Unnütze Berufe

Von Rolf Jungklaus

Wie hat es doch schon Loriot so trefflich in einem seiner Sketche formuliert? „Reiterinnen werden ja immer gebraucht.“ Da möchte ich doch gleich hinzufügen, dass auch Bergsteiger immer gebraucht werden. Und ich habe das Gefühl, dass die Menge der unnützen Berufe auch noch ständig zunimmt.
Früher waren Studiengänge, vor allem geisteswissenschaftliche wie Germanistik oder Philosophie, dazu gedacht, dass Sprösslinge aus Adelskreisen, von Großgrundbesitzern oder Forst- und Bergwerkseigentümern oder Nachkommen von Manufakturen und Industrieunternehmen sich etwas Bildung aneignen sollen, bevor sie dann in das Geschäftsleben eintreten und bestenfalls am Ende die jeweilige Führung übernehmen. Dass aus diesen Studiengängen jemals eine berufliche Karriere entstehen könnte, daran dachte wohl wirklich niemand. Heute bevölkert ein ganzes Heer von Germanisten, Amerikanisten, Historikern, Kunstgeschichtlern, Philosophen, ja sogar Theologen unsere Gesellschaft. Und wie oft kann man in Stellenanzeigen lesen, dass ein Autokonzern einen Historiker sucht oder ein IT-Unternehmen einen Philosophen sucht? Richtig: nie! Ich könnte diese Aufzählung nahezu unendlich fortsetzen. Andererseits finde ich es ja auch gut, dass Menschen sich intensiv mit Geisteswissenschaften befassen. Aber nur wenn man das als Bildung und eben nicht als das Erlernen eines Berufs versteht.
Auch ich habe studiert. Mein Studienfach nannte sich „Gesellschafts- und Wirtschaftskommuni-kation“. Das klingt auch irgendwie grenzwertig, oder? Blickt man auf die Studienabgänger meiner Zeit, so ist dieser Zweifel „Bildung versus Beruf“ auch durchaus gerechtfertigt. Ich weiß, dass ich etwas übertreibe wenn ich behaupte, dass die Hälfte der Absolventen anschließend im Bereich Werbung/Marketing arbeitete, während die andere Hälfte Taxifahrer/in wurde.
Nun gibt es aber eine Berufsgruppe, die ich ganz persönlich und auch nur rein intuitiv als die unnützeste aller Berufsgruppen bezeichnen möchte: die Barista und Somelliers. Ich meine damit nicht die Kaffeezubereiter und Weinkellner, die es – wie man so sagt – schon immer in der gehobenen Gastronomie gegeben hat, sondern die heute als „ Genuss-Experten“ schon fast glorifizierten Zeitgenossen. Oh, bei Wein unterscheidet man 500 verschiedene Aromastoffe und bei Kaffee sogar 800! Entschuldigung, ich kann das nicht. Und was habe ich davon, dass andere das können? Was bringt mir das? Das bringt mir doch überhaupt gar nichts, oder? Natürlich kann auch ich bei Wein zwischen sauer, süß, fruchtig, leicht und schwer unterscheiden. Und auch dass Wein im Abgang anders schmeckt als „frisch auf der Zunge“. Außerdem habe auch ich gern verschiedenen Wein zu verschiedenen Speisen. „White wine with the fish“ wie der Engländer sagt. Und gerne trinke ich frischen jungen Weißwein zum frisch geernteten Spargel und Retsina zum Gyros und mal ist mir zur Pasta an lauen Sommerabenden ein leichter Rotwein lieber als ein schwerer und lang gereifter. Mir reicht das völlig aus. Natürlich könnte auch ich meine Geschmackssinne schulen. Aber brauche ich dazu eine Anleitung? Und bei Kaffee geht es mir genauso. Meine Lieblingssorte habe ich schon lange entdeckt. Schon öfter habe ich die Marke allein wegen der Abwechslung variiert, bin aber immer zu „meiner“ zurückgekehrt. Und dann haben mir diverse Barista im Fernsehen erzählt, wie minderwertig meine Lieblingsmarke ist. Da war ich dann vollends von meiner Abneigung gegenüber Barista und Somelliers als Berufsstand überzeugt. So, das musste ich mal loswerden.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal wiedergeboren werde, habe ich den Beruf für mein nächstes Leben bereits gewählt. Im nächsten Leben werde ich Fußballerfrau.

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