KNÜPFBÄNDER

Von Eva Radon

Es begann auf Lesbos.
Damals war Lesbos „nur“ eine griechische Insel,
wo vor allem viele Frauen Urlaub machten oder aussteigend länger blieben.

Auch wir, 3 Erwachsene mit ihren 3 Kindern, sehnten uns nach dieser wunderbaren Insel und fuhren hin.

Heute ist Lesbos eine Insel, wo tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Zuständen hausen.(wenn man das noch so nennen kann)
Die Bilder, der dort Lebenden – Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder – ihre Ängste, Nöte, Hoffnungslosigkeit sind unvorstellbar – erreichen manchmal unser Nachrichtensystem.
Jetzt werden dort neue Lager, „Gefängnis -Lager“ errichtet.
Aber wo liegt die Perspektive?
Menschen auf der Suche nach einer würdigen Bleibe, nach einem ZUHAUSE in Europa.
Wohin?
Keiner will sie…

Damals (1984 ) auf Lesbos war die Welt noch in Ordnung, zumindest, was wir (dort) sahen und sehen wollten.
Unsere Kinder erfeuten sich am Sandspielen, am Meer, an der Sonne, aneinander und am Eis, dessen Eistafel sie lange studierten.

Meine Freundin und ich begannen
(woher der Einfall kam, weiß ich nicht mehr) Armbänder zu knüpfen. Es gab Bänder in vielen Farben. Ich lernte manche Farben auf griechisch: mavros, aspro, ble, kokkino, kitrino, kafe, gri, portokali.

Wir kauften viel bunte Bänder in alten Geschäften, die es heute sicher nicht mehr gibt, weil die alten Besitzer verstorben sind.
..und knüpften und knüpften voller Freude.
5,6 verschieden färbige Bänder wurden am Ende verknotet,
mit einer Sicherheitsnadel angespickt auf Hosenbein oder Leibchen.

Auch die Kinder fanden Gefallen am Knüpfen und machten es geschickt.

Bald hatte jede, jeder von uns ein Freundschaftsband, ein buntes Band ums Handgelenk.

Denke ich heute an Lesbos, dann überfluten mich Traurigkeit und Verzweiflung.
Wo ist die Menschlichkeit ??????

Ich habe noch viele Bänder zu Hause, von damals.
In meiner Phantasie knüpfe ich sie,
viele Bänder der Hoffnung.

© 2021 Eva Radon
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