Bauernschläue

Von Michael Kothe

In Gedanken winkte er dem Sattelschlepper nach, der gerade vom Hof fuhr. Die beiden Traktoren auf dem Tieflader hatten ihm jahrelang zuverlässig gedient, aber der Anflug von Nostalgie hielt nicht lange an.
Schon nachdem er sich umgedreht hatte, stapfte er zufrieden die matschige Einfahrt zu seinem Wohnhaus zurück. Er rieb sich die Hände. Es war ein gutes Geschäft gewesen. Für seine beiden Ackerschlepper, die nun nach Norddeutschland unterwegs waren, hatte er einen Preis erzielt, der seine Erwartung überstiegen hatte. Der John Deere 6300 und der Fendt aus der 700er-Reihe, beide um die Jahrtausendwende gebaut, hatten sein finanzielles Polster um über 80.000 Euro erhöht.
Der Beifahrer des Sattelschleppers war der Käufer gewesen, er hatte den Betrag in bar beglichen.
Dem gegenüber nahm sich der Kaufpreis für seinen neu erworbenen John Deere 6300 und den in der letzten Woche gekauften Fendt aus der 700er-Reihe, beide um die Jahrtausendwende gebaut, in Höhe von zusammen nicht einmal 20.000 Euro bescheiden aus. Dass beide Fahrzeuge unter schweren Motor- und Getriebeschäden litten, deren Reparaturkosten ein Mehrfaches der Kaufpreise betragen hätten, fiel nicht ins Gewicht. Sie würden in der kommenden Woche geliefert werden. Er würde sie in seine Scheune schleppen, er hatte ja noch seinen kleinen funktionstüchtigen Deutz, mit dem er sie rangieren konnte. Die beiden Neuen würden ohnehin nie auf dem Acker zum Einsatz kommen.
Er hatte an alles gedacht, alles bis ins Kleinste ausgetüftelt.

Dachseder bewirtschaftete einen abgelegenen Hof in Westerndorf, einem Ortsteil von Haimhausen, das sich nördlich von Unterschleißheim an die B13 anschmiegte, wenige Kilometer nur entfernt von der Auffahrt auf die A92. Seinen Bauernhof erreichte man, wenn man von der Kirche St. Peter und Paul dem Biberbach nach Westen folgte und ihn nach einiger Zeit überquerte. Gegen die Weiler Westendorf und Ostendorf auf der einen und das Dörfchen Biberbach auf der anderen Seite lag sein Hof sichtgeschützt hinter Waldstücken.
Seine beiden Traktoren waren mittlerweile im Abstand zweier Tage geliefert worden, er hatte sie in die Scheune bugsiert, ohne dabei beobachtet worden zu sein.
Dachseder hatte sich mit einem Schraubendreher bewaffnet und beschäftigte sich damit, die Nummernschilder anzuschrauben, die er vor deren Abmeldung von seinen verkauften Traktoren entfernt hatte. Als er nach getaner Arbeit das Werkzeug hinlegte, schwoll seine Brust vor Stolz.
Er hatte an alles gedacht.
Seine alten Schlepper hatte er nach Norden verkauft, auf zwei Suchanzeigen hin, die er in einem Online-Portal für gebrauchte Landmaschinen gefunden hatte, seine neuen hatte er in zwei voneinander unabhängigen Angeboten eines anderen Portals entdeckt. Er hatte sie sich vor dem Kauf in Niederbayern angesehen, war eigens mit dem Auto dorthin gefahren und hatte sie persönlich begutachtet. Er hatte sie bar bezahlt.
Dachseder richtete sich auf, verließ die Scheune nicht durch das schwere zweiflügelige Holztor, durch das er die Traktoren hereingebracht hatte, sondern durch die metallene Feuerschutztür in der gemauerten Wand. Ein Anflug von Ärger bemächtigte sich seiner, als er sich mit der Schulter dagegen stemmte. Er musste dringend die Türangeln fetten und in die Klinke eine neue Madenschraube einschrauben, das Gewinde der alten war ausgeleiert.
Im Wohnhaus angekommen, zog er in der Diele seine Stiefel aus, begab sich ins Wohnzimmer und schrieb an dem Entwurf des Briefes an die Versicherungsgesellschaft weiter.
Jetzt musste er nur noch auf passendes Wetter warten.

Der Frühsommer in Deutschland war wirklich heiß gewesen. Weiter im Norden war es zu zahlreichen Waldbränden gekommen, oft genug durch ein unglückliches Zusammentreffen der Trockenheit und eines Gewitters. Auf die Bekämpfung von Wald- oder Flächenbränden auf Feldern war man dort nicht eingerichtet, die Schäden waren beträchtlich gewesen.
Dachseder hoffte zudem auf ein noch aufzulegendes Hilfsprogramm des bayrischen Landwirtschaftsministeriums für diejenigen Landwirte, die auf Grund der Trockenheit Ernteausfälle zu erleiden hatten. Er zählte sich im Geiste schon zu diesem Empfängerkreis. Es würde ein gutes Jahr!
Die Tage waren heiß und trocken gewesen. Zwei Wochen gleißende Sonne tagsüber, nachts kaum Abkühlung, stehende Schwüle 24 Stunden täglich. Seinen kleinen Gemüsegarten hatte er ausreichend bewässert. Er lebte allein auf seinem Hof, seit seine Frau gestorben war. Das Handtuch von Beet reichte ihm. Seine Äcker ließ er darben.

Donner riss ihn aus dem Schlaf, er fuhr auf, saß senkrecht im Bett. Normalerweise hätte er Minuten gebraucht, sich zu sammeln und zu orientieren. Nun aber benötigte er nur Sekunden, um sich an die Arbeit zu machen.
Er hatte schließlich an alles gedacht.
In der Diele schlüpfte er in seine Stiefel, zog den Mantel vom Garderobenhaken neben der Haustür, warf ihn sich über, als er den Hof schon halb überquert hatte. Der Boden war knochentrocken, er hinterließ keine Spuren, die ihm zum Verhängnis werden könnten.
An einer Seite des Scheunentores hatte er einen Strohballen angelehnt, Stroh auch vor der Toröffnung ausgestreut. Hier würde der Blitz eingeschlagen haben, wäre später die Vermutung der Brandexperten, die er sich im Geiste zurechtgelegt hatte. Er griff in die Manteltasche, holte das Feuerzeug heraus und schaute sich zur Vorsicht nach allen Seiten um. Kein Mensch weit und breit! Er wartete auf den nächsten Blitz und drehte das Reibrad des Feuerzeugs. Wieder und wieder. Ohne Erfolg, der Gewitterwind wehte von der Scheune weg aufs freie Feld und tötete das kleinste Flämmchen, bevor er es an das Stroh hätte halten können. Es war zum Verzweifeln!
»Scheißg´lump!« Dachseder fluchte auf sein Feuerzeug. Da er ja an alles gedacht hatte, war das Einweggasfeuerzeug neu gekauft – in der Anonymität eines Unterschleißheimer Lebensmitteldiscounters, denn in seiner Umgebung wusste jeder, dass er nicht rauchte – und von ihm mehrfach auf Funktionsfähigkeit geprüft worden. Im Haus hatte es funktioniert.
»Im Haus? Ja.« Er lächelte.
Er ging halb um die Scheune herum und zog die Feuerschutztür auf. An der Klinke musste er nachfassen.
Licht machte er nicht. Erstens herrschte auch im Innern ein Halbdunkel, zweitens leuchteten in nunmehr schneller Folge Blitze durch die Ritzen im Holztor und in der Holzwand darum herum in die Scheune hinein. Er musste sich beeilen, die Scheune musste brennen, bevor der letzte Blitz erloschen war, sonst würden die Ermittler von Polizei und Versicherung Verdacht schöpfen.
Wenn nun alles glattging, brauchte er seine Schadensmeldung nur noch um Datum und Uhrzeit zu ergänzen und abzuschicken. Der adressierte und ausreichend frankierte Umschlag lag neben dem Schreiben auf dem Sideboard im Wohnzimmer.
Hier in der Scheune funktionierte das Feuerzeug. Zweimaliges Reiben setzte wunschgemäß das lose Stroh innen am Tor in Brand, innerhalb weniger Sekunden hatten sich die kleinen Flammen durch den Spalt darunter in das Stroh und den Strohballen an der Außenseite gefressen.
Dachseder blieb noch eine Weile stehen. Er wollte sichergehen. Er sah gleich darauf seinen Plan aufgehen. Tor und Holzwand fingen Feuer, die innen angelehnten Holzplanken kohlten an, er hatte sie gut ausbalanciert, sie kippten auf seine beiden defekten Traktoren, von denen niemand wusste, dass sie seine wertvollen Geräte ersetzt hatten. Die Tanks waren halbvoll, und es lag genügend Gerümpel herum, um die ganze Scheune schnell in Flammen zu setzen. Die Holzwand mit dem Tor brannte inzwischen lichterloh.
Dachseder war hochzufrieden. Das Geld, das die Feuerversicherung zahlen würde, reichte zusammen mit dem Überschuss aus seinem Traktorentausch aus, ihm einen nicht nur sorgenfreien, sondern einen bequemen und regelrecht luxuriösen Lebensabend zu sichern.
Und das Ganze ohne ‚Brandbeschleuniger‘! Das war ihm wichtig. Er hatte zwar nie verstanden, wie die Ermittler in Fällen von Brandstiftung letzte Spuren von Benzin oder anderen Flüssigkeiten nachweisen konnten, aber er wollte sichergehen.
Er hatte an alles gedacht.
Als der Lack des zweiten Traktors Blasen warf, drehte sich Dachseder um. Es wurde Zeit, ins Wohnhaus zurückzukehren, in seinem Bett ‚aufzuwachen‘, den Feuerschein aus der Scheune zu bemerken und die Feuerwehr oder die Notrufzentrale anzurufen. Außerdem dürften in wenigen Minuten die ersten Schaulustigen im Hof stehen.
Er drückte die Klinke der Blechtür nach unten, nichts passierte. Er drückte sie ein zweites Mal – und hielt sie in der Hand. Den Vierkant hatte er bei seinem letzten Versuch nach außen gedrückt, die Madenschraube war aus ihrem Gewinde gerutscht und auf den Boden gefallen. Sie war in einer dünnen Schicht Unrat verschwunden. Das schwache Halbdunkel der Scheune hätte ohnehin verhindert, sie auch bei saubererem Boden zu finden.
Ohne den Vierkant war sie ohnehin nutzlos.
Dennoch rutschte der Landwirt auf Knien vor der Tür herum, seine Fingerspitzen fuhren tastend über den Boden. Die Sinnlosigkeit seines Tuns erkannte er nicht. Holzsplitter, kleine Steinchen, Stroh, Erde, aber keine Schraube. Mittlerweile hatte der Rauch die Scheune so weit angefüllt, dass er sich nun auch auf dem Boden ausbreitete und jede Sicht nahm. Als sich Dachseder einmal umdrehte, verlor er die Orientierung, kroch immer weiter in die Scheune hinein. Er hustete. Immer kräftiger und in immer kürzeren Abständen. Der Rauch verätzte ihm die Lungen, das Feuer hatte die Kunststoffkanister mit dem Flüssigdünger erreicht.
Bevor er das Bewusstsein verlor, ging ihm sein Plan nochmals durch den Kopf. Er hatte an alles gedacht. Auch an die Madenschraube. Aber denken allein genügt eben nicht.

© 2021 Michael Kothe
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