Mut zur Veränderung

Von Sabine Reifenstahl

Zum ersten Mal seit Langem sitze ich auf der Sonnenterrasse eines Cafés und schlürfe genießerisch meinen Cappuccino, feiere den Tag und schreibe mir nebenher die Dunkelheit von der Seele …

Automatisch denke ich an die Zeit zurück, als mir verweigert wurde, allein irgendwohin zu gehen, mich Schwatzen und Lachen zusammenzucken ließ. Beim Anblick von Pärchen spürte ich einen brennenden Schmerz im Magen und fragte mich, warum mir solches Glück verwehrt blieb. Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Glück fällt einem zuweilen in den Schoß, Glücklichsein erfordert persönlichen Einsatz, zeitweise sogar mehr – man muss dafür kämpfen.
Der Versuch, diese Erkenntnis umzusetzen und Freiräume einzufordern, führte zu endlosen Streitereien, denen eisiges Schweigen folgte. Nichtbeachtung als Bestrafung, das funktioniert nur temporär; wenn die Liebe schwindet, verliert sie ihre Macht. Als Mittel zur Konfliktlösung ist sie ungeeignet, denn Auseinandersetzungen werden nicht ausgetragen, sondern totgeschwiegen, lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, schwelen heimlich, bis ein Flächenbrand entsteht.
Viel früher hätte ich mich wehren müssen gegen diese Art von Einengung, auf Unabhängigkeit bestehen, mich mit Freundinnen treffen sollen. Doch wenn man liebt … Lange rechtfertigte ich das Kontrollverhalten meines Partners mit Besorgnis. Kameraüberwachung und Geotracking als Zeichen von Zuneigung? Es war von Eifersucht getriebene Überwachung.
Die Beleidigungen und Vorwürfe häuften sich, aus Hinnehmen und Hoffen auf Besserung wurde Gegenwehr, ich zog die Reißleine – und ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vor. Zu diesem Zeitpunkt vermochten selbst Drohungen mich nicht mehr einzuschüchtern.
Wer einmal in dieser Situation war, kennt das Problem: Für eine unabsehbare Zeit wird es schlimmer, bevor es besser werden kann. Diese Tatsache ist stets präsent. Opferschutz und Anwälte leisten Beistand, vor körperlichen Schäden vermögen sichere Häuser zu bewahren, sofern man den Weg dorthin wagt. Es erfordert Stärke, Hilfe anzunehmen. Egal, ob physische oder psychische Gewalt, der Druck ist enorm.
Meinen Weckruf erhielt ich in einem Büro des Weißen Rings. Die rechtlichen Register waren gezogen, ich fühlte mich dennoch hilflos und suchte Rat.
Eine verständnisvolle Mitarbeiterin hörte mir zu. Von ihr erfuhr ich von der No-Stalk-App, die Beweise sicher dokumentiert, selbst wenn das Mobiltelefon in die falschen Hände gerät. Gezielte Fragen lieferten die Erkenntnis, an einen Psychopathen geraten zu sein; nichts, was man wahrhaben will, das sich jedoch bestätigen sollte. Es wurde schlimmer als erwartet …

»Ist der Platz da frei!«, sagt jemand und reißt mich aus den Gedanken. Die tiefe Männerstimme summt im Magen, löst ein ewig vergessenes Gefühl aus. Nachdenklich schaue ich von meinem Notizbuch auf, blicke in ein freundliches Gesicht und nicke. Im Augenwinkel bemerke ich ein verliebtes Pärchen, das herumalbert und knutscht. Der Anblick weckt Sehnsucht. Wann hatte ich zum letzten Mal Schmetterlinge im Bauch, fühlte mich geliebt?
Mein Gegenüber studiert die Karte, ohne mich aus den Augen zu lassen, sendet eindeutige Signale; mir gefallen die Grübchen in den Wangen und die zahllosen Lachfältchen. Falter erwachen, flattern zaghaft herum.
»Darf ich mich vorstellen? Ich bin Mark. Möchten Sie noch etwas trinken?« Was für ein Timbre, sonor und warm. Einen Herzschlag lang genieße ich das Kribbeln, die wundervolle Stimmung. Dann schüttle ich den Kopf und stehe auf.
»Ich bin frei!«, erkläre ich bestimmt und ernte ein verständnisloses »Aha!«
Eilig zahle ich und laufe die Straße entlang, von Hochstimmung beschwingt. Das Notizbuch presse ich wie einen Schutzschild vor die Brust, es erinnert an die Freiheit, die ich mühsam errungen habe. So zauberhaft Schmetterlinge sein mögen, verzichte ich auf die irrwitzigen Tiere im Bauch, verteidige meine Unabhängigkeit. Daher beendete ich den Flirt, bevor er anfangen konnte.
Vielleicht besitze ich irgendwann den Mut für dies riskante Spiel, heute schreckt mich die Gefahr, das Wissen darum, wie schnell aus der Leichtigkeit von Insektenflügeln bitterer Ernst resultiert.

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