Blooms Bar

Von Anna B.

Ludwig aus Wien fährt seit vielen Jahren immer wieder für einige Wochen nach Italien. Triest, Rom, Neapel und ein Dorf auf Sizilien sind seine Lieblingsorte. Einmal hatte es ihn wieder mal nach Neapel gezogen. Er machte Ausflüge mit Bus und Boot. Eines Tages schipperte er nach Capri und fuhr mit einem Bus über abenteuerliche Serpentinen nach Anacapri. Glücklich den Bus nicht vollgekotzt zu haben, stieg er aus und wurde noch glücklicher wegen der Aussicht, der Atmosphäre des Ortes und der Abwesenheit von Touristenansammlungen. Er spazierte durch die engen Gassen bergauf bis zu einem Café, das irgendwie verkommen aussah und ihn gerade deswegen zum Einkehren bewog. Auch war er auf das Café neugierig geworden, weil über dem Eingang „Blooms Bar“ stand.

Ludwig war ein begeisterter Leser von Ulysses, der berühmte Roman von James Joyce. Der Roman erzählt auf ca. 800 Seiten einen einzigen Tag im Leben von Leopold Bloom, den 16. Juni 1904. Der Autor sagte selbst über seinen Roman: „Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren Jahrhunderte lang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe, und nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.“ Verehrer von James Joyce feiern jedes Jahr am 16. Juni den Bloomsday.

Ludwig war der einzige Gast in dem Café. Eine nette kleine vollbusige blond gefärbte junge Frau bediente ihn. Nach einem wunderbaren Espresso stand er auf und schaute sich in dem Raum um. Ein starker Deckenträger in der Mitte des Raumes war mit Ansichtskarten aus aller Welt und einigen Fotografien bestückt. Als er genauer hinsah, fiel ihm ein großformatiges Foto eines Mannes auf, den er kannte. Er nahm das Bild ab und ging damit zur anmutigen Blondine. Er fragte sie in seinem recht guten Italienisch, ob sie wisse, wer das sei. Sie meinte, es müsste ein Schauspieler sein, seinen Namen weiß sie aber nicht. Ludwig lächelte und sagte: „Nein, das ist kein Schauspieler. Das ist der Herr Leopold Hawelka, der mit seiner Frau Josephine in Wien ein legendäres Café betreibt. Das Foto muss aber schon einige Jahre alt sein. Wissen Sie, seit wann es hier hängt?“ Sie antwortete: „Keine Ahnung, als ich vor fünf Jahren das Café übernahm, hing es schon da. Davor betrieb ein homosexuelles Paar aus Irland das Lokal. Ich hab fast nichts geändert, auch nicht den Namen des Lokals, und ließ alle Bilder, Karten und Fotos hängen.“ Vermutlich waren die beiden Irländer einmal in Wien und fotografierten in dem den meisten Touristen bekannten Café den urigen Betreiber. Das Interieur des Lokals, das von Rudolf Schindler, einem Schüler von Otto Wagner und Adolf Loos, entworfen wurde, ist seit 1913 unverändert geblieben. Das Hawelka wurde fast zu einem Mythos; die dort servierten selbst gemachten Buchteln (eine Wiener sehr üppige Süßspeise) sind weltbekannt. Georg Danzer schrieb 1975 ein Lied mit dem Refrain  Jö schau / so a Sau / jössas na / was mocht a Nockerter im Hawelka?. Das Lied wird heute noch oft geträllert. Ludwig hängte das Foto wieder an seinen Platz und bat die Blonde, sich daneben zu stellen. Er fotografierte sie und das Foto. Von ihr war das Gesicht und der großzügige Ausschnitt ihres blauen T-Shirts zu sehen, aus dem ihr Busen frech herausschaute. Daneben war der im Fotoviereck verewigte Herr Hawelka zu sehen.

Als Ludwig wieder in Wien war, ging er ins Café Hawelka. Der alte Herr saß an einem kleinen Tisch gleich neben der Tür – wie immer, wenn nur wenige Gäste im Lokal waren, die von seiner Frau bedient wurden. Ludwig erzählte ihm die Geschichte und zeigte ihm das Foto. Herr Hawelka kommentierte: „Toller Busen, ich glaub ich muss da auch mal hinfahren.“

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