Haderer

Von Johannes Morschl

Berlin, Dienstag 28. April 2020, kurz vor Mitternacht. Haderer sitzt in seinem Wohnzimmer, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und trinkt ein Gläschen Wodka. Er blättert in einem Taschenbuch mit den Aphorismen von Karl Kraus herum und bleibt an einem Aphorismus hängen: „Ich und das Leben: Die Affäre wurde ritterlich ausgetragen. Die Gegner schieden unversöhnt.“ Er sagt: „Wie würde ich das für mich formulieren? Vielleicht so: Ich und das Leben: Die Affäre war ein einziges Missverständnis. Wir lebten aneinander vorbei.“

Berlin, Mittwoch 29. April 2020, früher Nachmittag. Haderer sitzt in seiner Küche, trinkt schwarzen Kaffee, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und liest die Berliner Zeitung. Er hat gerade einen Artikel über ein Spiegel-Interview mit dem ehemaligen Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf gelesen. Er sagt: „Die mokieren sich in der Zeitung über Castorf, weil er in dem Spiegel-Interview gesagt hat, er fühle sich durch die von der Regierung verordneten Beschränkungen der Grundrechte in seinen Bürgerrechten verletzt. Er verbitte es sich, dass man sich Sorgen um ihn mache. Er sei nicht bereit, gerettet zu werden. Er wolle sich nicht von Frau Merkel mit weinerlichem Gesicht sagen lassen, dass er sich die Hände waschen soll. Das beleidige seine bürgerliche Erziehung. Zu Letzterem fällt mir ein: Ich komme zwar aus einer Arbeiterfamilie, aber da hat man sich auch die Hände gewaschen. Ich mache das sogar noch heute, ja nicht nur das, ich gehe fast jeden Tag unter die Dusche. Ansonsten möchte ich zu Castorf kommentieren: Ich bin zwar auch kein Freund von Zwangsverordnungen, aber die Verordnung mit dem Abstandhalten finde ich bezüglich einiger Zeitgenossen gar nicht so schlecht. Ja, von so manchen würde ich mir einen Abstand von nicht bloß anderthalb bis zwei Metern wünschen. Das wäre mir viel zu nahe. Zehn Kilometer würden mir vielleicht reichen.“

Berlin, Samstag 2. Mai 2020, vormittags. Haderer sitzt an seinem Schreibtisch, trinkt schwarzen Kaffee und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er hat noch vom Vortag eine kleine Spieldose vor sich stehen, die er immer am 1. Mai aus einer Schublade hervorholt. Sie ist so etwas wie sein 1. Mai-Fetisch. Auf der Vorderseite der Spieldose sieht man einen jungen Mann mit einer wehenden roten Fahne, links von ihm Rosa Luxemburg und rechts von ihm Karl Liebknecht. Darüber steht in roter Schrift: DIE INTERNATIONALE. Wenn man die Kurbel der Spieldose dreht, ertönt die Melodie der Internationale. Haderer spielt dreimal hintereinander die Melodie der Internationale, wobei er die Kurbel immer langsamer dreht, sodass die Pausen zwischen den einzelnen Klängen immer länger und länger werden. Danach sagt er in bedächtigem Ton: „Am 2. Mai ist der 1. Mai vorbei.“ Er legt die Spieldose in die Schublade zurück.

Dann versinkt er in Erinnerungen an die Zeit um 1968 in seiner Heimatstadt Wien. Er sagt: „Habe damals keine Demo ausgelassen, ebenso keine Gelegenheit für Sex mit einer Frau. Bei beiden hatte ich aber so meine Befürchtungen. Vor einer Demo hatte ich die Befürchtung, dass außer mir niemand kommen würde. Und nach dem Sex mit einer Frau hatte ich die Befürchtung, dass es zu einer Zweierbeziehung kommen könnte. Die erste Befürchtung war unbegründet, da sich immer zumindest eine Handvoll Leute bei einer Demo einfand. Die zweite Befürchtung erwies sich jedoch manchmal als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Meine Zweierbeziehungen hielten aber nie lange, da ich nur ein Verhältnis mit mir selbst hatte, und das war allein schon für mich kaum auszuhalten, geschweige denn für meine Partnerinnen.“

Berlin, Donnerstag 7. Mai 2020, etwa eine Stunde vor Mitternacht. Corona hat noch immer Hochkonjunktur. Es ist die große Zeit der Virologen, von deren Existenz man vorher kaum etwas gewusst hat. Haderer sitzt in seinem Wohnzimmer und singt in Anlehnung an die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill:

„An der Spree grauem Wasser
Fallen plötzlich Leute um!
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heißt: Corona geht um.“

Danach sagt er: „Dachte ja immer, als Raucher sei man besonders gefährdet, wenn sich’s der Virus an der Lunge gütlich tut. Hat man jedenfalls bisher immer behauptet. Jetzt vermutet man aber in Frankreich genau das Gegenteil. Möglicherweise habe Nikotin eine gewisse Schutzwirkung gegen Corona. Diese Vermutung beruht auf der geringen Anzahl an Rauchern unter den Corona-Patienten in den Kliniken. Dachte mir zuerst, dies sei von der französischen Zigarettenindustrie in die Welt gesetzt worden, da man einen Rückgang des Absatzes befürchtete. Wird jedoch von statistischen Studien aus anderen Ländern bestätigt. Na, wenn ich ein Coronavirus wäre, könnte ich mir auch etwas Leckereres vorstellen, als eine Raucherlunge zu befallen.“ Er dreht sich eine Zigarette und gießt sich ein Gläschen Wodka ein.

Berlin, Sonntag 10. Mai 2020, vormittags. Haderer sitzt an seinem Laptop, raucht eine selbstgedrehte Zigarette und trinkt schwarzen Kaffee. Er studiert im Internet die aktuelle Berliner Corona-Statistik des Robert-Koch-Instituts: 6.261 registrierte Infizierte, 19 mehr als am Vortag, und 165 Todesfälle, einer mehr als am Vortag. Er sagt: „Und was ist mit allen anderen Todesfällen, die mit Corona nichts zu tun haben? Gibt es nur noch Corona-Tote? Und was ist mit den Geburten? Und wer ist mehr zu bedauern, die Toten oder die Neugeborenen?“ Ihm fällt ein Spruch von Henri Michaux ein: „Mangels Sonne versuche im Eis zu reifen.“ Er sagt: „Befürchte, dies kommt auf die Neugeborenen zu, selbst wenn die Sonne scheint.“

Berlin, Donnerstag 14. Mai 2020, nach 23 Uhr. Haderer trinkt ein Gläschen Wodka und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er sagt: „Bin des ganzen Corona-Irrsinns überdrüssig. Aber man kann dem nicht entgehen. Die WHO sagt, man wird auch in Zukunft mit dem Coronavirus leben müssen. Wäre ja nicht der erste Virus, mit dem man leben muss, und es wird sicher auch nicht der letzte sein. Eines Tages kommt vielleicht ein absoluter Killervirus, der zum Untergang der Menschheit führt. Und wenn dann vielleicht irgendwann später Aliens auf der Erde landen und noch erhaltene Skelette von Menschen und noch erhaltene Statuen finden würden, etwa ein paar der vielen Goethe- und Schiller-Denkmäler, würden sie sich biegen vor Lachen. Ihr Lachen würde vielleicht wie ein Scheppern klingen, und sie würden in ihrer Sprache sagen: ‚Lustig haben diese Wesen ausgesehen, aber auch irgendwie gruselig mit nur zwei Augen, zwei Beinen und zwei Greifarmen. Kein Wunder, dass sie ausgestorben sind. Wenn sie so wie wir drei Beine, vier Greifarme und auch hinten Augen gehabt hätten, dann hätten sie eine höhere Überlebenschance gehabt. Und außerdem klebten ihre Ohren eng an den Köpfen. Sie konnten ihre Ohren nicht ausfahren so wie wir. Und überhaupt waren ihre Gehirne viel zu klein. Unsere sind viel größer.‘ Vielleicht würden sich die Aliens über das Aussehen der Menschen derartig bescheppern, dass aus ihren vorderen und hinteren Augen Ströme von Tränen fließen und Pfützen um ihre drei Füße bilden würden. Und dann würden sie auf ihre Art zu singen anfangen und Töne wie von Fliegeralarmsirenen von sich geben, bei denen jeder Mensch sofort vor Schreck Schutz gesucht hätte.“

Haderer stoppt und sagt sich: „Halt! Da ist dir jetzt die TV-Doku Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt dazwischengekommen. Sirenen heulen. Fliegeralarm vor den Bombenangriffen der Amerikaner und Engländer. Menschen fliehen in Keller und Luftschutzbunker. Ist eher unwahrscheinlich, dass Aliens Töne wie von Fliegeralarmsirenen von sich geben würden. Nein, das passt nicht, wenn sie scheppernd lachen. Ihr Gesang würde sich ebenfalls wie ein Scheppern anhören. Würden ein höchst sonderbares Stimmorgan haben.“

Dann fallen Haderer die von Verschwörungstheorien Besessenen ein, die an den sogenannten Hygienedemos gegen die von der Regierung erlassenen Sonderverordnungen teilnehmen. Er sagt: „Na, die dürfen nicht erfahren, was ich mir da ausmale, sonst nehmen sie das mit den scheppernden Aliens für bare Münze und glauben, Bill Gates stehe bereits mit den Aliens in Verbindung und wolle sie mit Hilfe der WHO auf die Erde holen, um von ihnen als Herrscher der Erde eingesetzt zu werden. Die Menschen würden vorher auf Befehl von Bill Gates und der WHO zwangsgeimpft werden, angeblich gegen den Coronavirus, aber in Wirklichkeit würde man ihnen eine chemische Substanz verabreichen, die sie zu willenlosen Befehlsempfängern macht.“

Berlin, Sonntag 17. Mai 2020, abends. Haderer trinkt ein Gläschen Wodka und pafft eine selbstgedrehte Zigarette. Er guckt sich im Fernsehen einen alten Hitchcock-Film an: Der Mann, der zu viel wusste, mit Doris Day und James Stewart. Als Doris Day gegen Ende des Films am Klavier spielt und mit etwas kreischender Stimme „Que sera, sera, whatever will be, will be“ singt, gibt es eine kurze Tonstörung, die an das Geräusch eines knatternden Pupses erinnert, so als wäre Doris Day während des Klavierspielens und Singens einer entwichen. Haderer bekommt einen Lachanfall. Sein Lachen klingt jedoch höchst verdächtig, nämlich scheppernd. Er erschrickt über sein schepperndes Lachen und fragt sich: „Bin ich etwa gar ein als Mensch getarnter Alien, einer dieser scheppernd lachenden Aliens, der als Spion auf der Erde abgesetzt wurde? Bin ich etwa gar ein Mann, der zu viel weiß, ja so viel, dass er sich gar nicht alles merken kann und schon wieder vergessen hat, eigentlich ein Alien zu sein?“

Er hält kurz inne und sagt dann: „Das ist aber eine sehr gewagte Hypothese. Das Einzige, was daran stimmt, ist, dass ich mit zunehmendem Alter immer vergesslicher geworden bin. Weiß aber immerhin noch, wie ich heiße und wo ich mich befinde. Beim Schreiben wird es allerdings immer problematischer. Da vergesse ich inzwischen schon während des Schreibens, was ich gerade geschrieben habe, und setze mit etwas fort, das in keinem Zusammenhang mit dem vorher Geschriebenen steht. Am Schluss wundere ich mich immer, was für ein wirres Zeug dabei herausgekommen ist. Anfangs, als ich dies feststellen musste, löschte ich das Geschriebene wieder. Aber jetzt lasse ich es stehen, da es mir zu mühselig ist, immer wieder von neuem zu beginnen. Ich rechtfertige es vor mir selbst als Écriture automatique, eine surrealistische Technik des Schreibens, bei der das bewusste, kontrollierende Ich ausgeschaltet wird.“

Danach beschließt Haderer, in den Untergrund zu gehen, aber nur in einen rein literarischen Untergrund. Wenn er etwas veröffentlichen würde, dann auf keinen Fall unter seinem bürgerlichen Namen. Er beschließt, fortan nur noch unter dem völlig unauffälligen Pseudonym Virius Bombastus Travnicek zu veröffentlichen. Er sagt: „Man könnte mich dann zwar sehen, aber mir nichts Verdächtiges ansehen. Ich wäre dann zwar im Licht, aber gleichzeitig im Dunkeln.“ Doch dann sagt er sich: „Am besten wäre es allerdings, gar nichts mehr zu veröffentlichen. Dies wäre noch viel konspirativer. Und wenn eines fernen Tages tatsächlich Aliens auf der Erde landen und in einer Ruine meine schriftlichen Ergüsse finden würden und diese entschlüsseln könnten, würden sie sofort erkennen, welch großartiger Autor…“ Er stoppt und sagt: „Bitte nicht größenwahnsinnig werden.“ Dann gießt er sich noch ein Gläschen Wodka ein und singt die letzte Strophe der Moritat von Mackie Messer, die Brecht 1930 anlässlich der geplanten Verfilmung der Dreigroschenoper hinzugefügt hat:

„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

© 2021 Johannes Morschl
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(Auszug aus dem Text Haderer, 2020)