Grantler

Von Johannes Morschl

Seid gegrüßt, ihr abgründigen Menschen diversen Geschlechts, die ihr euch heute hierher zur offenen Lesebühne im Dodo verirrt habt. Manche wollen sich ja hier so wie ich mit ihren literarischen Ergüssen zeigen. Meistens kommt sowieso nicht viel dabei heraus und das Publikum wird gegen das Einschlafen ankämpfen müssen, um nicht als unhöflich zu erscheinen. Also wenn ich euch als alter Mann einen Rat geben darf: Lasst das Schreiben sein, es ist eine mühselige Arbeit, die nichts einbringt. Ja, aber da ist der Ehrgeiz gepaart mit Größenwahn, der von falschen Freundinnen und Freunden genährt wird, die einen zum Schreiben ermuntern. In Wirklichkeit wollen sie einen in eine Falle locken, damit man sich in aller Öffentlichkeit blamiert. Es wird ja heutzutage zum allergrößten Teil nur langweiliges Zeug geschrieben, aber was heißt heutzutage, das war eigentlich schon immer so. Bei mir ist es allerdings so, dass ich zu nichts anderem fähig bin als zum Schreiben, und glaubt mir, ich bin mir durchaus bewusst, besser kochen als schreiben zu können, und kochen kann ich so gut wie gar nicht. Aber man will sich ja wichtig machen, will etwas Besonderes sein, redet sich ja ein, man sei ein noch unentdecktes Genie, wobei man gleichzeitig müde ist und langsam verfällt. Diese Müdigkeit ist eine existenzielle Müdigkeit, jedenfalls bei mir. Ich bin der Welt und meiner selbst müde geworden. Ich kann die Sonne nicht mehr ertragen, die mein altes zerfurchtes Gesicht unbarmherzig sichtbar macht und den ganzen Irrsinn dieser Welt grell beleuchtet.

Die meisten Leute freuen sich ja, wenn die Sonne scheint. Ich nicht. Ich bevorzuge die Dunkelheit, die Nacht, aber nicht, weil es im Dunkeln gut munkeln ist. Ich könnte sowieso nur mit mir selbst im Dunkeln munkeln, doch bald hat es sich für mich ausgemunkelt und dann lande ich endlich auf einem Friedhof, wo es still ist, obwohl wer weiß, was da nachts los ist. Vielleicht randalieren die toten Seelen in der Nacht, feiern endlich die Orgien, die sie sich zeitlebens nicht zu feiern getraut haben. Ich würde da als tote Seele sicher nicht mitmachen, habe mich schon bei den wenigen Orgien, an denen ich als junger Mann in meiner Heimatstadt Wien teilnahm, höchst unwohl gefühlt. Nahm nur deshalb daran teil, um nicht unangenehm aufzufallen, denn Orgien gehörten damals in der Szene, in der ich verkehrte, zum guten Ton. War genauso, wie man damals als junger Mann in eine Tanzschule gehen musste. Als 18-Jähriger ging ich auch in eine Tanzschule, war für mich der reinste Albtraum, man kann ohne Übertreibung sagen, sie hat mich traumatisiert. Ich blieb deshalb immer ein Antitänzer. Nur als der Pogo der Punks aufkam, machte mir das Tanzen, soweit man es überhaupt als solches bezeichnen konnte, Spaß, denn da konnte man so wild herum hüpfen, wie man wollte, und andere aus Gaudi anrempeln, von denen man ebenfalls angerempelt wurde. Allerdings wurde es mir irgendwann zu viel, da ich vom Pogo lauter blaue Flecken bekam.

Aber das waren noch andere Zeiten. Da rannten zwar auch eine Menge Idioten im öffentlichen Raum herum, aber es gab noch nicht diese große Anzahl von nicht selten auch bis zum Hals tätowierten Muskelprotze, die wie aufgepumpt aussehen, denen man heutzutage auf der Straße begegnet. Sieht ja grässlich aus. Manche haben noch dazu einen bulligen Köter bei sich. Müssen ja alle ein dickes Problem mit der Männlichkeit haben. Und an die vielen Hunde in Berlin, vom Hosentaschenwaldi bis zum Monsterhund, und die von ihnen hinterlassenen Tretminen, die von so manchen Frauchen und Herrchen nicht wie inzwischen vorgeschrieben entsorgt werden, habe ich mich bis heute nicht gewöhnt. Na gut, das war Ende der 60er-Jahre, als ich von Wien nach Westberlin kam, noch wesentlich schlimmer als heute. Da bin ich gleich am Tag meiner Ankunft in Hundescheiße getreten, die direkt vor dem Bahnhof Zoo lag. Die Berliner haben eindeutig eine Macke mit den Hunden. Allein bei mir im Haus gibt es vier Hunde. Einer von ihnen, ein ziemlich großer alter Hund, muss sich immer mühsam mit heraushängender Zunge die Haustreppe bis in den 4. Stock hoch quälen. Das ist kaum anzuschauen, das ist ja die reinste Tierquälerei, sich so einen großen alten Hund im 4. Stock zu halten. Aber viel schlimmer sind die Kolonnen von Blechkisten auf Rädern, die die Straßen verstopfen und die Luft verpesten. Und dazu noch all die Fahrradchaoten, die mit Vorliebe auf Bürgersteigen fahren. Ist besonders in Kreuzberg eine Plage. Auch nervt mich zurzeit eine schwarze Spinne in der Zimmerecke über meinem Bett. Warum muss die sich ausgerechnet über meinem Bett aufhalten? Dazu noch der Staub auf meinen vielen Büchern, den man vor allem dann sieht, wenn die Sonne in die Wohnung scheint. Fühle mich ja schon zu alt und gebrechlich, um die vielen Bücher zu entstauben. Besitze ja nur Weltliteratur, aber das ist dem Staub völlig egal. Er liegt genauso auf dem Goethe wie auf dem E.T.A. Hoffmann, obwohl der Goethe den Hoffmann gar nicht gemocht hat und dessen Geschichten als „Verrücktheiten eines kranken Gehirns“ abgetan hat. Ich mag aber den Hoffmann lieber als Goethe und Schiller zusammen.

Wie kann man nur so einen aus alpinistischer Sicht gefährlichen Unsinn wie „Über allen Gipfeln ist Ruh“ schreiben? Stamme zwar aus Wien, war aber auch auf so manchem hohen Berg in Österreich. Da pfeift einem am Gipfel der Wind um die Ohren. Im Winter und Frühjahr donnern Schneelawinen herunter und begraben alles unter sich. Oder bei schweren Unwettern, die in den Bergen urplötzlich aufkommen können, kommen Schlammlawinen, Steinschläge und Sturzbäche herunter. Hat schon so manche deutschen Touristen böse erwischt. Sind ja auch leichtsinnig, die deutschen Touristen. Glauben, über allen Gipfeln ist Ruh, hat ja schließlich ihr großer Goethe geschrieben, und gehen ohne feste Bergschuhe und ohne wetterfeste Kleidung in die Berge. Und dann werden sie auf einmal von einem Unwetter überrascht, und mir nichts, dir nichts ist Ruh für sie, aber ewige Ruh. Doch warum rege ich mich so auf? Ist ja sinnlos, die Welt wird sich deshalb nicht ändern. Muss mir ja selbstkritisch eingestehen, dass ich schon selbst zu einem halben Deutschen geworden bin. Kann ja kaum noch richtig Wienerisch sprechen. Um es nicht ganz zu verlernen, höre ich manchmal über YouTube die bösen Lieder des Wiener Urviehs Helmut Qualtinger, wie „I bin a Ringlgschbüübsizza und hob scho sim Weiwa daschlogn“, oder „Auxoffanar untan Gristbam, und die Keazzn brenan“. Oder ich höre die in feinerem Wienerisch verfassten Lieder von Georg Kreisler, wie „Gehn wir Tauben vergiften im Park“, oder „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“. Da wird mir immer gleich so Ach und Weh ums Weana Herz. Aber Heimweh bekomme ich deshalb nicht. Die Heimat ist mir mental zu verbiestert. Thomas Bernhard diagnostizierte diese Mentalität als eine Mixtur aus Katholizismus und Nationalsozialismus, die bis in die Gegenwart überlebt hat.

Wollte eigentlich lieber in Barcelona als in Berlin leben, aber da hätte ich Spanisch und zusätzlich noch Katalanisch lernen müssen, und das Erlernen von Fremdsprachen fiel mir schon immer schwer. Doch das Grab des berühmten Anarchisten Buenaventura Durruti möchte ich unbedingt noch besuchen, bevor ich sterbe. Eine halbe Million Menschen hat an seinem Begräbnis am 23. November 1936 in Barcelona teilgenommen. Na, bei meinem anonymen Urnen-Begräbnis – ein anderes kann ich mir ja nicht leisten – werde ich schon froh sein müssen, wenn überhaupt jemand kommt. Aber wer weiß, vielleicht kommen dann ein paar Hunde und pinkeln auf meine Urne, um mich noch nachträglich zu ärgern. Fühle mich ja bei den Toten wohler als unter den Lebenden. In Wien ging ich öfters auf den Zentralfriedhof, den siebtgrößten Friedhof der Welt. „Es lebe der Zentralfriedhof und olle seine Totn“, hat schon Wolfgang Ambros gesungen. War da am Ehrengrab von Karl Kraus, der zum Glück meine schriftlichen Ergüsse nicht mehr lesen kann, denn wer weiß, was er dazu gesagt hätte. Vielleicht: „Warum schreibt mancher? Weil er nicht genug Charakter hat, nicht zu schreiben.“ Immer wenn mir dieser Spruch von ihm einfällt, fühle ich mich auf frischer Tat ertappt. Aber zurück zu den Friedhöfen. War auch mit einer französischen Freundin am Père Lachaise in Paris. Haben am Grab von Edith Piaf eine Flasche Rotwein geleert. Die Piaf war ja dem Alkohol sehr zugetan, ist an Leberzirrhose gestorben. Und am Grab von Jim Morrison haben wir einen Joint geraucht, so wie es sich dort gehört. In Berlin mag ich die Kirchfriedhöfe am Mehringdamm, wo sich auf dem Friedhof III das Grab von E.T.A. Hoffmann befindet. Nicht weit davon entfernt befindet sich das Grab von Hoffmanns Zechkumpan Adelbert von Chamisso, dem Schlehmil ohne Schatten. Die beiden hatten desöfteren bei Lutter und Wegner am Gendarmenmarkt gesoffen. Da kann es schon vorkommen, dass man seinen Schatten für ein Säckel Geld verkauft, wenn man die Zeche nicht mehr bezahlen kann.

Was mir aber in Berlin immer gefehlt hat, ist ein gemütliches schummriges Wiener Kaffeehaus mit dem dazugehörigen hochnäsigen Kellner. Gehe nur noch selten in ein Lokal, hat vor allem pekuniäre Gründe. Bevorzuge derzeit das Dodo, aber nicht nur weil es ein Kellerlokal ist, wo man vom Sonnenlicht verschont bleibt, sondern auch weil es vom Geist des genialen Grantlers Schopenhauer durchweht ist. Schon wenn ich die Stufen ins Dodo hinabsteige, wird mir bewusst, dass die Welt, wie ich sie wahrnehme, nur in meiner Vorstellung existiert. Zum Glück existiert aber das Bier vom Fass nicht nur in meiner Vorstellung. Es kann einem allerdings im Dodo passieren, dass man so wie heute in eine Leseveranstaltung gerät, bei der Kraut und Rüben durcheinander gelesen wird. Ich frage mich, ob ich zum Kraut oder zu den Rüben gehöre. Ist schwierig zu entscheiden, tendiere aber eher zu den Rüben. Sehe mich als alte Runkelrübe, ungenießbar, zu bitter. So, jetzt reicht‘s aber, bevor ich mich hier noch zu einem Psycho-Striptease hinreißen lasse. Singe zum Abschluss die letzte Strophe des „Hobellieds“ von Ferdinand Raimund mit etwas verändertem Text:

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
und zupft mich: „Brüderl, kumm!“,
da stell‘ ich mich am Anfang taub
und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: „Alter Grantler, du,
mach‘ keine Umständ‘, geh!“,
dann klapp ich meinen Laptop zu
und sag‘ der Welt ade.

© 2021 Johannes Morschl
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