Werk „Der philosophische Notfallhelfer“ formuliert hat, zum „urgrundverhaftenden Schweigen“ zu bringen?

STENZL: Sagen Sie mal, junger Mann, wie alt sind Sie eigentlich? Warten Sie, lassen Sie mich schätzen: dämliche 30, oder? Habe ich mir doch gedacht. Dieses kluge Gefasel von absoluter Ahnungslosigkeit ist typisch für Vertreter Ihrer Generation. Selbst einem Hilfsschüler wäre zu meiner Zeit klar gewesen, dass Hesse, als er den Steppenwolf schrieb, geistig umnachtet, und Magenstein ein Trottel gewesen ist, wie übrigens fast alle Philosophen – die übrigens nicht erst seit Nietzsche regelmäßig einer zumindest geistigen Syphilis anheim zu fallen pflegen. Was ist denn jetzt los – heulen Sie etwa? Um Gottes Willen, wischen Sie sich das Gesicht doch nicht mit dem Ärmel ab, Sie versauen mir noch die Sessellehne, der Stoff ist unglaublich empfindlich! Nehmen Sie gefälligst die Taschentücher hier. Sie haben doch gewusst, dass ich meine Ansichten ehrlich und direkt zu äußern pflege, ohne Sperenzien. Ich habe das immer so gehalten und daran wird sich nichts ändern. Sie müssen sich das nicht so zu Herzen nehmen. Sie können ja nichts dafür, dass Sie einer erschütternd beschränkten Generation angehören. Überdies erinnern Sie mich an meinen Sohn. Der ist nach seiner letzten Koma-Revival-Sauferei nicht mehr vollständig aufgewacht. Wobei – richtig wach ist er eigentlich nie gewesen.

Entschuldigen Sie bitte, Herr Professor, es war nicht meine Absicht, mich gehen zu lassen. Aber nach Ihren letzten Ausführungen hat mich einfach ein Gefühl von absoluter Hoffnungslosigkeit überwältigt. Wenn die fakeversessenen Folgen der surrealistisch-dadaistischen Verschwörung, wie Sie sagen, unumkehrbar sind, was bleibt dann einem nach Wahrhaftigkeit strebenden Menschen, zumal wenn er noch jung ist und nach Perspektiven für ein sinnvolles Dasein verlangt, was bleibt so einem Menschen, frage ich, überhaupt noch zu tun, als sich unumkehrbar ins Koma zu saufen?

STENZL: Gratulation! Von all den Fragen, die Sie mir bisher zu stellen beliebten, ist dies die erste wirklich sinnvolle. Sie schreiben Gedichte?

J-ja, und gelegentlich Kurzprosa. Woher wissen Sie . . . ?

STENZL: Sie sehen mir absolut nicht wie eines jener heutzutage äußerst seltenen Exemplare unserer Gesellschaft aus, die es über sich bringen, k e i n e Gedichte und Kurzprosa zu schreiben. Sie reimen dann wohl auch?

Inzwischen schon. Mein großer Inspirator ist Rüdiger Wolkenbart, durch den der Reim derzeit eine ungeheure Renaissance erlebt. Es ist, wie der Literaturkritiker Klaus-Enzo Bretthammer sagt, als ob die „Lyrik endlich wieder zu ihren musikalischen Quellen zurückgeführt“ worden ist.

STENZL: Gewiss, gewiss. Alle wollen heutzutage schreiben wie Rüdiger Wolkenbart.

Zufällig habe ich ein selbstgedrucktes Exemplar meiner aktuellen Texte dabei. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie so freundlich wären . . .

STENZL: Um Gottes Willen, nein! Sie wissen doch, dass ich ehrlich und direkt bin. Ich möchte keine Überschwemmung in meiner Wohnung hervorrufen oder Sie gar noch zu einem finalen Koma-Revival-Besäufnis animieren. Aber Sie gefallen mir. Wissen Sie was? Ich schenke Ihnen den Rüdiger Wolkenbart.

Ihn mir schenken? Aber ich habe sein Buch doch schon. Oder gibt es außer seinem „Stolzgewitter“ inzwischen noch ein weiteres Werk? Darüber müsste ich aber eigentlich –

STENZL: Sie haben mich falsch verstanden. Wenn Ihnen diese Identität so gut gefällt – übernehmen Sie sie. Veröffentlichen S i e Ihre Gedichte unter dem Namen Rüdiger Wolkenbart!

Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich habe keine Ahnung, wovon Sie gerade sprechen!

STENZL: Dann sind Sie offenbar noch schwerer von Begriff, als ich bereits angenommen habe. Überlegen Sie doch mal: Wäre ich in der Lage, Ihnen diesen Namen anzubieten, wenn ich nicht urheberrechtlich über ihn verfügen könnte? Na also. Doch ich werde wohl nicht umhin können, Sie darüber aufzuklären, wie es zu der Wolkenbart-Geschichte gekommen ist: Mein ältester Freund hatte mir vor gut einem Jahr, während einer unserer regelmäßigen Abendessen bei unserem favorisierten Italiener, mitgeteilt, ein Manuskript an den renommierten Lyrakus-Verlag verschickt zu haben. Nun schreibt dieser Mensch ausgezeichnete Gedichte, die aber nicht nur für den normalen Leser weitgehend unverständlich sind. Ich habe dann in einem Anfall von Champagnerlaune mit meinem Freund gewettet, dass es mir gelänge, in diesem Verlag einen Gedichtband herauszubringen, während er noch auf irgendeinen Hinweis darauf warten würde, dass sein Manuskript nicht gleich nach der Ankunft im Mülleimer gelandet sei. Ich sah mich also gezwungen, innerhalb einer Woche eine Reihe von Gedichten herunter zu schreiben, in der Art von „fast noch junger, empathisch-genialischer Rilkullikus reimt sich, in Hinwendung zu seinem inneren Orpheus, tiefschürfend sein ökologisches Welt-und-Selbstverhältnis zusammen“. Was letztlich leider dazu geführt hat, dass die Abendessen mit meinem ältesten Freund nun nicht mehr stattfinden. Der Rest der Geschichte ist ihnen ja bekannt.

Mein Gott, Sie sind Rüdiger Wolkenbart? Jeder Lyriker träumt davon, in dem legendären Lyrakus-Verlag zu publizieren – und Ihnen ist das gelungen! Herr Professor, Sie gehören zur absoluten Elite der Poesie! Wie sollte ich mich imstande sehen, Texte zu verfassen, die dem von Ihnen vorgegebenen Niveau entsprechen können!

STENZL: Sie unterschätzen sich, junger Mann. Sie sind doch ein tüchtiges Kerlchen. Sicher, die Wolkenbart-Gedichte sind unglaublich schlecht. Aber warum sollte es Ihnen nicht gelingen, sogar noch schlechtere Gedichte zu schreiben, denen folglich noch größerer Erfolg zuteil wird. Mein Gott, wer weiß: vielleicht will ich in meiner Dadaversessenheit nicht wahrhaben, dass in meinen Wolkenbart-Gedichten, wie die reizende, wenngleich ziemlich mittelmäßige Schweizer Autorin und Literaturkritikerin Tamara Zwüngli behauptet, die „nach Rilke nicht mehr für möglich gehaltene Wiederauferstehung der orpheusischen Seele“ zu feiern ist! Für mich ist der Spaß jedenfalls vorbei. Jetzt sind Sie dran: werden Sie mein Nachfolger! Schreiben Sie sich einfach hinter die Ohren, was der unvergleichliche Johnny Morschalk verkündet hat, der – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – vom Literaturwissenschaftler Ignatius Bleihuber als der „Heine unter den Spät-Postdadaisten“ charakterisiert worden ist: „Wir müssen dichten! / Nur das ist richtig / Mama-machen wir die Schweine-, / Ja, die Schweinewanzen nichtig. / Dichten und verdichten wir: / Den Blues. Und zwar mit Musen. / Wir müssen dichten, permanent, / Wir Bluesen und Bluesusen. / Ab ins Bett und frisch gepredigt – / Sonst sind wir nicht verloren nur, / Wir sind dann auch erledigt!“

Gott, das ist ja großartig! Geradezu fulminant! Diesen Johnny – wie hieß er noch gleich? Johnny Morschalk? Den kannte ich noch gar nicht! Aber, ja also, ich meine, wenn, lieber Herr Professor, wenn also Ignorieren zwecklos ist und Widerstand Torheit, wie Sie in Ihrem bereits erwähnten Buch „Fakeversessen – fakevergessen: die Weltverschwörung des Dadaismus“ sagen – heißt das nicht in letzter Konsequenz, dass wir die Surrealität auf Teufel komm raus zu bestätigen haben?

STENZL: Ganz genau, mein Junge: feiern wir die ewige Wiederkehr der gleichen Witzfiguren, erbarmungslos, bis ihnen übel davon wird! Ecce Anti-Ego! Wir sind die Stimme des verblödeten Schicksals. Wir deklarieren das debile Verhängnis. Treiben wir die Illusion der fakebedingten Alternativlosigkeit bis an den Nabel unserer Euphoriedekadenz, deren Wesen der Wahnwitz der Verzweiflung ist. Dann, aber erst und nur dann, haben wir uns das Recht erarbeitet, zusammenzubrechen. Erst dann dürfen Sie, mein Junge, vorbehaltlos dem nachgeben, was offenbar Ihre eigentliche Berufung darstellt: dem Drang zu weinen, hemmungslos, unerbittlich. Dann weinen Sie, bis alles emotionale Wasser aus Ihnen herausgeströmt ist, weinen Sie, bis Sie nurmehr stieren Blicks im Sessel sitzen, nichts mehr erkennen und nicht mehr erkannt werden und Ihre Mama sich einbildet, Sie wieder für sich zu haben, ganz für sich, bis in alle Ewigkeit.

Und dann bin ich der dadaistischen Surrealität und damit jeglichem Einfluss der Fakefabrik…

STENZL: …entronnen! Fundamental. Sie können sich darauf verlassen. Sie sind einfach verschwunden. Und keine Schweinewanze dieser Welt wird Sie jemals finden können.

Herr Professor Doktor Stenzl, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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