Klopfen

Von Michael Wiedorn

Es erscheint ein bleicher Geier. Eine hagere, hochgewachsene Gestalt. Kein Mensch kann je das Alter dieses Vogels erreichen. Seit den tausend Jahren ist der Reichsadler verdorrt und ausgemergelt. Ein ausgestopfter Raubvogel verstaubt in der abgelegenen Besenkammer und ernährt die Motten. Spritzten sich die Gespenster im Führerbunker Morphium in die Venen?
Friedrichs knochiges Gesicht versucht im Schatten seines breitkrempigen Hutes zu verschwinden. Die tiefliegenden Augen halten sich in den schwarzen Höhlen unter den buschigen Augenbrauen verborgen. Die Brauen bestehen aus störrischem, weißem Draht. Ein riesiger Knochen erhebt sich als Nase zwischen auffälligen Backenknochen. Hat Friedrich slawische Ahnen? Geier haben hakenähnliche Schnäbel, die zuschlagen können, die ihrem Feind die Augen aushacken können. Er würde empört abstreiten slawischer Herkunft zu sein. Er ist reinrassiger Germane – nordischer Herkunft. Bis ins 16. Jahrhundert belegbar. Sogar bis Hermann dem Cherusker. Friedrichs Familiennamen ist Krackhardt. Krack. Krack. Geier, Krähen, Adler. Er ist eine gewaltige Krähe aus dem Krähenwald. Ein Wald, an dessen Bäumen kein Laub mehr wächst. Krack. Krack. Die blutbesudelten Schnäbel hacken ins Holz, haben schon die Blätter weggehackt. Krack. Hart. Ein Wald aus Eisen, dessen metallene Bäume wie hochgereckte Raketen in den Himmel ragen.
Friedrichs Körperhaltung ist vorgebeugt. Er war sein Leben lang zu groß für die Welt. Für seine kraftlose Muskulatur war das turmlange Skelett auf die Dauer zu schwer. Ein kräftiger Stoß würde genügen und die hochgeschossene Riesengestalt würde lautlos in sich zusammenfallen. Still wie zerstäubende Schneemassen. In ihm bäumt sich das Soldatische gegen diese erbärmliche Altersgebücktheit auf. Seine Körperhaltung ist versteift. Der blonde Fähnrich von früher müht sich vergeblich wieder stramm zu stehen. Er musste sich immer bücken um durch die viel zu niedrig gebauten Türen zu kommen – um durch sein Leben zu kommen – mit seinem Gardemaß.
Man nahm ihn nicht bei der SS. Draußen war das Reich im Krieg und er saß im Drillichschlafanzug auf einem weißen Hocker in einem blendend weiß getünchtem Saal mit unzähligen Gitterbetten und blickte durch das vergitterte Fenster auf die Bäume. Immer dieses hysterische Lachen und Vorsichhinbrabbeln der Anderen im Saal. Die Ärzte, die Wärter – wie viele davon waren überzeugte Nationalsozialisten? Friedrich ist heute noch dem Führer treu ergeben.
Er gehörte dazu. Er gehörte nie zu etwas. Im Zweiten Weltkrieg trat er freiwillig der Wehrmacht bei. Darauf legte er wert. Reaktiviert als Offizier. Es hinderte ihn. Er versäumte seine Einberufung. Im Zimmer, in dem er unmittelbar vor seiner Einberufung lebte, spürte er, wie sich das Holz und das Metall der Einrichtung in schmierige Bewegungen auflöste. Keine einzige Erscheinung in der Natur steht mit festen und harten Umrissen da. Für das bloße Auge Unsichtbares kriecht und fließt an den Magenwänden entlang und durch die Speiseröhre in die Außenwelt hinaus. Die Anwesenheit der Körper und Dinge ist ekelerregend und fiebert heiß. Bakterien und Viren fliegen in der Luft und überziehen als unsichtbare, wandernde Völker scheinbar friedliche Möbelflächen und Fußböden. Nirgends gibt es leblose, sterile Flächen, sondern alles ist von einem unheimlichen, giftigen Leben erfüllt.
Friedrich klopft das unheimliche Gewimmel auf. Sein Klopfen schlägt und tötet das verseuchende Gewimmel. Friedrich muss klopfen. Immer wieder klopfen. Etwas in seinem Kopf befiehlt ihm. Im Holz und den Mauern haust es. Er und nur er hört so etwas wie ein ganz leises, kaum vernehmbares Wispern oder Summen des Schmutzes in Mauerritzen. Es muss getötet werden.
Ein reinigendes Massensterben. Große Tumorklumpen sehen fast wie Rindfleischtrümmer aus, mit denen irgendetwas nicht stimmt.
Friedrich spürt oft eine Verspannung und Verkrampfung in seinen Gliedern, die sich durch heftiges Klopfen auflöst. Er muss pochen. Der Schnabel einer Krähe – eines Geiers – stößt und schlägt und hackt in Fleisch, bis sich die Anspannung im fließenden Blut des Opfers auflöst. Sein Fingerknöchel stößt wieder auf verbotene Lebendigkeit. Etwas in ihm, das sich ihm entzieht und das sein Todfeind ist, beherrscht seine Fingerknöchel, dass sie klopfen müssen, immer wieder pochen müssen.
Er lässt auch andere, die mit im Zimmer sind, klopfen. Die Mitmenschen leben in der Behaglichkeit ruhender Gegenständlichkeit. Die Wände ruhen für sie in sich und scheinen Schutz vor dem bedrohlichen Draußen zu bieten. Sie sitzen in den Sesseln und ahnen nicht im Entferntesten was für ein Pfuhl sie zu verschlingen droht. Wenn er sie auffordert an Stellen des Zimmers zu klopfen, an die er Schwierigkeiten hat, ranzukommen, dann erstarren ihre Visagen, als würden sie den Gesichtsausdruck von Hohn und Befremdung verbergen wollen. Sie verachten ihn. Der hat doch einen Sprung in der Schüssel! Niemandem erzählt er, dass er im Dritten Reich in der Klapse saß. Tausendmal zu Wasser zerkochte Gemüsesuppe soll lebensunwertes Leben von seinem traurigen Siechen erlösen. Große, fahle Wiedergänger, die des Reiches der Muskelstarken und Reinblütigen verwiesen worden sind. Friedrichs Besucher klopfen geduldig nach seinen Anweisungen, ohne irgendetwas zu verstehen oder wahrzunehmen, gegen Bettpfosten und Lampenschirme. Sie fühlen ein Grauen, dass sie als Marionetten des Wahnes selbst sich in Halluzinationen verwandeln. Niemand sagt etwas. Sie denken sich ihr Teil. Man munkelt hinter Friedrichs Rücken und grüßt ihn auf der Straße mit zuckersüßem Lächeln. Im Nationalsozialismus wurde es ihm verwehrt Uniform zu tragen. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen zu desertieren oder sich vor dem Dienst am Vaterland zu drücken. Er empfand schon immer tiefen Ekel vor Fahnenflüchtigen und Feiglingen. Ihnen wurde auf Grund ihres robusten Körpers und ihrer charakterlichen Festigkeit ihr Platz in Wehrmacht und SS zugewiesen trotz ihrer schäbigen Gesinnung. Ein falscher Geist in einem falschen Körper. Sein Vater und die Väter seines Vaters kämpften in allen Kriegen des Königreiches Bayern. Sein Vater wäre auf ihn stolz gewesen, wenn Friedrich in Uniform vor ihm hätte erscheinen dürfen. Er hätte seinen Sohn auf gleicher Augenhöhe angesehen. Friedrich hätte sich selbst bewundernd im Spiegel betrachtet. Vater und Mutter und Gemahlin hätten an diesem schönsten Tag ihres gemeinsamen Lebens selig gelächelt. Seine schwarzen, sauber gewichsten Schaftstiefel, so sauber, so klinisch sauber, dass keine Mikroben und keine Bakterien sich getraut hätten sie nur anzublinzeln. Ein hartes, festes Koppel auf dessen Leder sich kein Staubkörnchen verirrt hätte.
Der blinkende Spiegel der Schirmmütze. Spiegel stellen die Welt in geruchlosen Bildern von kristallinischer Reinheit dar. Die Hygiene einer in Kristalle aufgelösten Erde. Friedrichs stolzgeschwellte Brust wird von Sieg zu Sieg von immer mehr Orden beschützt sein. Man muss rücksichtslos töten. Gnadenlos. Töten heißt reinigen.
Friedrich liebte immer die Berge und verbrachte selbst die heitersten Sommertage, deren Sonnenschein jeden gesunden Wanderer geradezu in die Berge brüllen würde, im Bett. Zwischen der weichen Bettwäsche ließ ihn die säuglingshafte Geborgenheit wohlig erschauern. Er ist wieder das liebe Kind, das in der Obhut seiner Mutter ruht. Nach dem Auszug aus dem Haus seines Vaters lebte er abgesehen von seinen Militärzeiten und seinem Klinikaufenthalt immer in Pensionen. Nicht er, sondern etwas Anderes in ihm lässt ihn gegen Wände und Türen pochen.
Nicht er, sondern dieses Fremde hält ihn mit sanften, aber zupackenden Händen im Bett fest. Mit liebevollen Fesseln.
Erst tief in der Nacht wird er aus der Ruhestellung freigelassen und er hat die Freiheit wie ein erwachsener Mann Gaststätten aufzusuchen. Die vom anstrengendenTag erschöpften Kellner verabschieden voll Freude auf ihren wohlverdienten Schlaf die letzten Gäste und fangen schon an die Stühle auf die Tische zu stellen. Die Türe geht auf und Gevatter Tod, der den Tag in seiner Matratzengruft vertrödelt hat, tritt ein und will die Nacht mit Gesprächen und Musik durchfiebern. Er liebte immer die Alpen und die Bodenständigkeit der Bauern. Berchtesgaden, Traunstein, Garmisch. Er war immer unfähig Wurzeln zu schlagen. Die Einwurzelung in Volk und Heimat. Die Bauern in den Schenken und die Kellnerinnen starren ihn befremdet an und ihm war immer klar, dass sie ihn als Touristen aus irgendeiner Großstadt in Norddeutschland ansehen. Ein Preuße. Ein arbeitsscheuer, lebensuntauglicher Fremder, dessen einzige Lebensberechtigung eine prall gefüllte Geldbörse darstellt.
Friedrich ist Künstler. Er zeichnet bayrische Bauernszenen. Eine dralle Magd zeigt ihre drallen Schenkel. Der sein Leben im Bett Verbringende sehnt sich nach dem Blitzanständigen der Natur. Das Gelb der Getreideäcker. Der warme Geruch nach Kuhstall und weißer Milch, die aus den Eutern der Kühe und Mägde tritt. Wenn er im Bett liegt und nicht rausgelassen wird, stellen sich ihm diese Traumbilder in keusch unstofflichen Bildern vor seinem inneren Auge dar. Keimfrei und in klar umrissenen Gegenständen eingegrenzt. Immer wieder versucht er mit Kellnerinnen und Bäuerinnen anzubändeln. Kräftige, athletische Rubensgestalten. Ausgeprägter Fettansatz. Er lädt die Frauen zu einem Glas Wein ein. Er beehrt sie mit teuren Geschenken. Stramme Frauenbeine stampfen Sauerkraut. Ihr Fußschweiß würzt das Kraut. Mit beiden Beinen stehen sie fest auf dem Boden der Tatsachen. Der Boden unter ihnen löst sich nicht auf in Würmer, Bakterien, Viren. Er löst sich nicht auf in Feuchtigkeit, Schwamm und Fieber. Hämisch grinsend lassen sich die Mädchen es gefallen, eingeladen und reichlich beschenkt zu werden. Alle wissen, dass er zu gehemmt, zu gut erzogen, zu schlaff ist, jemals eine Frau zu bedrängen oder sie sogar zu überfallen. Kein Trieb trieb ihn jemals in seinem Leben zu irgend etwas. Friedrichs Eltern ließen es nicht zu, dass er jemals eine Schule besuchte. Seine Mutter wollte ihr Kleines vor der Rohheit rüder, männlicher Jugend beschützen. Schulmöbel und Lehrmaterial sind klebrig von Masern-, Rötel-, Windpockenviren. Ein ordinär grinsender Junge bohrt mit schmutzstarrendem Finger in seiner Nase und zieht ganze Fladen Rotze heraus. Kinderlähmung und Syphilis. Alles ist mit einem tödlichen, unsichtbaren Film überzogen. Tödliches Sperma. Der Tod zeigt kein Gesicht, weil er keines hat. Die Viren sind seine diskreten Diener. Eiter und schwärende Wunden. Friedrichs Vater wäre es vielleicht sogar recht gewesen, wenn sein Sohn eine gewöhnliche, staatliche Schule besucht hätte. Der Umgangston in Jungenschulen ist rau. Die Ausdrucksweise selbst von Zöglingen aus höchsten Kreisen ist derb und hart.
Die Mutter ertrug keine heftigeren Affektäußerungen. Sie litt still unter dem Kasernenhofton, den ihr Mann auch zu Hause anschlug. Den bellenden Befehlston, der Rekruten gegenüber angemessen war. Sie hielt die Contenance und legte Wert auf feine Umgangsformen. Grobe, junge Männer betatschen einander mit ihren erdverkrusteten Pfoten ihre spermaglitschigen Schwänze. Friedrichs Vater – der kgl. Bayrische Oberst – brüllt auf dem Kasernenhof mit vor Zorn knallrotem Kopf: „Scheiße!“. Der Herr Oberst mied so viel er konnte die kränkende Gegenwart seiner Gemahlin und seines entarteten Sprösslings. Die gnädige Frau behandelte diesen Proleten von Ehemann so sehr als Luft, dass er sich kneifen musste, ob er sich nicht in Luft aufgelöst hat. Der Sohn versuchte in die ihm viel zu großen Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er zog freiwillig in den Ersten Weltkrieg, danach schloss er sich den Freikorps an und fand dann zum Nationalsozialismus. Hat ihn sein Vater jemals geachtet? Wer steckte in seinem Kopf und befahl ihm zu klopfen? Wer hat ihn in diese von Ungeziefer wimmelnde und tierisch stinkende Müllhalde von Welt abgelegt?
Er hat die Nacht nicht geschlafen und konnte sich den ganzen Tag nicht aus dem ihn gefangen haltenden Bett befreien. Die Abenddämmerung, die diesen schönen Sommertag abschloss, hat sich schon längst in nächtliches Schwarz verfärbt. Plötzlich schrillt laut das Telefon. Nach einigem Zögern nimmt er den Hörer ab. Aus der Hörmuschel brüllt es „Israel“. „Israel“. Die Juden hassen ihn. Sie rufe nachts bei ihm an.
Tief in der Nacht, wenn er müde und angetrunken ist und die letzte Wirtschaft geschlossen hat, ruft er ein Taxi. Im Taxi sitzt er neben seinem Chauffeur und befördert diesen zu seinem persönlichen Adjutanten. Friedrich verwandelt sich in den Führer, der triumphal in einer Limousine gefahren wird. Er steht auf, streckt den rechten Arm zum Deutschen Gruß und nimmt die Huldigungen der jubelnden Volksmassen entgegen.
Friedrich durchfährt plötzlich der blanke Schrecken. Er ist mit seinem Irrenhausdrillichschlafanzug bekleidet.

© 2021 Michael Wiedorn
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