Es gab mich schon vor meiner Geburt

Von Michael Wiedorn

Ich öffnete verstaubte Schuhschachteln im Keller. Als Kind durchsuchte ich unser Reihenhaus in allen Winkeln nach Schätzen aus der Vergangenheit meiner Vorfahren. Ich suchte eine geschwundene Kraft aus längst verwehten Zeiten, die mein dürftiges, beengtes Dasein beleben sollte. Eine strahlende Krone aus dem Anfang aller Zeiten. Aus einer verschimmelten Schachtel fielen mir alte Fotos entgegen. Ich legte sie wieder zurück. Meistens Schwarzweißfotos. Einige hatten einen Braunstich. Wildfremde in altmodischer Bekleidung stellten die Ahnen dar, aus deren Keim ich angeblich entsprossen bin. Ein Reich der Mütter – wenig Väter, Brüder, Onkel. Ich mochte diese Leute nicht. Sie waren mir fremd, aber ich war einer von ihnen. Mir versickerte das fremdartige Blut in den Adern und mein Körper versickerte zum Geist aus dem Jenseits. Ich hatte unter den Menschen, denen ich im Alltag, in der Schule, im Bus täglich begegnete, nichts zu suchen.
Ein alter Oberst am Stock in königlich bayrischer Uniform auf einem düsteren Waldweg saugt mich in das Schwarzweiß des Bildes. Eine ernst blickende Frau mit Blumengedeck auf dem Hut, zusammengepresster Taille und einer Culotte versuchte mich mit ihren Augen zu fixieren.
Ein braunstichiges Foto zeigte ein Gartenfest. In Korsetts eingezwängte Damen mit weit ausladenden Hüten. Wie kamen früher die Frauen durch Türen? Herren in Westen mit Strohhüten und Vatermörder. Kaiserliche und königliche Uniformen. Alles wohl mein Geblüt, aber alle längst tot und zu Staub zerfallen. Die Toten laden mich zu ihrem Totenfest ein. Irgendwann werde ich den Durchbruch schaffen und zwangsweise zu ihnen heimkehren.
Ein milder Sommerabend. Das Laub ist dicht und die Kleidung sommerlich leicht. Die Ahnen schmausen und trinken dabei Ströme von Wein. Sie wissen nichts davon, dass der Nachmittag, der für sie unmittelbare Gegenwart ist, nur mehr als Tönungen und Schatten auf einem Foto Bestand hat. Seit diesem Festtag zogen zwei Weltkriege über das Land. Der verlassene Garten stand in einer der vielen Bombennächte in Flammen. Die verbrannte Erdfläche wurde nach dem Krieg mit Reihenhäusern bebaut. Vielleicht befindet sich dort heute ein Parkhaus oder eine Lidlfiliale.
Der Garten ist da. Er ist nie verschwunden und kann nie verschwinden. Die Verwesten feiern dort das für die Lebenden unsichtbare Gartenfest. Sie altern nie, dürfen nie sterben und sind dazu verurteilt für immer auf dem Sommerfest zu verharren. Sie verseuchen durch meine Körperzellen die Gegenwart der heutigen Mitmenschen. Meine Mutter und ich haben keine lebendige Verwandtschaft.
Ein fremder, junger Mann in schwarzem Anzug steht neben einer fremden, jungen Frau im weißen Brautkleid. Sie ist meine Mutter. Als Außenstehender sehe ich die Jugend der Braut, der ich vorher noch nie begegnet bin.

© 2021 Michael Wiedorn
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