Verseschmied

Von Valérie Baum

Wer ist der Verseschmied, was tut er?
Kann es eine Frau sein, eine Schmiedin?
Er nimmt die Worte und dichtet sie,
durch Weglassen und Dazufinden

Er wirft sie in die Glut und
arbeitet mit dem Hammer
von allen Seiten werden sie
gedroschen gequetscht und abgeklopft

Die Glut nahm er aus seinem Herzen
um dort den Druck zu lindern
er trug sie mit bloßen Händen
an den Ort wo die Schmiede steht

An einer Wegkreuzung mit Blick nach
Osten Westen Norden Süden
mit einem Strauch und keiner Blume
wo frisch der Wind weht und zaust

da steht die Schmiede der Verse
im Freien mitten auf dem Felde
doch einen Unterschied gibt’s zum Eisenschmied
denn Verse werden Tag und Nacht geschmiedet

ob der Verseschmied gesund ist oder krank
immer muss geschmiedet werden
niemals darf die Glut erkalten
die Verse wollen frisch gehämmert sein

Schmieden, immer nur schmieden?
Nein, auch tröpfeln lassen, setzen,
wachsen lassen, gebären, formen
und verwerfen kann man Verse

Sie akzeptieren und stehenlassen
sie aus der Form oder in diese bringen
Verse bauen, basteln, kreieren oder
mühsam aus dem Boden kratzen

Verseschmieden ist eine Arbeit unter vielen
auch Verse wollen in der Welt sein
Sie erzählen, dass frei sein einsam macht
oder was ein Strauch so für ein Leben hat

Sie sagen Dir, was Du schon weißt
aber so noch nicht bedacht hast
Sie geben eine Antwort auf Deine
brennendste Frage, die Dir den Schlaf raubt

Sie sagen: Lebe und sei einsam
ohne Dich einsam zu fühlen
mit Versen sprechen ist so ein anderes Gespräch
so ein universelles

© Valérie Baum
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