Eintauchen nach unten

Von Michael Wiedorn

Das Zimmer ist von schweren Vorhängen abgedunkelt. Im matten Nachmittagslicht erkennt man die schweren Gründerzeitmöbel und das Bett mit dem reglos in den Kissen liegenden Körper. Ein alter, zur Leblosigkeit erstarrter Männerkörper. Ein gespenstisch bleiches, ausdrucksloses Gesicht mit offen gebliebenem Mund. Ein schweres Schnaufen durchdröhnt die Stille des Raumes. Ein Fisch am trocknen Strand japst verzweifelt nach etwas Luft. Der liegende Leib ist doch nicht so reglos. Jeder Atemzug wird mit zermürbender Mühe aus den Lungenflügeln gepresst bis das Körperinnere blutet. In gleichmäßigem Rhythmus hebt und senkt sich der Brustkorb. Das Atemherauszerren artet oft in ein Jaulen und Pfeifen aus. Das Fieber lässt die Säfte des Kranken wie Wasser im Teekessel kochen. Das Licht des späten Nachmittags versinkt langsam und stetig in das Dunkel des Abends.
Der Alte im Bett hat viele Lebensjahre hinter sich. Lichtdurchflutete Stunden in Werkhallen, das Sonnenlicht an sommerlichen Stränden. Er war jung und stark und blickte hoffnungsvoll in die weite Zukunft seines Lebens. Das mühevolle Atemholen verwandelt den Kranken in einen wild keuchenden Wolf und zerreißt in stoßartige Anfälle. Ein verzweifeltes Raubtier tritt aus dem Greisenkörper. Das gleichmäßige Auf- und Abwogen des Meeres wiederholt sich in gleichmäßiger Ruhe und zieht den Lauschenden am Strand in den Sog milder Träume. Einfach sich fallen lassen! Einfach sich dem Rhythmus hingeben und niemand wird zerrissen und verschluckt.
Schläge und krachende Blitze zerfetzen das Gleichmaß. Der Kranke kriegt keine Luft und ringt und windet sich in panischer Angst. Ein kämpfender Fisch auf knochentrockenem Sand oder Stein. Das Tierische wird in leblosen Stein erstarren. Der Körper des Alten verliert seine Starre und Reglosigkeit, als würde der Todesschmerz das Leben zur Bewegung hetzen. Die bisher auf dem Laken ruhenden Hände zittern rastlos, als würden sie Elektroschocks erschüttern. Können Elektroströme Tote zu einem kurzen Leben wieder erwecken? Der Rumpf bäumt sich mit einem schlagartigen Aufblitzen auf. Woher kommt diese Energie, die den sonst steifen Rücken sekundenlang vom Bett hoch reißt, die tief aus dem Erdinneren heraus die sanft träumenden Wogen zu einem über das Meer jagenden und an den Ufern alles ermordenden Hass verwandelt?
Eine brüchige Frauenstimme ruft: „Hörst Du mich? Hörst Du mich noch?“ Sie steht allein aufrecht am Bett. Das Zimmer ist dunkel. Das Licht eines an dem Haus vorbeifahrenden Autos taucht ihr altes Gesicht in ein fahles Flackern.
Das Atmen zwischen den Laken verstummt. Verwandeln sich Fleisch und Knochen in feucht klebrige Würmer, die fruchtbare Erde beleben oder verwandeln sie sich in einen flatternden Vogel, der in den Abendhimmel fliegt? Die lebendigen Zellen erstarren zu Staub und Stein.

© 2021 Michael Wiedorn
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