Katzenschreibtag deluxe

Von Madame Pavot

Der Text muss gelingen. Die Frist endet morgen, sie ist meine Nemesis seit magischen sieben Tagen, ich stehe auf, koche hochmotiviert Kaffee, lege eine Schallplatte mit ruhiger instrumentaler Musik auf, alles könnte heute so gut sein, leichter Sommermoment mit lauem Wind und Inspiration, ein Wimpernschlag, eine gute Idee, fliegende Wörter, verrinnende Zeit.
Stattdessen rast Tag für Tag ein weißes, leeres Dokument auf mich zu. Ich starre, bis ich blinzelnd Wellenlinien auf dem Bildschirm sehe. Sie ziehen sich unangenehm, wie Kaugummistunden, wie Biologieunterricht früher, nur, dass ich gedanklich mit mir selbst spreche und wieder nichts zu verstehen scheine. Diesmal bin ich meine eigene Lehrerin. Oder meine eigene Schülerin. Jedenfalls sitze ich heute mit einer imaginären Fünf an einem Tisch.
Ich mache die ruhige Schallplatte wieder aus, dieses angeblich literarisch anmutende Geknarze regt mich plötzlich einfach auf. Glücklicherweise gibt es das Internet mit vielen Katzenvideos. Kurzbeinige Katzen spielen mit rosa Plüschbällchen und schnurren danach beruhigend. Vielleicht schaffe ich es nebenbei, die geblinzelten Wellenlinien zu besiegen. Etwas muss passieren. Miau, miau. Klick.
Ich setze an. Wort für Wort. Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn man nebenbei Katzengeräusche hört.
Am Bahnhof war es kalt und sommerfrüh, sie strich ihren Mantel glatt, während die Züge vorbeiglitten und die Kakophonie des eiligen Gewirrs fast verheißungsvoll surrte. Das Morgengrauen spuckte die Menschen fast ungnädig aus, wie die verlorenen Seelen einer geheimnisvollen Nacht, sie eilten umher, telefonierten in den Geruch von Kaffee und Asphalt, hinein, trieben im Betonmeer hinfort. Sie sehnte sich nach einem reisenden Zuhause, den Stunden unterwegs, der vertrauten Luft, sie war ein Teil der Menge, ein Geräusch von vielen, ein anonymer Großstadtmensch auf der Monotonieflucht. Sie wollte so unbedingt reisen. Fremde Luft atmen. Sich bewegen. Sein.
Ich stocke, schmecke fast den Asphalt und die Monotonie. Sie frisst sich in mich und das Dokument. Dieses Reisen, diese unruhigen Bahnhöfe. Ein zu oft erwähntes Motiv. Langweilig, betoniert, gefällig und einfach monoton.
Das Video wechselt. Eine Nacktkatze mit dünnen Beinchen wird im Schaum gebadet. Sie sieht unbegeistert aus. Die Besitzerin schäumt sie ein und putzt danach beharrlich ihre Ohren mit einem langen Wattestäbcheen. Aii, aii, murmelt sie beruhigend. Die Katze faucht. Ich fühle mit. Welches stolze Raubtier will schon gebadet und geputzt werden. Eigentlich ist das zum Kotzen. Mit dem Hintergrundfauchen beginne ich neu.
Ich liege in der Kotze. Bis zum Kühlschrank ist es noch weit.
Ich strecke meine Hände aus, aus meinen Fingern werden kleine Spinnen, die viele Beinchen bewegen. Spinne um Spinne versuche ich zu bewirken, dass sie in die richtige Richtung krabbeln. Im Kühlschrank ist Rosenkohl, er sagte mir vorher ein freundliches Hallo, vielleicht versteht er. Ich spinne mich. Beinchen um Beinchen. Vera ist weg, sie wollte lieber die Welt entdecken und die Farm in Australien aufbauen, da war kein Platz für mich. Soll sie doch die Wombats hüten. Im Zoo habe ich gelernt, dass Wombats beißen. Hoffentlich hat sie ein Ohr, wenn sie zurückkommt. Dann kann sie sich Vera Van Gogh nennen und Sonnenblumenwombats malen. Bis dahin schaffe ich es zum Kühlschrank. Der Blumenkohl wird mich trösten. Die Spinnen sind noch da. Kurzzeitig finde ich mich ganz witzig, aber das Bier singt traurige, ganz alte Lieder in meinem Magen. No more shall we part. Ich warte und nehme noch einen Schluck. Auf dem Couchtisch steht der Teller. Ich krieche zurück und schniefe im Zickzack. Meine Pupillen spiegeln sich im Silberteller, sie sind verzerrt. Zum Teufel mit Wombatvera. Ich senke den Kopf auf die kalte Tischplatte
Mein Kaffee ist für einen Schluck zu kalt. Im Textabschnitt sind sowieso zu viele Drogen, gemischt mit diesem belanglosen Bier. Die Uhr an meiner einsamen Wand tickt Deadlines. Draußen ist Sommer mit bedrohlichem Novembergeschmack, weil mein Kopf wieder ein soo buchstabenleerer Ort ist. Ein weites Feld.
Auf der Bank vor unserem Feld saß eine große Krähe. Der Novemberhimmel breitete sich aus, die Mohnblumen waren Erinnerungen aus einer fernen Zeit. Ich sah nach oben in das Grau und sehnte den Regen herbei. Vielleicht würde er das Vergessen lehren, mich reinigen. Nun war der Herbst da, mein Gemüt schwer, wie die Novemberwolken, die Augen ziellos. Das Glück war der Geist einer unbeschwerten Zeit. Ohne Schuld.
Eine Herbstschnulze im Sommer. Das Video wechselt wieder, eine Katze schnurrt vor einem Halloween-Kürbis. Das Internet spioniert mich aus. Vielleicht weiß es einfach, dass ich heute der imaginären Fünf einen kalten Kaffee mache. Ich schlendere zum Kühlschrank, finde immerhin keinen freundlichen Rosenkohl, aber eine Flasche Prosecco. Ich proste mir zu, nehme einen Schluck, spüle den imaginären Asphalt und die Schwere von meiner Zunge. Ich verlasse den Schreibtisch und lasse mir ein Bad ein, mit gefühlten hundert Grad. Vielleicht kocht mir das Wasser einen guten Anfang. Die Muse kommt bestimmt.  Ich mache eine Pause und warte. Noch habe ich zehn Stunden Zeit und tausend Videokatzen.

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