Der Mann fürs Grobe

Von Michael Wiedorn

Eine Abordnung von Architekten und Ingenieuren besucht eine Baustelle. Es wird eine Ausfahrt der Autobahn München-Nürnberg gebaut. Herr Dr. Köhler gehört zur Delegation. Sie stehen unter einer Brücke, die gerade gebaut wird, im Schatten. Es ist brütend heiß. Jenseits der Autobahnplanken beginnen Kiefernwälder. Die Abordnung steht zwischen massiven unverkleideten Betonpfeilern. Vor der Gruppe steht der Polier mit dem Bauleiter, der hier bei der Baustelle im Planungsbüro angestellt ist. Sie beantworten Fragen über die Kosten und die technischen Probleme. Dr. Köhler hat die Fünfzig weit überschritten. Er folgt den Ausführungen des Bauleiters mit ausgesprochen mäßigem Interesse. Endlich ist die Vorrede beendet. Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Sie müssen jetzt allerdings in die pralle Sonne. Überall laufen Arbeiter herum und arbeiten fleißig. Die Meisten fallen dem Ingenieur nicht weiter auf. Viele sind in seinem Alter. Die Gruppe bleibt mitten auf einer sonnigen Fläche stehen. Ihm ist es etwas schwindlig. Vielleicht hat er im Hotel schlecht gefrühstückt. Der Gruppe naht sich ein junger Arbeiter. Ein riesiger, kräftiger Kerl mit einem Presslufthammer über der Schulter. Von Schmutz verkrustetem, blauem Helm auf geschorenem Schädel. Eng beieinander liegende, kleine Augen liegen tief in den Höhlen, dazwischen eine fleischige, gerötete Nase. Unter dem klobigen Kinn ragt der Adamsapfel auf. Die dünnen Lippen sind zusammengepresst. Das Gesicht ist voll Narben und kleiner Pickel. Er trägt eine orangene Plastikweste über seinem athletischen Oberkörper. Er grüßt Bauleiter und Polier. Sie grüßen nicht zurück, sondern blicken nur ausdruckslos auf den Schlamm der Arbeitsstiefel. Der Junge blickt schüchtern und fügsam zu seinen Vorgesetzten. Er nimmt dann ganz langsam den Presslufthammer von der Schulter, sein kraftstrotzender Körper geht dabei etwas in die Knie. Die Muskeln seiner gewaltigen Oberarme bewegen sich dabei wie Mäuse unter einer Tapete. Seine rohe Visage ist schweißüberströmt. Dr. Köhler blickt ihn verächtlich an. Wie kann ein Mensch nur so niedrig sein. Er denkt an den bestialischen Gestank der Umkleidekabinen der Arbeiter oder von Fußballvereinen. Der sozial Höhergestellte fühlt sich erröten. Nervös wendet er den Blick vom Untergeordneten. Vielleicht ist es schon aufgefallen, dass er die ganze Zeit den jungen Mann angeglotzt hat. Jetzt stiert er eifrig auf den Zahlen vortragenden Bauleiter ohne zuzuhören. Der Arbeiter kniet auf dem Straßenpflaster und klopft mit einem schweren Hammer Steine. Er hat Hände wie Klodeckel. Der Adler auf dem Oberarm betont die unbezwingbare Kraft dieses Primitivlings, der nur seine Körperkraft hat. In Zuchthäusern tätowieren sich die Sträflinge. Schwere Käfigtüren fallen ins Schloss. Schwere Halseisen bändigen die Manneskraft. Zuchthäusler wurden früher in Eisenketten gelegt und wie Vieh auf die Baustellen zur Arbeit getrieben. Dr. Köhler blickt auf die mit Schlamm verkrusteten, klobigen Gummistiefel, die dem Arbeitstier bis fast zu den Knien reichen. Die Stiefelschäfte glänzen im Sonnenlicht. Riesige Männerquanten sind Schweißfüße. Die Schweißfüße von marschierenden Soldaten. Es ist kein Mensch, es ist kein Tier – es ist ein Panzergrenadier. Dr. Köhler muss jetzt laut lachen. Er versucht sein Lachen zu unterdrücken und gluckst verkrampft. Plötzlich ist ihm klar, dass er unangenehm auffällt. Die Leute um ihn drehen sich peinlich berührt zu ihm um. Die verurteilende Kälte der strafenden Blicke zeichnen ihn. Der arme Irre. Kurz hält der Bauleiter in seinen Ausführungen. Dr. Köhler weicht allen Blicken aus. Er starrt verkrampft auf irgendeine Kiefer in der Ferne. Der Arbeiter ist in seine Arbeit vertieft. Der Bauleiter nimmt seinen Vortrag wieder auf. Die Gesichter wenden sich von dem Spinner ab. Der Junge hat seinen rechten Unterschenkel aufgerichtet, sein anderes Bein ruht vom Knie abwärts auf dem Asphalt. Der Akademiker sieht auf die strammen Arschbacken. Ein Arsch, der wie eine Eisentüre alles Eintretende zermalmt. Die junge, frische Scheiße in den düsteren Kellern der Eingeweide. Der Arbeiter sitzt stöhnend und schweißtriefend auf dem Klobecken. Sein Blick ist ganz verzückt. Der draußen ausgesperrte Fremde drückt seinen Kopf zwischen diese Arschbacken, um in den Mann einzudringen. Er will sich in dem Körper des Arbeiters ausbreiten und ihn für sich in Beschlag nehmen.
Dr. Köhler ist es schlecht. Er würgt an seiner Krawatte. Ein Henker hat ihm eine Schlinge aus Draht um den Hals zugezogen.

© 2021 Michael Wiedorn
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