Wir nehmen Abschied

Von Michael Wiedorn

Niemand traut sich in die Nähe meines Körpers. Sie meiden die Gegenwart meiner Gestalt. Der Körper zieht uns in den Tod. Alle fürchten mich. „Bitte halten Sie Abstand! Es graut mir vor Ihrem Schweiß, vor Ihrem Speichel. Sie sind dreckiges Vieh und Ihr Kadaver verfällt in einen wimmelnden Fladen winziger Ungeheuer. Unsichtbare Dämonen lösen sich von Ihrem Fleisch, spuken in der Luft herum und erobern mein Innenleben um es zu zerstören“ – brülle ich mir allzu nah gekommenen Mitbürgern zu. Schreien mir die sich nähernden Passanten zu. Die Welt wird von unsichtbaren, dunklen Mächten beherrscht. Elektromagnetische Wellen, Radioaktivität, Bakterien, Viren, Kapitalwerte. Die ungreifbare Kraft des Todes will sich von unseren Lungen und Herzen und Hirnen nähren. Manche Überlebende sind in wenigen Wochen zu jämmerlichen Tattergreisen mutiert. Die Wenigsten haben selbst die von der unheimlichen Macht Besessenen gesehen. Ein Gespenst geht in der Welt um. Gespenster zersetzen das Lebendige.
Eine friedliche, von der Sonne bestrahlte Straße. Der Frühling lässt das grüne Laub leuchten und die Blumen blühen in rot, gelb, blau, lila. Ein Todesfrühling. Wir müssen Abschied nehmen. Jährlich riefen die steigenden Temperaturen die hoffnungsvollen Menschen auf die Straßen und in die Parks. Vor den Cafés standen Tische und Stühle um Gäste zum Verzehr einzuladen. Der Winter war die Zeit des Abgestorbenen und des tötenden Frostes. Der Winter sperrte die Menschen in ihre Häuser. Der Frühlingsanfang war früher eine Befreiung.
Vereinsamung und feindlicher Abstand zum Nächsten werden vielleicht für immer unser zukünftiges Leben prägen. Jeder eine vereiste, in sich versperrte Monade. Der Fortschritt bringt einen wachsenden Verzicht auf Lebendigkeit. Der Andere ist der Todfeind. Wir brauchen Grenzen und Bastionen, die die nagende Zerstörung der Parasiten abwehren. Wer beschützt mich vor dem Fremden? Früher trauerte man über die Vertreibung aus dem Paradies. Im blühenden Garten Eden verschwammen Adam und Eva mit den süßen Gewässern und den sanften Pflanzen in den Wogen der Träume. Die Tage und Jahre verflossen mild ineinander. Man wusste nichts von Tod und Schmerz. Im warmen Tropengarten war niemand einsam.
Die alles zerstückelnde Kälte brach in die Welt. Jeder ist heute ein in sich eingesperrtes Bruchstück. Die schwere Trauer des Abschiedes. Blei liegt mir auf der Brust. Der zur Einzelhaft Verurteilte wird in Zukunft zwischen seinen steinernen Mauern die Stunden abwarten und er wird die Außenwelt als geisterhafte Filmbilder auf Monitoren betrachten. Die Stimmen fleischloser Phantome flüstern. Schizophrene hören Stimmen. Eremiten können sich nicht anstecken. Begegnungen und Berührungen sind schlagartig verschwunden. Ich weiß. Ich weiß. Die Wissenschaft ist allmächtig und allwissend. Wir glauben an sie. Alles wird gut. Nur in wenigen Monaten wird geimpft. In zwei Jahren wird geimpft. Niemals werden wir vom Alb erlöst. Bis dahin müssen alle Lebensregungen stillgelegt werden. Eine auf einen fremden Erdteil geworfene Atombombe würde einen langjährigen, nuklearen Winter auslösen. Die Eiszeit kehrt wieder.
Die Angst vor dem Tod lässt das Leben zum Leichnam erstarren.
Im Winter wird der neue Weltherrscher große Ernten einfahren. In der zunehmenden Kälte. Ich werde meine Wohnungstüre öffnen und eine große Gestalt in einem schneeweißen Schutzanzug wird mir durch eine Maske die Anweisung erteilen schleunigst meine Verbindung zur Außenwelt zu verschließen. Eine weiße Maske. Eine Maske mit Vogelschnabel. Ein Eisvogel breitet seine Flügel aus und verschwindet im nördlichen Himmel. Andere weiße Gestalten tragen auf einer Bahre einen bewusstlosen Greis. Geschlossene Augen ruhen in einem reglosen, kalkbleichen Gesicht. Ist während der kurzen Öffnung der Wohnungstüre die farblose Energie vom Kadaver des Alten auf mich übergesprungen? Röntgenbilder zeigen eine Lunge, einer traurigen Ruine, die von einem bösartigen Weiß ausgewischt ist.
Als Kind blickte ich fieberheiß in die laublose, graue Trostlosigkeit eines schneelosen Februartages. Fiebertage waren Ferientage, an denen mich meine Mutter pflegte und umhegte. Das Fieber tauchte mich in die gierig wartende Dämmerung.

© 2021 Michael Wiedorn
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