Der Rattenkönig

Von Michael Wiedorn

Eine Steintreppe führt abwärts in den Untergrund. Die tiefsten Stufen sind in schwarze Wasser getaucht. Grüne Kacheln. Eine flaschengrüne Stahltüre. Die Gewölbe sind von Moospelzen überwuchert. Fern aus dem Hintergrund strahlt klammes Licht. Das Wasser glitzert. Das tote Gewässer fault wie alte Eier. Eine nasse, haarige Ratte putzt sich mit roten Pfötchen die Schnauze. Die Barthaare stehen ab. Ein kämpferisch pulsierendes Haarknäuel. Plötzlich löst es sich laut quiekend auf und einzelne Tiere fliehen zum Licht. Eine riesige, schwarze Gummihand zuckt blutend zurück. Ein Arbeiter schreit mit dröhnender Stimme „Scheiße“ und reißt den Handschuh von seiner Pranke und blickt erstaunt auf seinen blutenden Finger. Das Nagetier unterbricht erstaunt seine Putzarbeit und sieht belustigt den verwundeten Mann an und nimmt dann ihr Werk wieder auf. Der Junge in hüfthohen Stiefeln – seine Fresse ganz braun und verkrustet von Schlamm – lächelt sie an. Sie lächelt zurück und springt fröhlich davon. Sie erreicht mit Mühe das rasende Rudel. Die Viecher rennen ihre Bahn wie Rennläufer im Stadion. Sie bleiben immer zusammen und pressen sich aneinander und bilden dann ein großes, rätselhaftes Tier mit unzähligen, kleinen Zähnchen. Jeder soll ruhig reingreifen und sein blaues Wunder erleben. Immer neue Ratten aus allen Richtungen stoßen zum Rudel. Es nährt sich und wird immer unbesiegbarer. Die Ratte von eben steht wieder da und ist um ein Vielfaches angewachsen. Der Arbeiter traut seinen Augen nicht. Er ist ganz verwirrt. Sie glotzt ihn an. Er wird hart.
Bei Sonnenaufgang steht die Stadt unter Wasser. Der Himmel ist giftgrün. Der Schlamm ist tödlich grau. Menschen stehen und lungern reglos in der Gegend herum. Sie sind von Krusten feuchter Erde überzogen. Nehmen sie Urlaub von ihrer Grabesruhe? Sie sind so altmodisch bekleidet. Sie sind aus der Erde heraus geschwemmt worden. Es klaffen große, schwarze Erdlöcher auf. An den Rändern bewegen sich pulsierende Haarknäuel vorwärts wie lebendig gewordene Perücken. Von welchen Köpfen sind diese Haartrachten entflohen? Sie quieken und zwitschern fröhlich. Die Frisur eines Menschen beginnt spitze Geräusche von sich zu geben, fällt zu Boden und rennt wie verrückt davon. Einige Haarbüschel kriechen an den starren Menschen hoch und beißen sich mit ihren scharfen Zähnchen ins fremde Fleisch. Trotzdem fließt aus dem grauen Fleisch kein Blut. Klitzekleine, belustigte Äuglein blitzen bisweilen zwischen den Haaren auf. Manche Haarbüschel lösen sich schlagartig auf. Die Stadt ist lautlos. Sie hat ausgeatmet. Jetzt wird alles von der vergifteten Luft verzehrt. Aus Bussen und Autos blicken schreckstarre Fahrgäste. Bleiche Gesichter. Auf den Fensterscheiben kriechen nasse Ratten in Klumpen herum und verschließen den Ausblick aus den Fahrzeugen nach draußen. Die feucht beschlagenen Scheiben sind mit Speichel überzogen. Alles ist mit giftigem Schleim überzogen. Etwas Dunkles flitzt in ein Erdloch zurück.

© 2021 Michael Wiedorn
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