ELTERNGESCHICHTE (Autobiographisches im Zeitraffer)

Von Anna B.

Der Tod rast mir wie ein Zug mit 280 km/h entgegen. Im Zug sitzt meine Mutter, sie will mich zu sich holen. Ich will aber noch nicht. Meine Mutter wurde vor 110 Jahren geboren, vor 70 Jahren hat sie mich zur Welt gebracht, vor 30 Jahren ist sie gestorben. Warum denke ich so oft an sie? Wir liebten einander nicht heiß.
Unehelich in Berlin geboren; ob Produkt eines Liebesaktes oder einer Vergewaltigung blieb ein Geheimnis meiner Oma, der Vater wurde verschwiegen.
Klein Elfi hatte einen Herzfehler, spielte wenig, turnte nie, anstatt dessen las sie viel, liebte die Klassiker und Morgenstern, lernte Gedichte auswendig. Das Lyzeum beendete sie aber nicht, sie wurde Postfräulein. Der Bruder einer Freundin beeindruckte sie sehr. Alfred war ein Linker, studierte Marx und Engels, wollte sich den Sozialisten oder Kommunisten anschließen. Die revolutionären Ideen zur radikalen Umwälzung der Weltordnung faszinierten Elfi. Da tauchte ein Student aus Wien auf, Elfi und Karl wurden ein Liebespaar. Elfis Leben wird sich von nun an um diesen Menschen drehen. Nach Hitlers Machtergreifung arbeiten beide in der Illegalität gegen die Nazis. Sie waren sicher, der Horror würde nicht lange dauern und die Weltrevolution wird siegen. Karl war 1934 nach Wien gefahren und verteilte Flugblätter auf der Floridsdorfer Brücke, er wurde verhaftet, kam durch den Einfluss seines Vaters wieder frei und reiste nach Berlin zurück. Sein Cousin sagte später zu mir: „Dein Vater war ein unverbesserlicher idealistischer Träumer. Fast wäre er erschossen worden, er hatte aber Glück.“ Fast wäre ich also niemals gezeugt worden.
Mein Vater hatte sein Jura-Studium in Berlin abgeschlossen, sollte Anwalt werden, jedoch wurde gegen ihn als Halbjuden Berufsverbot verhängt. Er ging zurück nach Wien, Elfi folgte ihm bald.
Mein Großvater hatte in Wien einen Ariernachweis erkauft und galt als Halbjude und war durch die Ehe mit einer Arierin geschützt. Mein Vater wurde damit für die Nazis zum Vierteljuden. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Er schrieb seiner Mutter aus Frankreich nach Wien: „Mein liebes Mütterlein, ich bin sicher bald wieder zu Hause.“ Sie sah ihn nie wieder, sie starb 1946; damals galt mein Vater als vermisst. Er war in Russland gefangen genommen worden oder desertiert. Jedenfalls gab es Jahre lang keine Nachricht. Später schrieb er: „Ich fiel dem Feind freudig in die Hände“. Karl und Elfi hatten sich via Fernhochzeit zu Weihnachten 1940 vermählt. Während des Krieges war Elfi nicht politisch aktiv, dem Kommunismus aber innerlich treu. Als ihr Mann als vermisst gemeldet wurde, begann sie ein Tagebuch zu führen mit imaginären Briefen an Karl. Darin steht nichts interessantes, lauter Belanglosigkeiten über den schwierigen Kriegsalltag in Wien. Als der Krieg zu Ende ging, Karl noch immer kein Zeichen von sich gab, traf sie einen sehr sensiblen Mann, einen Dichter, der sie zärtlich tröstete. 1947 kam Karl in einem Güterzug in Frankfurt a.d. Oder an, bewegungslos durch Kinderlähmung, verdreckt und halb verhungert. Meine Oma aus Berlin wurde verständigt und sie organisierte alles Notwendige. Karl wurde nach Wien gebracht und unter ärztlicher Betreuung so weit wie möglich aufgepäppelt. Elfi entwickelte sich zu seiner Krankenschwester. Ihre Dichteraffaire gab sie sofort auf. Mein Vater konnte nicht selbständig essen, aber sein Geschlechtsorgan war in Takt. Ich wurde nach drei Jahren Pflege gezeugt. Ein Jahr später starb mein Großvater, einige Monate danach bekam ich einen Bruder. Meine Eltern waren inzwischen auf das Gut meines Großvaters gezogen. Wir lebten in einem Schloss in Kärnten. Meine Mutter wurde sozusagen Schlossherrin, organisierte alles, führte die Bücher, verhandelte mit Pächtern und Mietern. Ohne diese Einnahmen hätte das Gut nicht gehalten werden können. Sie war aber auch Sekretärin meines Vaters. Er diktierte ihr täglich Texte für verschiedene Publikationen der Kommunistischen Partei. Genossen aus Wien kamen manchmal auf Besuch. Dieses schizophrene Leben, Gutsherr und Kommunist war meinem Vater unangenehm, aber durch seine Lähmung konnte er keinem normalen Beruf nachgehen, die Arbeit für die KPÖ brachte höchstens ein Taschengeld. Meiner Mutter gefiel das Leben im Schloss mit Blick auf die Berge. Schließlich musste aber doch alles verkauft werden. Meine Eltern borgten einem Cousin meines Vaters die Hälfte des Vermögens, damit er eine kleine Strickfabrik aufbauen kann. Das ging total schief. Der Cousin verdiente keinen Groschen mit der Strickware und konnte keinen Groschen zurückzahlen. Meinem Vater war das nicht so wichtig. Er wollte nur ein angenehmes Heim und genug Geld, um seine Familie zu ernähren und seinen Kindern eine gute Bildung bieten. Das nächste Heim war eine Villa mit Garten in der Nähe von Wien. Es kamen jetzt öfter Genossen auf Besuch, mein Vater arbeitete fleißig weiter an Publikationen der KPÖ. Das Geld ging zu Ende und ein weiterer Umzug wurde notwendig. Die Familie landete in einem Provinzort mit Schulen für die Kinder. Ein bescheidenes Häuschen mit Garten diente als Unterkunft. Meinen Vater quälten die Sorgen um den Kommunismus und seine finanzielle Lage, meine Mutter wurde nervös und kränkelnd. Nach einem Jahr erlag mein Vater einem Herzinfarkt. Meine Mutter wurde zur gebrochenen Frau, kraftlos, lebensmüde, verbittert. Sie vegetierte zunächst dahin, nach einiger Zeit begann sie in der nächsten Stadt bei der „Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft“ zu arbeiten, lebte zurückgezogen mit Büchern, Patiencen-Legen und Fernsehen. Manchmal ging sie spazieren. Von der tröstenden Schokolade wurde sie dick. Nach einigen Jahren kontaktierte sie eine Anwältin, eine alte Genossin, die ihr half eine Wiedergutmachung für das Berufsverbot meines Vaters zu erhalten. Elfi bekam eine anständige Witwenpension aus Deutschland, wir Kinder eine Halbwaisenrente. Wir blieben in dem Kaff bis zu meiner Matura. Dann mietete meine Mutter endlich eine Wohnung in Wien und verkaufte das Häuschen um ein Spottgeld. Der Kommunismus war nur mehr ein Schatten in ihrem Hirn. Nach dem Einmarsch der Sowjets in die CSSR 1968 zahlte sie keinen Mitgliedsbeitrag mehr an die KPÖ. Auch in Wien lebte sie ziemlich abgeschieden und verkroch sich in ihre Bücher. Elfi wurde noch dicker und bekam Diabetes. Ihre Gedankenwelt war wieder bei den Klassikern und bei Morgenstern. Als die DDR 1989 zusammen gebrochen war, weinte sie voller Selbstmitleid. Sie war eine alte ganz normale einsame Bürgerin geworden, deren Illusionen und Träume zerplatzt waren. Ein Jahr nach der Wende verließ sie diese Welt für immer.

Februar 2021

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