Der tote Punkt

Von Johannes Morschl

Ein Freitagabend im Oktober 2018 in Berlin. Der Schriftsteller Fritz Paffke sitzt vor seinem aufgeklappten Laptop und grübelt und grübelt. Er will eine neue Geschichte schreiben, aber es kommt ihm keine zündende Idee. Er hat schon seit einiger Zeit das Gefühl, sich mit seiner Schriftstellerei an einem toten Punkt zu befinden. Da blitzt ein ungeheuerlicher Gedanke in ihm auf: „Der Punkt ist tot!“ Er wird derart traurig, als hätte er soeben die Nachricht vom Tod einer ihm nahestehenden Person erhalten. Er denkt sich: „Was mache ich jetzt ohne Punkt? Er war so selbstverständlich da, ich hielt ihn für unsterblich. Welch schreckliche Folgen wird sein Tod haben? Die Autorinnen und Autoren werden keine Punkte mehr setzen können, ihre Texte werden nie fertig werden, sie werden zu keinem Schlusspunkt mehr kommen. Außerdem werden sie das, was sie ausdrücken wollen, nicht mehr auf den Punkt bringen können. Ihre Texte werden nie zu einer Veröffentlichung kommen können, es sei denn, sie sterben früh und hinterlassen Texte von nur ein paar hundert Seiten. Aber wer wird solche punktlosen Wälzer, in denen nichts auf den Punkt gebracht wird, die auch keine Höhepunkte haben und mit einem abrupten Abbruch auf Grund des Todes der Autorin oder des Autors enden, überhaupt lesen wollen?“ In Abwandlung des Lieds von Alexandra Mein Freund der Baum ist tot singt Paffke: „Mein Freund der Punkt ist tot, er starb im späten Abendrot.“

Dann fällt ihm eine höchst merkwürdige Stelle aus den Pensées (Gedanken) des französischen Mathematikers, Physikers und Philosophen Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert ein, bei der dem Punkt eine Bedeutung gegeben wird, die weit über seine übliche Bedeutung hinausreicht: „Die unendliche Bewegung; der Punkt, der alles erfüllt; der Augenblick der Ruhe. Unendlich ohne Quantität. Unteilbar und unendlich.“ Paffke hegt den Verdacht, dass es sich dabei um den Versuch einer Definition Gottes handeln könnte und der Punkt, der alles erfüllt, für Gott stehe. Pascal war religiös, stand den Jansenisten nahe, einer Religionsgemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche Frankreichs, die von den Jesuiten am französischen Königshof und beim Papst in Rom der Ketzerei bezichtigt wurde. Paffke glaubt nicht an Gott, an den Punkt jedoch schon. Er denkt: „Wenn der Punkt, der laut Pascal alles erfüllt, tot ist, – nein, das ist unmöglich, den zumindest muss es noch geben, sonst hätte sich schon längst alles in Nichts aufgelöst und ich könnte jetzt nicht hier sitzen, da ich mich schon in Nichts aufgelöst hätte. Das ganze Weltall hätte sich schon in Nichts aufgelöst. Es würde nur noch eine ungeheure Leere geben, eine Leere, die noch viel leerer wäre als jene innere Leere, von der ohnehin schon so viele Leute befallen sind. Auch ich spüre oft eine Leere in mir. Ich bin eigentlich nur deshalb Schriftsteller geworden, um gegen diese innere Leere anzuschreiben, sonst würde ich an ihr ersticken.“

Da beginnt es auf einmal bei Paffke zu fließen. Er hämmert auf die Tastatur seines Laptops: „Geburt und Tod, dazwischen kreucht und fleucht man herum, ackert und rackert, frisst, säuft und fickt, scheißt und pisst, verpestet die Umwelt mit Autoabgasen und verzettelt sich in angeblich äußerst wichtigen Tätigkeiten, nur um nicht über sich selbst nachdenken zu müssen, denn sonst bestünde die Gefahr, sich der ungeheuren Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz in den unendlichen Weiten des Weltalls bewusst zu werden. Man muss auch desöfteren Formulare ausfüllen, ohne deren korrektes Ausfüllen man keine offizielle Existenzberechtigung erhält. Man gibt sich die allergrößte Mühe beim Ausfüllen und liest sich genauestens die beiliegenden, in verwirrender Amtssprache formulierten Anleitungen zum Ausfüllen durch. Bloß keinen Fehler machen! Und wenn man dann die ausgefüllten Formulare beim entsprechenden Amt abgegeben hat und sie einer amtlichen Überprüfung standgehalten haben, ist man zutiefst erleichtert und hat das Gefühl, etwas Großes, Bedeutsames geleistet zu haben. Man darf existieren, das ist hiermit amtlich bescheinigt. Man geht dann mit stolzgeschwellter Brust herum und lächelt nur milde über die unendlichen Weiten des Weltalls.“

Paffke unterbricht kurz, zündet sich die nächste Zigarette an und schreibt paffend weiter, was ihm gerade in den Sinn kommt: „Während im Fernsehen aufgeblähte öffentliche Wichtigkeiten männlichen und weiblichen Geschlechts bombastische Sprechblasen von sich geben, versammeln sich zehntausende Kraniche in den Feuchtgebieten um das 40 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegene brandenburgischen Dorf Linum, um gemeinsam zu ihren Winterquartieren in Südfrankreich und Spanien zu fliegen. Ach, wenn ich doch ein Kranich wär! Dass ich nicht lache! Du und ein Kranich! So wie ich dich kenne, würdest du als Kranich in Linum hängenbleiben. Du wärst viel zu faul, um den langen beschwerlichen Flug in den Süden, bei dem so mancher Kranich auf der Strecke bleibt, mitzufliegen. Du würdest höchstens ab und zu von Linum nach Berlin fliegen, das würdest du gerade noch schaffen, und würdest dort in der Destille am Mehringdamm versacken. Ich sehe es bildlich vor mir, wie du als Kranich auf einem Barhocker am Tresen stehst, vor dir ein Glas Bier, das dir ein Gast oder der Mann hinterm Tresen ausgegeben hat, in das du ab und zu deinen Schnabel eintauchst und das Bier in dich hinein schlürfst. Zwischendurch schnorrst du einen Gast um eine Zigarette an, indem du ihn mit deinem Schnabel anpikst, und wenn er dich anguckt, mit dem Schnabel auf die Zigarettenschachtel oder auf Tabak und Blättchen deutest. Im letzteren Fall soll dir der Gast eine Zigarette drehen. Wenn der Gast bereit ist, dir eine fabrikfertige oder selbstgedrehte Zigarette zu geben, schnappst du sie dir mit dem Schnabel und lässt dir vom Gast Feuer geben.

Deine Ausflüge in die Destille, von denen du immer erst in der Morgendämmerung schwer angeschlagen und in bedenklich wackligem Flug nach Linum zurückkehren würdest, würden solange weitergehen, bis die Kraniche wieder in Linum landen. Das ist im März, wenn sie dort auf ihrem Rückflug vom Süden in den Norden einen Zwischenaufenthalt machen. Dann könntest du dich wieder mit deinesgleichen unterhalten, könntest Kranich-Frauen umbalzen und mit der einen oder anderen Sex machen, natürlich nur heimlich im Schilf, damit die zu den Kranich-Frauen dazugehörigen Kranich-Männer nichts merken, denn sonst würde es zu wilden Kampftänzen und einem wüstem Herumgehacke mit den Schnäbeln kommen. In dieser Zeit würdest du nicht in die Destille fliegen und dich volllaufen lassen, da du fit und potent bleiben willst, um bei den Kranich-Frauen nicht zu versagen. Mit den Menschen könntest du dich ja nicht unterhalten, du würdest ihr merkwürdiges Gebrabbel nicht verstehen. Sex könntest du auch nicht mit ihnen machen. Abgesehen davon wärst du als Kranich nicht so pervers, mit Menschen Sex machen zu wollen. Aus Kranich-Sicht sind die Menschen nichts weiter als armselige Landtreter, eine aufrecht gehende Affenart, die sich bekleidet, frisiert und Schuhe trägt. Diese Affenart kommt immer scharenweise nach Linum, um die dort versammelten Kraniche zu begaffen. Aber in der Destille würde man dich nicht begaffen. Dort verkehren auch noch andere seltsame Vögel. Allerdings müsstest du dich entscheiden, ob du dich im März den Kranichen wieder anschließen willst oder deine Zeit weiterhin in Linum und in der Destille in Berlin verbringen willst, was auf Dauer äußerst trostlos werden könnte.

Paffke zündet sich die nächste Zigarette an, und während er pafft, schreibt er weiter: „Einspruch, Fritz Paffke! Kranich passt nicht zu dir, der ist viel zu schön und elegant für dich. Da würde viel eher der Blobfisch zu dir passen, der in einer Online-Umfrage unter Wissenschaftlern, welches Tier das hässlichste der Welt ist, auf den ersten Platz kam. Der Blobfisch besteht aus einer glibbrigen gallertartigen Masse, hat eine graue bis rosafarbene faltige Haut und ein breites dicklippiges Maul, dessen Winkel tief heruntergezogen sind und ihm ein extrem pessimistisches Aussehen verleihen. Dieses würde gut zu dir passen, denn der Pessimismus eines Schopenhauers ist gegenüber dem deinen nahezu ein Optimismus. Der Blobfisch wird bis zu siebzig Zentimeter lang, bis zu zehn Kilo schwer, und lebt als Einzelgänger am Meeresgrund im Südwestpazifik. Den Großteil seines Lebens verbringt er regungslos eingegraben im Sand des Meeresbodens und lauert auf Beute wie Krebstiere, Weichtiere und Seeigel. Er hat keine natürlichen Feinde, gerät allerdings manchmal in die Netze von Tiefseefischern. Auf diese Gefahr müsstest du als Blobfisch achten und dir einen Platz suchen, wo du vor den Netzen der Tiefseefischer sicher wärst. Aber dass der Blobfisch ein Einzelgänger ist und nicht in einem Schwarm von Fischen lebt, würde dir sehr entgegenkommen. Du könntest eine Masse von Fischen um dich herum nicht ertragen. Du hast dich schon immer in einer Masse unwohl gefühlt. Massen neigen zur Massenhysterie und Massenpanik. Es ist ausgesprochen lebensgefährlich, sich in einer Masse zu befinden, die kollektiv durchdreht. Dass du als Blobfisch als das hässlichste Tier der Welt giltst, würde dich in der Finsternis der Tiefsee nicht jucken. Auch müsstest du da unten keine Miete zahlen und bräuchtest kein Geld für Lebensmittel und Kleidung. Und Formulare für den Erhalt einer offiziellen Existenzberechtigung müsstest du da unten auch nicht ausfüllen. Doch wie steht es mit der Fortpflanzung? Wie machen das die Blobfische als Einzelgänger? Die Meeresbiologen wissen es nicht. Aber würdest du dich als Blobfisch überhaupt fortpflanzen wollen? Wie auch immer, Hauptsache kein Fisch in einem Schwarm. Bloß kein Kollektivzwang, und damit basta!“

Paffke lehnt sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. Er stellt fest, dass es kein Problem gewesen ist, Punkte zu setzen, vor allem auch noch rechtzeitig einen Schlusspunkt, denn wer weiß, in welche Untiefen er sich sonst noch verirrt hätte. Der Punkt war also noch lange nicht tot. Paffke singt: „Alle Punkte sind no-och da, alle Punkte, alle, Satzpunkt, Schlusspunkt, Höhepunkt sogar, all die ganze Punkte-e-schar, alle Punkte sind no-och da, alle Punkte, alle.“ Dann murmelt er „blob, blob“ und zündet sich die nächste Zigarette an.

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