Alltag

Von Michael Wiedorn

Ich blicke auf die vergangenen Jahre. Ich sehe eine öde Abfolge von leeren Alltagsmonaten und – jahren. Weite Teile meines Lebens habe ich in hellen Treppenhäusern oder Hallen mit weiß gestrichenen Mauern verbracht. Auf Straßen im hell leuchtend grauen Tageslicht. Kein Verfall, keine Zerstörung – kein zerbröckelnder Verputz, keine eingeschlagenen Fenster, keine vermodernden Mauern. Kleine, saubere, schlichte Metallplatten neben den Hauseingängen, auf denen der Namen eines Notars oder Arztes steht mit Angabe der Sprechstunden. Firmenschilder mit dem Namen einer Glaserei oder einer Kfz-Werkstatt. Jeder Tag ist ein umtriebiger Leerlauf.
Viele sagen: das ist das Leben, das ist die Wirklichkeit. Seien wir froh, daß es uns hier in Europa so gut geht. Im Fernsehen wird genau und langwierig über ein Stadtfest in Rosenheim oder Schwerin oder Gießen berichtet. Die Imbißbetreiber beklagen sich, daß sie in diesem Jahr nicht soviel eingenommen haben wie in den Jahren davor. Ja, der Regen in diesem Jahr! Eine fade Blondine – eine Stadtfestbesucherin – wird zu ihrer faszinierenden Meinung befragt. Sie ist in diesem Jahr vom Fest enttäuscht. Nächstes Jahr – hofft sie – ist das Wetter besser. Sie steht im Regen und alles ist grau. Wir können garnicht ausdrücken, wie wurst uns das Alles ist. Werbung: Media-Markt, Allianz, Langnese. Die fade Blondine hat sich längst in Luft aufgelöst. Mein Blick fällt beim Gang durch die Straßen auf einen Spiegel. Ich sehe: mein Gesicht ist grau und grämlich. Der ewige Gleichlauf des Alltags. Leichen haben graue Gesichter. Der kreischende Lärm eines Pkws fährt durch den Schneematsch an mir vorbei. Stechende Kopfschmerzen zersägen meine Hirnmassen. Ich blicke vorwärts auf die Straße. Farblose, moderne Fassaden von Wohnhäusern in weiß, grau und beige. Ich denke an meine Zukunft und sehe mich in den Jahren immer grauer werdend in vielen nüchtern ausgestatteten Treppenhäusern die Treppen immer langsamer und schwerer schnaufend die Treppen auf- und ablaufen, zwischen hell gestrichenen Mauern auf Straßen im hell leuchtend grauen Tageslicht laufen. Ich fühle mich matt und der Schmerz bohrt tief in meinen Schädel.

© 2021 Michael Wiedorn
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