Es gibt nichts zu sagen

Von Michael Wiedorn

Meine Mutter war stumm. Sie redete und redete. Es gab nichts zu reden. Über das Wetter, Schlagerstars haben geheiratet oder sich scheiden lassen. Ich hörte nicht zu. Ich habe gelernt, mit offenen Ohren Wörter als leeres Rauschen an meinen Ohren vorbei rauschen zu lassen. Das dichte Grün der Sümpfe um unser Haus. In unserem Haus war es gefährlich, sich allzu sehr in die Tiefe der Zimmer zu verlieren. Die wachsenden Schatten drohten mich zu verschlucken. Ich sprach nichts. Ich wusste nicht, wie ich aus dem Wirrwarr von Wörtern und Satzbrocken, die meine Hirnwindungen durchzogen, ganze Sätze bilden sollte. Ich war unfähig sie zu fassen. Sie entglitten mir wie glitschige Fische. Ich war unruhig. Es flackerte mir durch den Kopf. Die Stummheit schloss mich ein. Das undurchdringliche Grün des Sumpfes verfärbte sich rot. Rot wie der Hass. Wellen kamen auf. Das Blut kam aus dem Fleisch auf dem Grunde des Sumpfes. Stumm und still saß ich am Tisch. Als Kind war ich immer müde. Wenn ich meiner Müdigkeit nachgegeben hätte, hätte ich meine Kindheit im Bett verbracht. Leute, die uns besuchten, was fast nie geschah, lobten mich. „Das Kind ist anders als andere Kinder. Wir haben noch nie ein solches Kind gesehen – so weise und klug.“ Ich war weiß und bleich und die Haut spannte sich direkt über den Knochen. Müde lag ich im Bett und meine Mutter redete und redete. Die Schatten verdichteten sich in der einbrechenden Dämmerung wie auf einem verlassenen Friedhof. Weiß und bleich und als geschlechtsloser Greis auf die Welt gekommen. Verfault stank der Sumpf. Meine Mutter schwieg. Sie empfing mich. Der Schlamm saugte immer tiefer – immer tiefer. Das dichte Grün war lautlos und nahm mir das Leben. Ohne Sprache und deshalb ohne Gesicht. Ich versank immer tiefer in Schlick und Brutwasser. Sie empfing mich ohne Mann. Ich stach zu und der Bauch blutete.
Mittags gab es Rinderbraten. Die aufgerissenen Eingeweide der Kuh bluteten. Die Morgensonne überstrahlte das Zimmer. Das Radio dröhnte. Charles Aznavour, Heino, Udo Jürgens. Meine Gebärerin plapperte vor sich hin. Sie redete nicht mit mir. Sie redete nicht mit sich selbst. Sie redete. Es war Alltag, grauester Alltag. Stechende Schmerzen zersägten mir den Kopf. Ich hatte nicht einmal mehr die Moore und Schatten.

© 2021 Michael Wiedorn
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