Dampfhummeln

Von Anna B.

Karla arbeitet in einem großen Spital in Wien. Derzeit ist sie auf einer Covid-Station eingesetzt und ist physisch und psychisch total erschöpft. Seit Wochen hofft sie auf ein freies Wochenende. Endlich ist es soweit. Die Lage hat sich etwas entspannt und sie kann von Freitag bis Sonntag frei nehmen. Zu Mittag setzt sie sich ins Auto und fährt aufs Land ins Haus ihrer Eltern, das sie vor einigen Jahren geerbt hat. Es wird abwechselnd von Familienmitgliedern oder Freunden für kurze Aufenthalte benutzt. Oft steht es wochenlang leer. An diesem spätsommerlichen Freitag scheint die Sonne. Sie setzt sich mit einem Buch auf die Terrasse, verlässt aber bald die Lektüre und schaut in den großen Garten. Ihre Gedanken schweifen in die Vergangenheit, in ihre Kindheit und Jugend. Sie wuchs in diesem Haus auf, ihre Mutter züchtete Hühner und Gänse. Im Garten wuchsen Obstbäume diverses Gemüse, Kräuter und Beeren. Die Familie hatte immer einen Hund und viele Katzen. Karla sah sich als 12-jähriges Mädel im Garten mit Frida, der Hündin. Eines Tages wurde sie krank und starb nach einigen qualvollen Tagen an einer Vergiftung. Karlas Vater begrub das Tier im Garten unter einem Baum, der später gefällt werden musste. Auf dem verbliebenen Stumpf malte Karla mit roter Farbe „Frida“, was noch heute schwach zu entziffern ist. Dann schweiften ihre Gedanken zu den Katzen. Da gab es den riesengroßen Kater Viktor, der ein goldbraungestreiftes Fell hatte und sich nur von ihr streicheln ließ, alle anderen wurden beim Versuch, mit ihm zu kuscheln, gekratzt und gebissen. Vielleicht liebte Karla diesen Kater gerade deshalb. Er wurde sehr alt, plötzlich kippte er in der Küche um und stand nicht wieder auf. Wahrscheinlich starb er an einem Herzinfarkt. Karla begrub das Tier unter einem Strauch nahe bei der Terrasse. Sie sagt zu sich selbst: „So blöd, wieso denk ich an diese toten Viecher, gibt’s nichts Netteres woran ich mich erinnern könnte. Und warum lese ich nicht meinen Krimi?“ Bevor es kühl und dunkel wurde, rauchte sie noch eine Zigarette und trank ihr Glas Wein aus, dann ging sie in das muffig riechende Haus. Der Geruch hatte sich auch trotz Lüften nicht restlos aus den Räumen vertreiben lassen. Sie setzte sich ohne viel Konzentration noch eine Stunde vor den Fernseher, putzte sich die Zähne und ging todmüde ins Bett. Sie schlief schnell ein. Bald aber überfiel sie ein Alptraum, der wie ein Film an ihr vorbei zog. Der Garten tut sich in Nebel gehüllt vor ihr auf. Die Erde bei dem Frida-Baumstumpf und dem Katergrab bewegt sich und langsam kommen kleine Monster herausgekrochen, Kobolde mit glühend roten Augen, schwarzem zerzaustem Fell und dicken langen Schwänzen. Sie hüpfen auf einander zu und kopulieren wie wild. In Windeseile vermehren sie sich, der ganze Garten ist von den schaurigen Kreaturen bevölkert. Sie schwärmen aus und beißen alle Menschen im Ort in die Beine oder in den Bauch. Ihre Zähne sind giftig, die Menschen fallen um und bleiben auf der Straße liegen. In Angst und Panik laufen die Leute in ihre Häuser und trauen sich nicht mehr heraus. Die Kobolde werden nervös und schwirren orientierungslos herum. Plötzlich ist ein unglaublich lautes Brummen zu hören und ein dicker grauer Dampf überzieht den ganzen Ort. Millionen Hummeln kommen herangeflogen, aus ihren Hintern strömt übel stinkender Dampf, der sich über die Kobolde ausbreitet, die daraufhin taumelnd und jaulend zusammenbrechen und nicht mehr aufstehen. Die Straßen sind voll übersät mit Koboldleichen. Die Dampfhummeln verziehen sich so schnell wie sie gekommen waren. Karla schreckt auf und macht Licht. „Was war denn das für ein Scheiß? Ich wollte mich hier erholen und ausschlafen. Und dann so ein Alptraum.“ Es war 5:00 Uhr in der Früh und sie konnte nicht mehr einschlafen. Sie wälzt sich noch 2 Stunden im Bett hin und her, döst ein bisschen vor sich hin. Dann steht sie auf und hat keine Lust mehr, das Wochenende hier allein zu verbringen. Nach dem Frühstück packt sie ihre Sachen und fährt zurück nach Wien. Dort ist gerade ihr Sohn Klaus aufgestanden und sitzt noch etwas zerdrückt bei Kaffee und Semmel mit Butter und Marmelade. Sie erzählt ihm von dem Traum, der ihr das Wochenende verpatzt hat. Klaus kommentiert. „Du bist eindeutig überarbeitet, von der Situation im Spital überfordert und hast derzeit keinen Liebhaber. Es ist echt Zeit, dass sich das ändert.“

© 2021 Anna B.
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